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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Buchtipp zum Wochenende

Es gibt keine kulturelle Identität

François Jullien (66) ist Philosoph und Sinologe. Er war unter anderem Direktor des Collège international de philosophie und Professor an der Universität Paris-Diderot. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

Buch, Kultur, Identität, Suhrkamp, François Julliens
François Julliens "Es gibt keine kulturelle Identität", Erschienen: 09.10.2017 im Suhrkamp Verlag, 96 Seiten © Suhrkamp Verlag, bearb. MiG

VONWerner Felten

 Es gibt keine kulturelle Identität
Werner Felten übernahm 1999 die Leitung des ersten türkischsprachigen Radios in Berlin. Von Radio hatte er eine Ahnung, von Türken nicht. Radio ist Radio dachte er sich. Das änderte sich aber schlagartig am 11.9.2001, als die Deutschen entdeckten, dass die Türken Muslime sind. Da ging es dann mit Integrationsdebatten los. Felten fand sich schnell in unzähligen Debatten, Gipfeln und Podiumsdiskussionen zu diesem Thema wieder. Ihn wunderte es, dass seine von ihm geschätzten türkischen Kollegen, Mitarbeiter und Freunde auf einmal alle Problemfälle sein sollten. Nachdem er 2007 die Leitung des Radiosenders abgegeben hatte, veröffentlichte er sein Buch „Allein unter Türken“, in dem er auf die Absurditäten der Debatte über die Integration hinwies. Heute schreibt er u.a. für die Deutsche Welle, moderiert und macht Comedy zum Thema Integration. Felten lebt gerne in Berlin, auch wenn er manchmal überlegt, ob er in die Türkei emigrieren solle.

DATUM24. November 2017

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Mit der provokanten These, dass es keine kulturelle Identität gäbe, mischt sich Francois Jullien in die schier endlose Debatte um Migration, Integration und dem angeblichen Verlust der eigenen Identität, ein.

Der französische Philosoph Jullien bedient sich bei seiner Argumentation eines mächtigen Überbaus: der Erkenntnistheorie der griechischen Philosophie, die auf These und Antithese beruht und kein „Zwischen“ kennt.

Die Suche nach dem Jenseits von Gut und Böse ist anstrengend, schmerzhaft und zwingt zur eigenen Erkenntnis. Sich aus dem Schwarz und Weiß denken zu verabschieden scheint vielen nicht möglich. Oder religiös formuliert: Entweder man glaubt oder man glaubt nicht, ein bisschen Glauben gibt es nicht. Der Angst vor dem „Zwischen“, oder anders formuliert dem Fremden, wird die eigene kulturelle Identität entgegengesetzt.

Es kann aber keine eigene kulturelle Identität gben, weil Kultur immer dem Wandel unterzogen ist, sich jedes Individuum einer ständigen subjektiven Sozialisation unterworfen ist. Aus diesem Grund ist Kultur für den Autor Kultur eine Ressource, die immer wieder aktiviert werden muss, um die Gegenwart zu meistern und die Zukunft zu planen.

Bei einer Assimilation geht die Einzigartigkeit der Kultur verloren und damit schwindet erst die Ressource, um dann gänzlich zu verschwinden. Angleichung bedeutet Gleichförmigkeit. Gesellschaftliche Systeme, die den Menschen als Produkt eines Franchisesystems betrachten, sind nicht entwicklungsfähig. Kulturen zu bewerten, zu klassifizieren und in Hitlisten zu setzen, so Jullien, muss zwangsläufig zu einem Zusammenprall der Kulturen führen.

Als Philosoph gönnt er sich den berufsbedingten Vorteil, die Religion bei seinen Betrachtungen gänzlich außer Acht zu lassen. Er entzieht sie der Kultur und packt sie in das Universelle, das in seiner Einförmigkeit auch Gleichförmigkeit ist. Damit ist sie für ihn nur ein unwesentlicher Bestandteil eines weiterführenden Denkens.

Gerade die Nichtbeachtung des Religiösen ist ein Schwachpunkt von Julliens Essay. Die in Europa schwelenden Konflikte nur auf die Kulturen zu reduzieren, vernachlässigt die öffentliche Vorverurteilung des Islams, als eine nicht zur europäischen Tradition passende Religion.

Julliens philosophischen Ansatzes lässt sich das Banale aus dem täglichen Leben von Menschen, die als Kulturhybriden leben, gegenüberstellen. „Ich nehme mir das Beste aus den Kulturen“, antworten sie auf die Frage, wie sie denn mit ihrer Hybridität zurechtkämen.

Sich dem Besten aus allen Religionen zu bedienen, wird nicht funktionieren, dem stehen die Wächter des wahren Glaubens entgegen.

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