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Warum werden sie hineingelassen? Um die Bürger des Staates von harter und unangenehmer Arbeit zu befreien?

Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

Ausstellung

Arbeit unterm Hakenkreuz

Arbeitskräftemangel, Anwerbekommissionen, Sanktionen bei Sozialleistungen – das Reichsarbeitsministerium war eine wesentliche Stütze des Naziregimes, wie eine neue Ausstellung in Berlin zeigt.

Topographie des Terrors, Ausstellung, Reichsarbeitsministerium, Nationalsozialismus
Katalog: "Das Reichsarbeitsministerium 1933–1945: Beamte im Dienst des Nationalsozialismus" © Stiftung Topographie des Terrors

Die Berliner Gedenkstätte Topographie des Terrors präsentiert eine Ausstellung über das Reichsarbeitsministerium im Dienst des Nationalsozialismus. Gezeigt wird, wie das bisher meist als einflusslos dargestellte Ministerium die nationalsozialistische Diktatur entscheidend stützte, teilte die Stiftung Topographie des Terrors mit.

So beteiligten sich die Beamten unter anderem maßgeblich an der Organisation des Zwangsarbeitereinsatzes und an der Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen wie etwa Juden und KZ-Häftlinge und deren Familien. An Hand zahlreicher Einzelbeispiele werden die Auswirkungen der Arbeits- und Sozialpolitik im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten veranschaulicht. Dazu gibt es zahlreiche Porträts von leitenden Beamten und von Menschen, die unter dem staatlich streng reglementierten Arbeitskräftemarkt leiden mussten.

Die Ausstellung präsentiert die Ergebnisse einer Unabhängigen Historikerkommission, die seit 2013 die Geschichte des Reichsarbeitsministeriums in der NS-Zeit erforscht hat. Der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, verwies auch auf den Handlungsspielraum, der Beamten wie etwa Amtsärzten in der NS-Zeit verblieb, um das Schicksal Betroffener zu erleichtern. Die Ausstellung ist bis zum 8. Oktober zu sehen.

Beeindruckend und erschreckend

In einem Vorwort im Katalog zur Ausstellung spricht Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) von beeindruckenden und vor allem erschreckenden Forschungsergebnissen, die erstmals in der Ausstellung präsentiert werden. Als besonders dunkles Kapitel bezeichnete Heil die aktive Beteiligung des Ministeriums und der nachgeordneten Behörden etwa an der Diskriminierung und Verfolgung von Juden sowie der Rekrutierung von Zwangsarbeitern. Juden sei die Auszahlung von Sozialleistungen verweigert worden und sie mussten Zwangsarbeit leisten. Mitarbeiter der Arbeitsämter, so Heil, hätten in den Ghettos darüber entschieden, wer arbeitsfähig sei und wer nicht – und deshalb in ein Vernichtungslager deportiert wurde.

Das Reichsarbeitsministerium sei eine wesentliche Stütze des NS-Regimes gewesen, betonte Nachama. „Spätestens ab Kriegsbeginn war menschliche Arbeitskraft Mangelware.“ Das Ministerium habe seinen Einflussbereich während des Zweiten Weltkrieges erheblich ausgedehnt, vor allem in den besetzten Gebieten. Die Ausstellung zeigt dies am Beispiel der Ukraine. So habe es zwischen Gestapo, der SS und dem Reichsarbeitsministerium in vielen Bereichen eine enge Zusammenarbeit gegeben, sagte Nachama. Dabei verwies er etwa auf die Verfolgung von Menschen, die ohne Kündigung ihren Arbeitsplatz wechseln wollten oder bei der Rekrutierung von Zwangsarbeitern in der besetzten Sowjetunion.

Entrechtung der Arbeitnehmer in der NS-Zeit

Die Kuratorin der Ausstellung, Swantje Greve, verwies auf die „zunehmende Entrechtung“ der Arbeitnehmer in der NS-Zeit. Mitspracherechte über Arbeitsort und -bedingungen seien zunehmend eingeschränkt worden. Ziel der Ausstellung sei es, so Greve, zu zeigen, wie die Ministerialbürokratie das Regime gestützt hat.

Die Erforschung der NS-Geschichte des Arbeitsministeriums geht auf einen Beschluss des Bundestages und der Bundesregierung zurück, wie der Sprecher der unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des Reichsarbeitsministerium, Alexander Nützenadel, sagte. Mittlerweile liegen demnach Forschungsberichte mehrerer Bundesministerien und von Bundesbehörden vor. (epd/mig)

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Ein Kommentar
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  1. Ute Plass sagt:

    Dem auch hierzulande immer wieder tönenden Credo:
    ‚Arbeit, Arbeit über alles‘ , wohnt weiterhin ein Unheimliches inne.



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