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Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

#MeTwo

Die Richtung stimmt. Der Gegenwind bläst aus drei Richtungen.

Jede Erfahrung, jedes Gefühl steht eigentlich für sich und ist nicht kommentierbar. Man kommentiert sie nicht, weil es keinen Ort für das Beurteilen von Gefühlen und Erfahrungen anderer Menschen gibt, es sei denn, man erhebt sich über sie. Von Cantürk Kıran

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Unter dem Twitter-Hashtag "MeTwo" berichten Betroffene über Alltagsrassismus © MiG

VONCantürk Kıran

Cantürk Kiran ist Politikwissenschaftler und forscht zum NSU-Komplex. Zuletzt erschienen: „Verfassungsschutz als Superexekutive?“ In: Kritische Justiz, Heft 3, 2017.

DATUM1. August 2018

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RESSORTAktuell, Meinung

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Vor ein paar Tagen habe ich wie tausende andere einen Tweet unter dem Hashtag #MeTwo abgesetzt. Innerhalb weniger Sekunden wurde ich getrollt. Was verwundert, da mein Twitter-Account eher ein Schattendasein führt und ich kaum Follower habe. Der Hashtag #MeTwo muss also gezielt beobachtet worden sein von rechtsaußen. Die beleidigenden Kommentare nahmen solche Ausmaße an, dass manche, die unter #MeTwo einen Erfahrungsbericht gepostet hatten, diesen wieder gelöscht haben – weil sie dieses Übermaß an negativen Reaktionen auf ihren Accounts nicht mehr ertragen konnten.

Keiner der #MeTwo-User hat eine andere Person beleidigt. Alles, was diese Menschen getan haben, war, über ihre eigenen Gefühle, ihre eigenen teilweise traumatischen Erfahrungen zu berichten und das haben sie auch im Großen und Ganzen nicht vorwurfsvoll getan, sondern voller Spannung und Erwartung, dass sich daraus etwas Positives entwickelt. Das war durchaus naiv, aber auch irgendwie schön und ist hochpolitisch.

Erstaunliche Reaktionen

Die Kampagne #MeTwo verfolgte damit den Zweck, in einen Dialog zu treten mit Menschen mit und ohne Rassismuserfahrung, um gemeinsam einander besser zu verstehen. Für das Heranbilden von Neuem ist es aber nötig, zuzuhören. Dass von Rechtsaußen daran kein Bedarf besteht, war vorherzusehen. Die Schnelligkeit und Heftigkeit der Reaktionen, vor allem aber der sich dahinter verbergende Ressourcenaufwand ist doch erstaunlich.

Jede Erfahrung, jedes Gefühl steht eigentlich für sich und ist nicht kommentierbar. Man kommentiert sie nicht, weil es keinen Ort für das Beurteilen von Gefühlen und Erfahrungen anderer Menschen gibt, es sei denn, man erhebt sich über sie, oder man ist auf Twitter unterwegs. So weit, so erwartbar.

Nerv getroffen

Die harschen Reaktionen in Artikeln und Berichten in den klassischen Medien hingegen haben gezeigt, dass man auch einen Nerv in der Mitte der Gesellschaft getroffen hat: Wer sich sofort angegriffen fühlt von reinen Erfahrungsberichten anderer, der hat definitiv ein Problem, dem er sich stellen sollte.

Denen, die über Rassismus sprechen, wird in der Regel vorgeworfen, sie inszenierten sich als Opfer. Doch latent geht es hier um materielle Vorteile. Den Menschen, die sich in den Medien abfällig bis pseudosolidarisch zu #MeTwo äußern, ist durchaus irgendwo verborgen bewusst, dass jeder Schritt, den sie hier von ihrer komfortablen Position zurückweichen, einen Raum freigibt, den sie an die andere, die benachteiligte Seite verlieren werden. Natürlich geht es hier um Positionen, Stellen und Chancen.

