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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

„Gehen Sie zurück in Ihre Heimat!“

Ablehnungsschreiben an syrischen Azubi-Bewerber macht sprachlos

Salim F. ist syrischer Flüchtling und gut angekommen in Deutschland. Er hat die Sprache gelernt und Qualifikationen anerkennen lassen. Ihm fehlt nur noch ein Ausbildungsplatz. Statt einer Stelle bekommt er jetzt einen gut gemeinten Rat: Er solle zurück in seine Heimat. Der Krieg sei vorbei.

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Das Ablehnungsschreiben an Salim F. © MiGAZIN

Salim F. (26, Name geändert) kam vor knapp zwei Jahren als syrischer Flüchtling nach Deutschland. Er lebt in Bonn und ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er spricht bereits Deutsch auf B1-Niveau und bereitet sich aktuell auf seine B2-Prüfung vor. Sein Abitur aus der Heimat hat er in Deutschland anerkennen lassen, seinen Führerschein ebenfalls. „Viele Ausbildungsstellen fragen nach dem Führerschein“, sagt er dem MiGAZIN.

Anfang Dezember entdeckt er auf Facebook eine Stellenanzeige, die zu ihm passt. Ein Autohaus in der Nähe expandiert und sucht nach Azubis. Salim F. bewirbt sich auf die Stelle. „Ich habe mich wirklich gut vorbereitet und ordentlich beworben“, betont er im Gespräch mit MiGAZIN. Um sicherzugehen, lässt er die Bewerbungsunterlagen sogar beim Arbeitsamt kontrollieren. „Super Bewerbung“, bescheinigt ihm die Beraterin – Anschreiben, Lebenslauf, Sprache, Form.

Hinweis: An dieser Stelle war die Facebook-Stellenausschreibung des Autohauses zu sehen. Die Anzeige wurde vom Autohaus inzwischen entfernt.

Gut eine Woche später liegt auch schon Post im Briefkasten. Es ist ein Ablehnungsschreiben. Das Autohaus sei nach Auswertung der Unterlagen zu dem Ergebnis gekommen, dass Salim F. nicht die Vorgaben erfülle. Bei der weiteren Auswahl werde er daher nicht berücksichtigt. Soweit keine Überraschung für Salim F.

Empfehlung: Gehen Sie zurück!

Doch im nächsten Satz gibt das Autohaus Salim F. einen Rat, der dem Bewerber die Sprache verschlägt: „Ich möchte Ihnen eher die Empfehlung aussprechen, in Ihr Land zurückgehen [sic], da der Krieg beendet ist und Sie dort dringend benötigt werden, um es wieder aufzubauen.“ In dem Schreiben ist der Geschäftsführer des Autohauses als Ansprechpartner genannt.

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Dieses Ablehnungsschreiben erhielt Salim F. auf seine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz in einem Autohaus © MiGAZIN

Salim F. traut seinen Augen nicht: „Ich habe seit meiner Ankunft in Deutschland wirklich alles unternommen, um einen Ausbildungsplatz zu finden. Ich kann verstehen, wenn die Leute einen nicht haben wollen. Aber so etwas hätte ich mir niemals vorgestellt. Ist das normal in Deutschland?“, fragt er im Gespräch mit diesem Magazin.

Rechtsexpertin: Starkes Indiz für Diskriminierung

Anissa Bacharwala, Rechtsexpertin für Antidiskriminierungsrecht, sieht in dem Schreiben ein starkes Indiz für einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Möglicherweise habe der Betroffene Anspruch auf Entschädigung und Schadensersatz. Das AGG verbietet Benachteiligungen unter anderem wegen der ethnischen Herkunft.

Auf Nachfrage des MiGAZIN wollte sich das Autohaus zu dem Vorgang nicht äußern. Der Geschäftsführer ließ am Telefon ausrichten, dass man über „interne Vorgänge“ nicht mit Dritten rede.

