MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Buchtipp zum Wochenende

Warum gründen Türken eigentlich eigene Fußball-Vereine?

Fenerbahçe Istanbul Marl, Türkspor Dortmund, Türkiyemspor Berlin. In deutschen Kreisliegen spielen viele „türkische“ Fußball-Vereine. Stefan Metzger hat untersucht, warum Migranten eigene Vereine gründen. Ein wichtiger Grund: Ausgrenzung.

Spiel, Türken, Migranten, Sport, Fußball
Stefan Metzger (2018): Das Spiel um Anerkennung: Vereine mit Türkeibezug im Berliner Amateurfußball Reihe: Studien zur Migrations- und Integrationspolitik. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-19261-7, 1. Aufl. 2018, XV, 210 S. © Springer, bearb. MiG

Wer einen Blick auf die Kreisligatabellen in Deutschland wirft, der findet dort Namen wie Fenerbahçe Istanbul Marl, Türkspor Dortmund oder Türkiyemspor Berlin. Allein im Ruhrgebiet gibt es etwa 50 Vereine mit türkischem Namen, in Berlin sind es etwa 25. Warum gründen Migranten eigene Vereine, wenngleich es gerade in diesen Ballungsräumen bereits zahlreiche etablierte Vereine gibt?

Mit dieser Frage hat sich Stefan Metzger in seiner Doktorarbeit im Fachbereich Politikwissenschaft an der Uni Münster beschäftigt. Heute forscht er am Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) zu den Themen Migration, Integration und Arbeit.

Reihe: Studien zur Migrations- und Integrationspolitik. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-19261-7, 1. Aufl. 2018, XV, 210 S.

„Viele Menschen begegnen den Vereinen mit Türkeibezug misstrauisch, auch weil sie diese als relativ geschlossen empfinden und kaum Einblick erhalten,“ so Metzger. Um das zu ändern, begleitete er drei Vereine mit Türkeibezug in Berlin über die Saison 2012-2013 intensiv. Er führte zahlreiche Interviews, besuchte Turniere, Spiele und Feste, aber auch Sportgerichtsverhandlungen oder Schiedsrichterfortbildungen: „Ich habe den Alltag im Berliner Amateurfußball aus der Perspektive der Migranten beobachtet. Wie unter einem Brennglas werden dort die Herausforderungen der Migrationsgesellschaft sichtbar, die auch für andere gesellschaftliche Teilbereiche gelten.“

Dabei fing alles mit einer Frage an: „Warum gründen die sich überhaupt?“ Mit dieser Frage wurde Metzger in Gesprächen mit Amateurfußballern, Ehrenamtlichen, Zuschauern und Fußballfunktionären über Fußballvereine, die von Migranten gegründet wurden, immer wieder konfrontiert. Warum gründen sich Vereine, obwohl es in Deutschland doch bereits genügend Fußballvereine gebe? Oftmals stand hinter der Frage echtes Interesse.

Nicht selten war die Frage aber auch als Aussage formuliert: „Warum gründen die sich überhaupt!“, hieß es dann mit ablehnendem Unterton, der weniger auf Interesse denn auf Unverständnis schließen ließ. Denn die Vereine werden in der Regel negativ wahrgenommen. Schnell wird von einer Parallelgesellschaft gesprochen, in der sich die Mitglieder der Vereine abschotten würden. Doch wie ist die Frage wissenschaftlich zu bewerten? Handelt es sich um eine Dopplung oder um eine Ergänzung zivilgesellschaftlicher Strukturen?

Die Gründungsmotive der Vereine lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Einerseits wurden die Vereine aus ganz herkömmlichen Motiven gegründet. Man wollte im Freundes- und Bekanntenkreis organisiert Fußball spielen und sich auch verstärkt um den Nachwuchs kümmern. Die Kinder von der Straße holen, hieß es oftmals von den Vereinsgründern. Andererseits fühlten sich viele Vereinsgründer in den etablierten Vereinen nicht willkommen. Das gilt für die aktiven Fußballspieler, noch vielmehr aber für Personen, die ein Ehrenamt übernehmen wollten, z.B. als Trainer, Kassenwart oder im Vereinsvorstand.

Gerade in den 1970ern und 1980er Jahren, als ein Großteil der Vereine mit Türkeibezug gegründet wurde, waren diese Positionen oft langfristig vergeben. „Vielen türkeistämmigen Vereinsgründern war es auch wichtig, den Sport im Einklang mit kulturell-religiösen Werten ausüben zu können, wie z.B. den Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch. Das passt nicht immer zu Bier und Bratwurst, die Standardnahrung in vielen etablierten Vereinen“, fasst Metzger zusammen.

Letztendlich kommt Metzger zu dem Schluss: „Die untersuchten Gründungsmotive sprechen nur teilweise für eine Dopplung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Die Forschungsergebnisse legen vielmehr nahe, dass sich die Vereine mit Türkeibezug in eine vielfältige Migrationsgesellschaft einfügen, in dem sie spezifischen Interessen von hier lebenden Menschen und Gruppen nachkommen.“

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

Ein Kommentar
Diskutieren Sie mit!»

  1. Dr. Rita Zellerhoff sagt:

    Die wissenschaftliche Arbeit von Stefan Metzger ist wirklich herausragend. Ihren Kommentar kann ich voll inhaltlch teilen.
    Als überzeugend finde ich besonders die Reklamation der
    jungen Menschen auf ihre freie Sprachenwahl!

    Darf ich Ihre Leser auf meine ausführliche REZENSION des Buches von Stefan Metzger hinweisen, die am 05.03.2018 auf SOCIALNET erschienen ist.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...