Im Sinn verkehrt

In einem Artikel in der Welt schreibt Matthias Heine, man könne sich nicht einfach vom Deutschsein verabschieden. Özil und die #MeTwo-User täten dies aber. Rekapituliert man aber den Anfang der Debatte, dann weiß man, dass Özil nach seinem Foto mit Erdogan das Deutschsein stante pede aberkannt wurde. Heine schreibt, es beruhe auf Freiwilligkeit, dass Özil und Co. sich vom Deutschsein verabschiedeten, doch das Gegenteil ist der Fall: Ihm und vielen weiteren wird das Deutschsein die ganze Zeit aberkannt.

Die Argumente der Menschen mit Rassismuserfahrung werden also aufgenommen, im Sinn verkehrt und ihnen dann wieder zugeschoben. Aus schwarz wird weiß und aus weiß wird schwarz. Friedrich Küppersbusch wird in der taz mit den Worten zitiert: „Özil beruft sich auf die Werte seiner Mutter, die offenbar gerade Urlaub hatte, als er mit Offshore-Firmen Steuern hinterzog.“

Verschleiernde Sprache

Angesichts der verschleiernden Sprache in den Medien, wenn es um Rassismus geht – bis heute wird in Deutschland von „Fremdenangst“ und „Ausländerfeindlichkeit“ gesprochen, wenn Rassismus gemeint ist – ist auch dies keine wirklich große Überraschung, nur die Heftigkeit und Schnelligkeit der Abwehr verwundert. So weit, so schlimm.

Nun ist zum Hashtag #MeTwo ein weiterer hinzugekommen: #MyGermanDream. Unter diesem Hashtag berichten Menschen mit Rassismuserfahrung von den positiven Seiten ihres Lebens in Deutschland, von den Dingen also, für die sie dankbar sind. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur der Zeitpunkt ist falsch. Nur einen Tag, nachdem sich eine große Gruppe von Menschen getraut hat, öffentlich über persönliche, durchaus traumatische Dinge zu schreiben, setzt schon eine Gegenbewegung innerhalb dieser Gruppe ein. Ob gewollt oder nicht, wird damit denjenigen, die ihre traumatischen Erfahrungen teilen, unterschwellig signalisiert, dass sie mehr Dankbarkeit zeigen sollen. Hier kommen die Reaktionen also von innen. Der Raum für das vorwurfslose Äußern eigener Erfahrungen wurde rasend schnell von innen verengt. Das war die größte Überraschung der letzten Tage. So weit, so falsch.

Von Betroffenen gesetzt

Ein überwältigender Erfolg dieser kurzen #MeTwo-Kampagne ist, dass nun zum ersten Mal in einer breiten Öffentlichkeit über Rassismus gesprochen wird, weil die davon betroffenen Menschen dieses Thema selbst gesetzt haben.

Soll Rassismus aber dauerhaft Thema bleiben, dann ist dies ein längerer politischer Kampf, dann darf man nicht schon nach ersten, erwartbaren, aber auch überraschenden Reaktionen aufgeben. Im öffentlichen Diskurs wird einem nichts geschenkt. Man muss mit Gegenwind rechnen und damit umgehen lernen. Die Schnelligkeit und Heftigkeit der Reaktionen auf den Hashtag #MeTwo ist jedoch bemerkenswert. Der Gegenwind bläst einem direkt aus drei Richtungen ins Gesicht: aus der Troll-Ecke rechtsaußen, aus der Mitte der Gesellschaft und aus dem Inneren der Gruppe von Menschen mit Rassismuserfahrung. Die Richtung stimmt also. Jetzt heißt es, dem Gegenwind standhalten.

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2 Kommentare
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  1. Ute Plass sagt:

    Cantürk Kıran: „Jetzt heißt es, dem Gegenwind standhalten.“

    ….und dafür einen langen Atem entwickeln. Dem Beklagenswerten Ausdruck zu verleihen ist notwendig und wichtig. Nicht weniger wichtig und not-wendig: Deutlich machen, was es braucht für das gute Leben aller Menschen.

    Der Deutschlandfunk startet gerade eine Denkfabrik-Aktion und will wissen,
    „..mit welchen großen Fragen wir uns Ihrer Meinung nach auseinandersetzen sollten.“ https://www.deutschlandradio.de/denkfabrik.3618.de.html



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