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Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

„Gehen Sie zurück in Ihre Heimat!“

Ablehnungsschreiben an syrischen Azubi-Bewerber macht sprachlos

Salim F. ist syrischer Flüchtling und gut angekommen in Deutschland. Er hat die Sprache gelernt und Qualifikationen anerkennen lassen. Ihm fehlt nur noch ein Ausbildungsplatz. Statt einer Stelle bekommt er jetzt einen gut gemeinten Rat: Er solle zurück in seine Heimat. Der Krieg sei vorbei.

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Das Ablehnungsschreiben an Salim F. © MiGAZIN

Salim F. (26, Name geändert) kam vor knapp zwei Jahren als syrischer Flüchtling nach Deutschland. Er lebt in Bonn und ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er spricht bereits Deutsch auf B1-Niveau und bereitet sich aktuell auf seine B2-Prüfung vor. Sein Abitur aus der Heimat hat er in Deutschland anerkennen lassen, seinen Führerschein ebenfalls. „Viele Ausbildungsstellen fragen nach dem Führerschein“, sagt er dem MiGAZIN.

Anfang Dezember entdeckt er auf Facebook eine Stellenanzeige, die zu ihm passt. Ein Autohaus in der Nähe expandiert und sucht nach Azubis. Salim F. bewirbt sich auf die Stelle. „Ich habe mich wirklich gut vorbereitet und ordentlich beworben“, betont er im Gespräch mit MiGAZIN. Um sicherzugehen, lässt er die Bewerbungsunterlagen sogar beim Arbeitsamt kontrollieren. „Super Bewerbung“, bescheinigt ihm die Beraterin – Anschreiben, Lebenslauf, Sprache, Form.

Hinweis: An dieser Stelle war die Facebook-Stellenausschreibung des Autohauses zu sehen. Die Anzeige wurde vom Autohaus inzwischen entfernt.

Gut eine Woche später liegt auch schon Post im Briefkasten. Es ist ein Ablehnungsschreiben. Das Autohaus sei nach Auswertung der Unterlagen zu dem Ergebnis gekommen, dass Salim F. nicht die Vorgaben erfülle. Bei der weiteren Auswahl werde er daher nicht berücksichtigt. Soweit keine Überraschung für Salim F.

Empfehlung: Gehen Sie zurück!

Doch im nächsten Satz gibt das Autohaus Salim F. einen Rat, der dem Bewerber die Sprache verschlägt: „Ich möchte Ihnen eher die Empfehlung aussprechen, in Ihr Land zurückgehen [sic], da der Krieg beendet ist und Sie dort dringend benötigt werden, um es wieder aufzubauen.“ In dem Schreiben ist der Geschäftsführer des Autohauses als Ansprechpartner genannt.

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Dieses Ablehnungsschreiben erhielt Salim F. auf seine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz in einem Autohaus © MiGAZIN

Salim F. traut seinen Augen nicht: „Ich habe seit meiner Ankunft in Deutschland wirklich alles unternommen, um einen Ausbildungsplatz zu finden. Ich kann verstehen, wenn die Leute einen nicht haben wollen. Aber so etwas hätte ich mir niemals vorgestellt. Ist das normal in Deutschland?“, fragt er im Gespräch mit diesem Magazin.

Rechtsexpertin: Starkes Indiz für Diskriminierung

Anissa Bacharwala, Rechtsexpertin für Antidiskriminierungsrecht, sieht in dem Schreiben ein starkes Indiz für einen Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Möglicherweise habe der Betroffene Anspruch auf Entschädigung und Schadensersatz. Das AGG verbietet Benachteiligungen unter anderem wegen der ethnischen Herkunft.

Auf Nachfrage des MiGAZIN wollte sich das Autohaus zu dem Vorgang nicht äußern. Der Geschäftsführer ließ am Telefon ausrichten, dass man über „interne Vorgänge“ nicht mit Dritten rede.