Update: Autohaus entschudligt sich

Updade 20.12.2017, 19:48 Uhr
Das Autohaus hat in einer öffentlichen Stellungnahme auf Facebook auf die Kritik reagiert und sich für das Ablehnungsschreiben entschuldigt. „Durch eine nicht nur dumme, sondern auch inhaltlich falsche Darstellung gegenüber eines Bewerbers durch eine verantwortliche Person unseres Unternehmens, werden wir zu Recht kritisiert. Wir möchten uns für diese Äußerung entschuldigen und werden personelle Konsequenzen aus diesem Vorfall ziehen“, heißt es darin.

Das Autohaus kündigt an, Kontakt zu dem Bewerber zu suchen, um sich persönlich zu entschuldigen. Außerdem wolle man Salim F. um „persönliches Vorstellungsgespräch bitten“.

Kurze Zeit nach Erscheinen des MiGAZIN-Artikels hagelte es Kritik auf der Facebook-Seite des Autohauses. Die Rheinische-Post und Neues Deutschland haben den Vorfall ebenfalls aufgegriffen und darüber berichtet. (es)

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35 Kommentare
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  1. Sehr geehrte Redaktion,

    Bitte stellen Sie einen Kontakt zu dem Bewerber her, wir möchten ihm gerne einen Ausbildungsplatz in unserem sehr internationalen Team anbieten.

    Er möge uns bitte per Mail kurz anschreiben, wir telefonieren dann gern mit ihm.

    Vielen Dank

  2. Dr. Edelgard Hanses sagt:

    Neben dem abscheulichen, völlig empathielosen Inhalt dieser Absage sind in dieser Ablehnung auch noch Rechtschreibfehler zu verzeichnen.
    Im richtigen Deutsch heißt es „… zurückzugehen …“ und nicht „zurückgehen“. Damit disqualifiziert sich der Verfasser für alle Jobs im Personalwesen + für jeden anderen Beruf.

    Wir sollten uns immer vergegenwärtigen,
    dass es nicht mein / unser Verdienst ist,
    zur richtigen Zeit = nicht im Mittelalter, wo ich als Hexe verbrannt worden wäre,
    am richtigen Ort im reichen Deutschland,
    in der richtigen, nicht bildungsfernen Familie
    geboren worden sein zu dürfen.

    Und unser Lebensstil mit einem der katastrophalsten ökologischen Fußabdrücke, unsere Waffenexporte und unsere Politik-Experten produzieren die Flüchtlinge als hilflose Opfer einer grandios verfehlten Weltpolitik.

  3. Stefan sagt:

    1.
    Asyl ist temporäre (sic!) Aufnahme, bis der Asylgrund weggefallen ist.
    Der Bürgerkrieg ist vorbei, der Asylgrund somit nicht mehr gegeben.
    Insofern ist der Rat des Mitarbeiters nicht rassistisch (es heißt ja eben NICHT „wir stellen Sie nicht ein, weil Sie Jude/Araber/Sinti/Russe“ sind.

    Auch eine ethnische Diskriminierung kann man ausschließen (es heißt genausowenig „wir stellen Sie nicht ein, weil Sie Protestant/Hindu/Buddhist/Atheist sind“).

    Tatsächlich ist (völlig wertungsfrei) dieser Rat im Grunde die Ausformulierung der immer noch bestehenden rechtmäßigen Verpflichtung, die diesem Asylsuchenden aufzuerlegen ist. Dass diese Rechtsgrundlagen seit 2015 missachtet werden, ändert daran erst einmal GAR NICHTS!

    Das können nur hauptberufliche Bahnhofswillkommensklatscher und Vollzeit-Bereicherer „unfassbar“ finden.

  4. Hans Meierhof sagt:

    Sicher ist der Nachsatz im Antwortschreiben der Firma nicht akzeptierbar.

