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Migration und Integration in Deutschland

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Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978
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Pauken im Gemeindehaus

Aus Flüchtlingshilfe wurde ein Hausaufgaben-Treff für das ganze Dorf

Bei der Hausaufgabenhilfe der evangelischen Kirchengemeinde in Jugenheim fragt niemand mehr, wer Flüchtlingskind ist, und wer schon immer da war. Und auch die Lehrer sammeln wertvolle Erfahrungen.

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Eine Schulklasse (Symbolfoto) © vauvau auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Worin sich die Buchstaben K und G voneinander unterscheiden, darüber muss der siebenjährige Zuhair manchmal noch etwas länger rätseln. „Meine Lehrerin gibt immer so schwere Hausaufgaben auf“, beschwert sich der Junge aus dem rheinhessischen Dorf Jugenheim in akzentfreiem Deutsch. „Das ist total unfair.“ Zweimal pro Woche kommt der Zweitklässler, dessen Familie vor einigen Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen war, zur Hausaufgabenbetreuung ins örtliche evangelische Gemeindehaus – zusammen mit rund einem Dutzend anderer Kinder. Was als Projekt der örtlichen Flüchtlingshilfe begann, richtet sich inzwischen an alle Schüler aus der kleinen Ortschaft.

Insgesamt sieben Lehrkräfte kümmern sich um die Jugenheimer Kinder, sie erhalten eine kleine Aufwandsentschädigung. Finanziert werde das Projekt mit Fördermitteln aus der Integrationspauschale des Bundes, berichtet Sabine Klein, der die Idee zu dem Nachhilfe-Treff kam, nachdem sie eine Weile eine Asylbewerberfamilie mit Kindern aus Afghanistan betreut hatte. Inzwischen wird das Angebot gut angenommen – auch von Familien, die schon lange in Jugenheim wohnen. „Höchstens zwei Kinder könnten wir noch unterbringen“, sagt sie. Für mehr reicht der Platz auch im größten Raum der Kirchengemeinde nicht.

Willkommen im Dorf

Seit über fünf Jahren, als die ersten Flüchtlinge inmitten in den rheinhessischen Weinbergen ankamen, ist vor Ort die Initiative „Willkommen im Dorf“ aktiv und eng mit der evangelischen Kirche verbunden. Denn ziemlich am Anfang der Arbeit hatte ein Beschluss gestanden, das nicht mehr benötigte historische Pfarrhaus zu verkaufen, damit dort Wohnungen für Flüchtlinge entstehen konnten. Die Initiatoren der Flüchtlingshilfe waren von der Idee überzeugt, dass Integration auch und gerade in kleinen Dörfern gut funktionieren kann. Schnell wurde Jugenheim wegen seiner engagierten Dorfbewohner auch überregional zu einer Ort Vorzeigekommune in Sachen Flüchtlingshilfe.

Jan-Claudius Günther ist einer der sieben Lehrkräfte, die nachmittags in Jugenheim mit den Schülern arbeiten. Im Hauptberuf unterrichtet er Deutsch als Zweitsprache an einer Realschule plus mit vielen Zuwandererkindern in einem Vorort von Mainz. Dort stünden die Kollegen aufgrund der wachsenden Anforderungen unter großem Druck. Die eigentlich vorgesehene Doppelbesetzung mancher Schulstunden mit zwei Lehrern falle häufig weg.

Dreien statt Fünfen

Im Vergleich dazu herrschten in dem Nachhilfeprojekt traumhafte Arbeitsbedingungen, die sich auch auf die Leistungen der Schüler auswirkten. Einer seiner Schützlinge, der 13-jährige Younis, bringt mittlerweile Dreien statt Fünfen nach Hause. Für Günther ist der Hausaufgabentreff von „Willkommen im Dorf“ auch so etwas wie eine Experimentierstube: „Ich kann hier Dinge ausprobieren, davon profitiere ich auch als Lehrer.“ Extrem hilfreich sei zum Beispiel der Einsatz von Würfelkästen. „Die Kinder spielen zusammen und merken gar nicht, dass sie Kopfrechnen üben.“

Von der jüngsten Sommerloch-Debatte über eine Vorschulpflicht bei fehlenden Deutschkenntnissen und separate Zuwanderer-Klassen hält der Mainzer Lehrer nicht viel: „Es ist wichtig, dass die Kinder von Anfang an ihre Mitschüler kennen.“ Auch Zuhair, Younis und all den anderen aus Jugenheim hat das Miteinander im Dorf und in der Schule genutzt. Obwohl sie mit der Rechtschreibung manchmal noch auf Kriegsfuß stehen, sprechen praktisch alle längst akzentfrei Deutsch. (epd/mig)

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