Vergessene Zielgruppe

Spezielle Sprachkurse für sehbehinderte Flüchtlinge eröffnen neue Chancen

Blindenschrift © Jason Pearce @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Für blinde oder stark sehbehinderte Flüchtlinge ist es sehr schwierig, einen geeigneten Deutschkurs zu finden. Hannover ist einer von nur vier Orten deutschlandweit, in denen solche Kurse angeboten werden. Von Stefan Korinth

Eigentlich wollte Rakan Dolmez später als Richter arbeiten. Der Traum des jungen Irakers schien jedoch von einer Sprengstoff-Explosion weggerissen worden zu sein. Ein Blindgänger detonierte in seiner Heimatstadt, dem nordirakischen Dohuk. Die Explosion riss dem damals 20-Jährigen seinen rechten Arm vom Körper und raubte ihm das Augenlicht.

Heute sitzt Rakan, inzwischen 28 Jahre alt, in einem kleinen sonnigen Unterrichtsraum in Hannover und tippt mit der linken Hand auf einer sogenannten Ohnhänder-Punktschriftmaschine, einer Schreibmaschine für Blindenschrift. Er ist seinem Traum, der so weit weg schien, wieder ein gutes Stück näher gekommen. Rakan lernt hier im Stadtteil Roderbruch Deutsch und träumt davon, irgendwann ein Jura-Studium zu beginnen. „Er ist mein bester Schüler“, sagt seine Lehrerin Julia Baaske stolz.

Rakan hatte das Glück, das nur wenige blinde und stark sehbehinderte Flüchtlinge hierzulande haben: Er wohnt in einer von vier Städten, in der Deutsch-Sprachkurse genau für diese Zielgruppe angeboten werden. Neben Hannover gibt es solche spezialisierten Kurse laut Baaske sonst nur noch in Hamburg, Chemnitz und Stuttgart.

Vergessene Zielgruppe

In der niedersächsischen Landeshauptstadt gründete die Sprachlehrerin 2017 mit zwei weiteren Gesellschaftern die Bildungsakademie für soziale Teilhabe. Hier bieten sie normale Sprachkurse für Flüchtlinge an. Aber da Baaske in ihrem Umfeld zahlreiche Kontakte zu Blinden und Sehbehinderten hat, entstand auch die Idee, ein spezielles Angebot für diese ansonsten „vergessene Zielgruppe“ zu entwickeln.

Durch Firmenspenden und mit finanzieller Unterstützung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erhielten Baaske und ihre Kollegen Computer, Bildschirm-Lesegeräte, Tastaturen für Blindenschrift, moderne Software und weitere Hilfsmittel. Insgesamt 13 Betroffenen in zwei Kursen könnten so angemessen unterstützt werden. Sehbehinderte können Buchseiten per Monitor in starker Vergrößerung betrachten und die Passagen fokussieren oder per Knopfdruck auf Sprachausgabe umstellen. Das nutzen auch vollblinde Teilnehmer wie Rakan, die zusätzlich mit anderen Hilfsmitteln unterstützt werden.

Anschluss schnell verloren

Manche Sehbehinderte hätten zuvor Kurse für Sehende besucht und dort schnell den Anschluss verloren, sagte Baaske. Die spezielle Förderung bei der Bildungsakademie zeige hingegen Erfolg. Die Schüler sprächen schon nach zwei Monaten im Kurs passables Deutsch. Die Motivation der Betroffenen sei sehr hoch. Selbst in der brütenden Hitze des Sommers waren immer alle Schüler da, sagt Baaske: „Nicht mal Pausen wollten sie machen.“ Im Sprachkurs erkennen sie ihre große Chance, im deutschen Alltag besser zurechtzukommen und schließlich auch eine Arbeit zu finden.

So wie Rakan. Er kam mit seinen Brüdern vor zwei Jahren nach einer lebensgefährlichen Flucht über die Türkei, das Mittelmeer, Griechenland und die Balkan-Route nach Hannover. Doch in den Flüchtlingsunterkünften hier fühlte er sich unnütz und wertlos. „Er war traumatisiert und hatte Selbstmordgedanken“, berichtet Julia Baaske. Nun erkenne er in seinem Leben wieder einen Sinn. Am Ende des Kurses stehen Sprachprüfungen an, die für eine weitere Ausbildung etwa am Landesbildungszentrum für Blinde qualifizieren. Rakan möchte alle nötigen Abschlüsse erwerben, um sein Jurastudium beginnen zu können. Und Julia Baaske meint: „Wir halten das durchaus für realistisch.“ (epd/mig)

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