    Wir sollten aber nicht so tun, als wären Migranten aus dieser Region die idealen Mitarbeiter, wo es im Publikumsverkehr geht.
    Ich erwarte als Käufer einen gut ausgebildeten und einwandfreies Deutsch sprechenden Mitarbeiter.
    Dass der Geschäftsführer jetzt eine solche Stellungnahme abgeben muss, zeigt, dass wir nicht in der Lage sind, Klartext zu sprechen.
    Der junge Mann wird sicher eine andere Stelle bekommen können, sofern er anerkannter Asylbewerber ist.
    Anderenfalls ist er nur mit subsidiärem Schutz auf Zeit hier in Deutschland und muss das Land ohnehin wieder verlassen, sobald sich die Verhältnisse in Syrien zum Gutem gewendet haben.

    MfG
    H.M.

  5. Alexander sagt:

    Der Grundgedanke ist nicht mal so falsch.

    Wer baut eigentlich Syrien nach dem Krieg wieder auf?

    Wäre der Syrer ein Russe wäre er eine schande
    für die meisten lebenden Menschen in Russland.

    In der USA und anderen Ländern genauso bzw. bin ich
    mir sicher das Syrer , die ihr Land lieben und gerade aufbauen ,
    das genauso sehen.

  6. Hemmerich Peter sagt:

    Hallo!
    Stellen Sie sich vor, alle Arbeitgeber nehmen Asylberberwerber aus Syrien + anderen Staaten. Aber wir haben mehrere Millionen deutsche, die eine Stelle suchen und unabsichtlich arbeitslos wurden. Zuerst diese müssen berücksichtigt werden!!!
    So müssen Asylbewerber nach Beendigung eines Krieges, wieder in ihr Land
    zurück und es wieder aufbauen.. Denn, wenn das so weitergeht und wir alle in unserem Land behalten, geht es soweit, dass wir Gäste unseres eigenen Landes werden!!!

    MfG
    Peter Hemmerich

  7. Wolfgang sagt:

    In der Schweiz dürfen Jobs nur an Ausländer vergeben werden, wenn sich kein Schweizer darauf meldet. Das sollte man hier auch einführen, u. nicht Ausländer einstellen die möglichst billig arbeiten. German first sollte auch hier gelten. Im übrigen ist der Bürgerkrieg in weiten Teilen Syriens längst beendet. Asyl bedeutet nicht, wie einige hier meinen, das man ein Recht darauf hat hier zu bleiben u. zu arbeiten.

  8. Albert R. sagt:

    Hallo.

    Ich schließe mich dem „Autohaus“ an.
    Ich kann doch einstellen wen ich will, und auch ablehnen wen ich will.

    Ich gehe sogar noch ein Schritt weiter.
    Ich suche seit 2 Jahren eine Ausbildungsstelle (2. Bildungsweg).
    In diesem Jahr habe ich nachweislich über 154x Bewerbungen geschrieben.
    Davon ca. 18x Alltagsbgeliter / Betreuungskraft, ca. 117x Ausbildung Verwaltungsfachangestellter, Rest Ausbildung Immobilienkaufmann.
    Bisher nur Absagen, trotz Realschulabschluss mit Note 2,1.
    Stellenweise werden Leute aus Flüchtlingsländern eingestellt, nur um sich als Firma hinzustellen „Wir stellen Flüchtlinge ein.“
    Und wo bleiben wir Deutschen?
    In einer Ausschreibung in der Stadtverwaltung Wolfsburg stand klar drinn: “ …wir fordern auf, das sich Flüchtlinge mit Migrationshintergrund vorrangig zu bewerben haben.“ Hallo? Was hier los in Deutschland?
    Flüchtlinge, die noch nicht einmal deutsch können, sollen in einer Stadtverwaltung arbeiten?
    Schlimmer noch, Flüchtlinge bewerben sich bei der Polizei und lassen sich ausbilden. Da soll ich dann noch Respekt vor der Polizei haben wenn ein dahergelaufener Flüchtling in gebrochen deutsch was will? Das ist doch schon im Krankenhaus so, irgendwelche indischen Ärzte die was gebrochen deutsch reden wollen mich behandeln? Niemals.