Update: Autohaus entschudligt sich

Updade 20.12.2017, 19:48 Uhr
Das Autohaus hat in einer öffentlichen Stellungnahme auf Facebook auf die Kritik reagiert und sich für das Ablehnungsschreiben entschuldigt. „Durch eine nicht nur dumme, sondern auch inhaltlich falsche Darstellung gegenüber eines Bewerbers durch eine verantwortliche Person unseres Unternehmens, werden wir zu Recht kritisiert. Wir möchten uns für diese Äußerung entschuldigen und werden personelle Konsequenzen aus diesem Vorfall ziehen“, heißt es darin.

Das Autohaus kündigt an, Kontakt zu dem Bewerber zu suchen, um sich persönlich zu entschuldigen. Außerdem wolle man Salim F. um „persönliches Vorstellungsgespräch bitten“.

Kurze Zeit nach Erscheinen des MiGAZIN-Artikels hagelte es Kritik auf der Facebook-Seite des Autohauses. Die Rheinische-Post und Neues Deutschland haben den Vorfall ebenfalls aufgegriffen und darüber berichtet. (es)

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35 Kommentare
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  1. Wenn man hier die Kommentare liest, wenn man das Antwortschreiben liest, wenn man den Versuch es wieder zu beschwichtigen liest – es könnte ja ein Nachteil für das Unternehmen entstehen – ich glaube dieser Beschwichtigung nur insoweit, dass sie jetzt zur Werbung verarbeitet wird – muss man(n) sich schon schämen. Wer sich noch nie mit unseren Zukunftsbürgern unterhalten hat, noch nie mit Ihnen am gleichen Tisch gesessen hat, noch nie sich die echten Probleme angehört hat, sollte nie einen Kommentar abgeben. Ich kenne keine Flüchtlinge – ich kenne nur Menschen.

  2. C. Budde sagt:

    Sehr geehrte Redaktion,

    Ich melde mich als Geschäftsführer der Budde Automobile GmbH und möchte gerne hierzu auch in Ihrem Magazin Stellung beziehen.

    Ich war heute Nachmittag nicht im Betrieb, als uns Ihre Anfrage erreichte. Ich erfuhr am Nachmittag während einer Autofahrt von den Geschehnissen rund um die genannte Bewerbung.

    Ich war fassungslos, als ich von dem Inhalt des Schreibens erfuhr. Zum einen spiegelt es überhaupt nicht meine bzw. die Werte des Unternehmens wieder, zum anderen hatte ich den Bewerber persönlich vor dem Absenden seiner Bewerbung ermutigt, seine Bewerbung bei uns einzureichen. Er kontaktierte mich im Vorfeld, worauf hin ich ihm die nötigen Informationen zur Vervollständigung der Bewerbung mitteilte.

    Als ich heute über Inhalt der Ablehnung informiert wurde, bin ich aus allen Wolken gefallen.

    Die für das Schreiben verantwortliche Person hat nach einem ersten Gespräch das persönliche Fehlverhalten eingeräumt und angeboten, mit sofortiger Wirkung die Tätigkeit für unser Unternehmen zu beenden. Dieses Angebot habe ich angenommen.

    Darüber hinaus habe ich den Bewerber erneut kontaktiert, um Entschuldigung gebeten sowie die Bitte zu einem persönlichen Gespräch geäußert. Ich wünsche mir, dass wir die Gelegenheit erhalten, uns persönlich für den Fehler zu entschuldigen.

    Darüber hinaus würde ich mich darüber freuen, wenn der Bewerber uns eine zweite Chance einräumt und unsere Einladung zu einem Bewerbungsgespräch annimmt.

    Herzliche Grüße,
    Carsten Budde
    – Geschäftsführer –

  3. Karl L sagt:

    Natürlich ist sowas nicht schön. Aber wenn AFD-Mitglieder wegen ihrer Parteizugehörigkeit gefeuert werden (z.B. Guido Geil) wird das hofiert. Liebe Realitätsverweigerer, Toleranz sieht anders aus.

