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Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Buchtipp zum Wochenende

Operation Deutschlernen. Das neueste Buch von Abbas Khider

Ist das Leben zu kurz, um Deutsch zu lernen? Abbas Khider hat diese Frage für sich mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Über das Deutschlernen geht er in seinem neuen Buch aber weit hinaus. Es ist nicht nur sprachlich eine interessante Lektüre.

Buch, Cover, Deutsch für Alle, Abbas Khider
"Deutsch für alle" von Abbas Khider © Hanser Verlag

VONFrancesca Polistina

Francesca Polistina, geboren 1986, kommt aus Italien und wohnt seit einigen Jahren in Deutschland. Sie schreibt über Politik, Gesellschaft und Kultur für diverse Medien. Mehr über sie gibt es auf Twitter.

DATUM1. März 2019

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Es gibt einen Spruch, der bei Deutschlernenden egal welcher Herkunft immer wieder auftaucht, und der lautet: „Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen“. Es ist nicht klar, woher er stammt: manche sagen Mark Twain, manche Oscar Wilde oder Richard Porson. Es ist auch nicht klar, was genau damit gemeint ist: ist die deutsche Sprache zu kompliziert, um überhaupt gelernt zu werden? Oder ist das Leben tatsächlich zu kurz, um mit dem Erlernen der deutschen Sprache vergeudet zu werden? Jedenfalls ist die Reaktion bei Nichtmuttersprachlern meistens ähnlich: man freut sich über das Zitat, man fühlt sich in guter Gesellschaft, ja sogar erleichtert.

Dem Erlernen der deutschen Sprache hat nun der Schriftsteller Abbas Khider sein neustes Buch gewidmet. Ihm reicht es nicht, dass geteiltes Leid halbes Leid ist, er will die Initiative ergreifen und die Sprache erneuern: logischer und einfacher soll sie werden, und dadurch auch für Ausländer zugänglich. In Deutsch für alle (Hanser Verlag, 2019) sammelt er und begründet ausführlich seine Änderungsvorschläge, was übrigens unter Deutschlernenden nicht selten vorkommt. Denn jeder, der zum ersten Mal mit dem Deutschen in Berührung kommt, hat bald Ideen, wie man es erneuern könnte – und teilt sie gerne mit. Häufig geht es darum, Sprachelemente abzuschaffen oder zu vereinfachen. Bei Abbas Khider ist es so: Deklinationen sollen ausfallen, Fälle reduziert werden, Artikel und Nomina unveränderbar bleiben, Verben nach dem Subjekt platziert werden. Insgesamt weniger Buchstaben, weniger Ausnahmen, mehr Regelmäßigkeit. Das Endprodukt ist freundlicher und leichter, eine Art Kompromiss zwischen einer natürlichen und einer Plansprache à la Esperanto. Und tja, das könnte sogar gut funktionieren.

Abbas Khider ist 1973 in Bagdad geboren. Nach Deutschland ist er mit über Zwanzig gekommen, einem Alter also, in dem „das Erlernen der deutschen Sprache in ihrer gegenwärtigen Form fast nicht zu bewältigen“ ist. Dass er nun Bücher auf Deutsch schreibt, ist der Beweis dafür, dass er nicht aufgegeben hat – doch das war, wie er selbst einräumt, „ein jahrzehntelanger Kampf“. Dieser lange und mühsame Prozess des Lernens wird im Buch mit einer großen Portion Humor geschildert: die Prosa ist amüsant, die Anekdoten aus dem Leben des Autors sind manchmal bitter aber trotzdem witzig präsentiert, die Vorschläge, mit denen er die deutsche Sprache erneuern will, absurd aber gleichzeitig ausgeklügelt.

Die sprachliche Ebene ist allerdings nicht die einzige, warum Deutsch für alle eine durchaus lustige und interessante Lektüre ist. Zwischen einem sprachlichen Exkurs und einem grammatikalischen Änderungsvorschlag führt der Autor den Leser durch seine ersten Jahre in Deutschland: die Reise über Italien, das Jobben in München („In jener Zeit arbeitete ich für eine Reinigungsfirma in München und putzte frühmorgens die Büroräume einer Frauenzeitschrift, die Freundin heißt, und am Nachmittag putze ich ein privates Krankenhaus“), gleichzeitig das Lernen für die Abiturprüfung im Irak, kurz nach dem Sturz der Diktatur. Es folgten das Studienkolleg in Potsdam, der Erwerb des deutschen Abiturs und endlich das lang ersehnte Magisterstudium der Komparatistik an der Universität München. Schließlich die Flucht aus München nach Berlin („Es gab keine Woche in Bayern, in der ich nicht mindestens ein Mal grundlos von Polizisten kontrolliert wurde“) und der Wechsel zur Uni Potsdam, wo er ebenfalls mit Rassismus konfrontiert wurde („Ich will hier jetzt nicht ausführlich erzählen, wie einige von ihnen mal aus einem Auto heraus auf uns spuckten und ‚Ausländer raus!‘ riefen“). Im Hintergrund der Erzählung bleibt natürlich die deutsche Sprache, die von einer unüberwindlichen Hürde zwischen dem Autor und den großen Philosophen allmählich zum beherrschenden Element wurde.

Migrationsgeschichten wie die von Abbas Khider sind häufiger als man denkt, nur finden sie in der Regel keinen Platz in der kollektiven Wahrnehmung. Deshalb ist es schön aber vor allem wichtig, dass sich Erstgenerationsmigranten zu Wort melden und über ihr Ankommen in Deutschland – eine Phase, die häufig mehrere Jahre in Anspruch nimmt – berichten: aus unterschiedlichen Gründen passiert das leider immer noch zu selten, und häufig liegt das eben an dem Schwierigkeitsgrad der deutschen Sprache. Der berühmte Satz „Du sprichst aber gut Deutsch!“, mit dem immer wieder ausländisch aussehende Menschen angesprochen werden, mag zurecht die Zweitgenerationen nerven. Doch was für eine unglaubliche Freude, ja sogar Stolz, das bei ihren Eltern auslösen kann, das können nur diejenigen verstehen, die jahrelang mit den strengen Regeln der deutschen Grammatik zu kämpfen hatten.

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