    Und da wundern sich die politischen Wasserköppe das die AFD mehr zuspruch bekommt?
    Die sind doch alle selber dran Schuld.

    Schlimmer noch, ICH SCHÄME MICH WIRKLICH LANGSAM EIN DEUTSCHER ZU SEIN.
    Ich bin am überlegen meinen Pass wegzuwerfen, mich wohin zustellen,
    „Ix niggs teusch.“ und zack bekomme ich meine Ausbildung.

    Ach ja, und die ganzen schlauen Sprüche Ausländerfeindlich etc.
    Beispiel aktuell, Weihnachtsfeier in der Schule, nur weil sich da eine Muslime aufregt weil der es nicht passt, wird das nicht gefeiert. Hallo, haben die den Schuss nicht gehört?
    WIR sind hier in Deutschland, wir sind ein christliches Land und feiern seit tausenden von Jahren Weihnachten. Wenn es der nicht passt soll die doch zu Hause bleiben, aber wegen der sollen wir auf das Fest verzichten?
    Armes Deutschland.

    Die ganzen Länder ringsum rücken Richtung rechts. Nur wir Deutschen sind echt zu blöde, und wenn was gesagt wird sind wir dann gleich Nazis?
    Geile Logik.

    Und ja, wir brauchen endlich mal wieder jemanden der mal was grade rückt, und Eier in der Hose und mal dazu steht und nicht so ein Weichspülerkurs was die Oma Merkel fabriziert.

    In diesem Sinne.

  9. Wassss sagt:

    Spricht auch Bände über die katastrophale Leistung unserer Medien. Die Leute haben hier am Ende scheinbar echt gedacht, dass der Krieg in Syrien um ISIS ginge und jetzt wo es ISIS fast nicht mehr gibt wäre der Krieg vorbei.

    Jungs: ISIS war in Syrien nur ein Nebendarsteller. Der Hauptkrieg läuft immer noch zwischen SAA+Hisbollah+Iran (russische Unterstützung) und FSA/Ahrar(türkische Unterstüzung)+HTS.

  10. Stefanie Eronen sagt:

    Manche Kommentare hier sind der Gipfel. Und der Neid, des Deutschen, der sich ANGEGLICH 145x beworben haben will, tja. Deine abwertenden KOmmentare ueber ausländische MItbuerger lassen sehr tief blicken. Indische Ärzte, igittigitt! Dass diese Menschen in Deutschland Steuern zahlen und deinen arbeitslosen Arsch mitfinanzieren, scheint dir wohl zu entgehen. Ist ja schön, dass du versuchst, was aus dir zu machen, aber mit deinem 2,1 Realschulabschluss vom 2. Bildungsweg hast du einfach kein Recht auf jemanden neidisch zu sein, der mit Abitur sich auf ne Stelle bewirbt, egal welcher Herkunft. Der mit Abitur hat halt schlicht und einfach mehr geleistet als du. So einfach ist das.

    Wähl halt deine AfD und heul halt, dass Ausländer auch in Deutschland Möglichkeiten bekommen, wenn sie denn nur hart genug arbeiten. Das könntest du doch auch mal probieren, härter arbeiten? Wenn dein 2,1 Realschulabschluss vom 2. Bildungsweg nicht reicht, wie wärs dann mal vielleicht dran zu arbeiten, oder willst du weiterheulen, dass besser qualifizierte Ausländer Jobangebote kriegen, die deiner Meinung nach DIR zustehen? Ändere was, mach was, bilde dich weiter, aber hör mit deinem jämmlichen Geheule auf. Echt widerlich. Lern ne Fremdsprache, das erweitert den Horizont.

    MAn man man. Liebe Gruesse aus FInnland, von einer Deutschen, die sich ebenfalls 2 Jahre um einen Studienplatz bemueht hat, sich ordentlich den Arsch aufgerissen hat, um Finnisch zu lernen, und um Kriterien zu erfuellen, und nie geheult hat, dann nach 2 Jahren fuer harte Arbeit mit einem Studienplatz belohnt wurde.


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