  4. Sehr geehrte Redaktion,

    mit Betroffenheit haben wir Ihren Artikel gelesen.
    Wir sind eine Elektrofirma mit einem Standort in Essen und in Düsseldorf und bilden selbstverständlich auch aus.

    Uns ist bewusst, dass der Bewerber sich nicht auf eine Stelle als Auszubildener für den Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik beworden hat.

    Dennoch würden wir uns sehr freuen, wenn Sie unsere Kontaktdaten an den Bewerber weitergeben würden und wir ihm die Möglichkeit einer Ausbildung zkommen lassen könnten.

    In unserem Hause arbeiten 17 Nationen erfolreich Hand in Hand – es wäre schön, dies auch in anderen Unternehmen zu sehen.

    Vielen Dank im Voraus,

    mit freundlichen Grüßen,

    i. A. Christin Decker
    Elektro Decker GmbH

  5. Vöhringer sagt:

    Ich sehe das jetzt nicht so eng, im Gegenteil, in der Antwort ist ja ein Funken Wahrheit drin, der Krieg in Syrien ist vorbei, so entfällt auch der Grund für das Asyl und Syrien ist wahrscheinlich an jeder helfenden Hand froh, die dazu beiträgt, dass Land wieder aufzubauen. Jetzt so ein Fass darüber aufzumachen und einen langjährigen Mitarbeiter zu entlassen, ist mal wieder typisch und zeigt, dass solche Meldungen ein Fressen für bestimmte Zeitgenossen sind, die bei der eigenen Bevölkerung nicht so sensibel reagieren..

  6. Hans Bückler sagt:

    Liebe Leute,

    das ist wieder mal nur noch peinlich ! Fremdschäm !

    Unabhängig davon, daß Menschen die zu uns kommen, natürlich die Pflicht haben, wieder zurückzugehen, wenn der Notstand beendet ist, hat sich der Geschäftsführer der Budde GmbH ( falls denn sein Beitrag oben kein „Türke“ ist … ) ziemlich disqualifiziert. Er hätte den Bewerber ja direkt einstellen können, wenn er ihn so toll fand.

    Daß jetz alle Beteiligten so vehement Partei für den „Flüchtling“ ergreifen ist mindestens genauso peinlich. Wer will schon Mitbürger (alte oder neue), die sich aus dem Staub machen, wenn es brenzlig wird ?

  7. Martin aus K. sagt:

    @Karl L., was ist das denn bitte für ein kruder Vergleich? Wenn AfD-Mitglieder wegen ihrer Gesinnung oder ihres öffentlichen Auftretens gefeuert werden, dann sind das einzelne Beobachter, die das begrüßen. Meist ist der Grund hier auch ein anderer als die reine Parteizugehörigkeit. In dem vorliegenden Fall wird jemand abgelehnt und bei der Ablehnung werden fremdenfeindliche Thesen geäußert. Das ist eine ganz andere Qualität als ein Kommentar Unbeteiligter zu angeblich durch Parteizugehörigkeit motivierten Kündigungen.

  8. Ralf sagt:

    Was ist falsch daran das ein dank Merkel und co nach dem Krieg zerstörtes Land wieder aufgebaut werden soll?

  9. Heesterix sagt:

    Herr Budde,
    danke für den Kommentar.
    Ihre Worte klingen ehrlich und dass Sie diese rassistische Person entfernt haben, macht Sie und Ihr Unternehmen viel sympathischer.
    Jetzt müssen Sie nur noch dem Bewerber eine echte Chance geben, dann verneige ich mich.

  10. Alex Brom sagt:

    Hallo,
    Wir haben noch eine offene Lehrstelle als Anlagenmechaniker Rohrsystemtechnik.
    Uns ist es egal ob Flüchtling, Islamist oder Rechtsextremer.
    Für uns zählt der Mensch und sein Wille zur Leistungsbereitschaft.
    In 31/2 Jahren kann man viel Verformtes wieder hin bekommen.

    MfG
    Alex Brombach


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