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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Spätsommer 2015 & 2017

Grenzen und kulturelle Verbindungen

Vor zwei Jahren waren die Züge noch voll mit Flüchtlingen, heute ist scheinbar Ruhe eingekehrt, eine gespenstische Ruhe. Ein Bericht von Janosch Freuding, der im Spätsommer 2015 und 2017 mit dem Zug quer durch den Balkan gereist ist.

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Der Bahnhof von Timisoara (Rumänien) © Janosch Freuding

VONJanosch Freuding

 Grenzen und kulturelle Verbindungen
Janosch Freuding, 1987 in Füssen geboren, studierte Germanistik, Katholische Theologie und Islamwissenschaften an der Universität Augsburg und der Otto-Friedrich Universität Bamberg. Nach einem Austauschjahr an der Ege Universität Izmir initiierte er das länderübergreifende deutsch-türkische Jugendfilmprojekt „bu bizimki / es sind wir“. Heute arbeitet er als Sprachlehrer für Deutsch als Fremdsprache in Berlin und bereitet sich auf seine Promotion im Bereich interreligiöses und interkulturelles Lernen vor.

DATUM2. November 2017

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RESSORTLeitartikel, Panorama

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Bisweilen fühlt sich die Zugfahrt an wie eine Reise in die Vergangenheit. Auch wenn es die langen Fahrzeiten nicht glauben machen, gibt es zwischen Novi Sad in Serbien und Timişoara in Rumänien vielfältige kulturelle Verbindungen. Beide gehören zum donauschwäbischen Siedlungsgebiet, haben eine bedeutende ungarische Minderheit. 2021 werden beide gemeinsam europäische Kulturhauptstadt. Auch in Timişoara gibt es ein ungarisches Theater, es ist aber auch ein rumänisches und ein deutsches Theater: hier gibt es Aufführungen in drei Sprachen. Das Theater ist ein in der Region bekanntes Symbol der gegenseitigen Versöhnung. Ebenfalls auffallend: Aus sehr vielen Häusern in Rumänien hängt neben der Landesflagge auch die europäische aus dem Fenster.

Von Timişoara fahren wir weiter nach Cluj Napoca (Klausenburg), die Grenze entlang durch ein Gebiet, in dem die Bevölkerungsmehrheit ungarisch spricht und Rumänisch als Zweitsprache lernen muss, nach Siebenbürgen – einer lange deutsch geprägten Region. Bereits im 12. Jahrhundert warb der ungarische König deutsche Siedler an, um das unwirtliche Gebiet Transsilvaniens zu besiedeln.

Im Zug begegnen wir ein paar Wanderarbeitern, vielleicht Roma, vielleicht nicht. Sie diskutieren lautstark über die Platzreservierungen, laden ihr schweres Gepäck auf die Ablage und setzen sich dann zu uns. Zunächst mustern wir uns, nach einer Weile beginnen wir uns zu unterhalten: mit Händen und Füßen, irgendwie missverstehen wir uns schon. Aber wir lachen viel gemeinsam. Ich erzähle von unserer Heimat Allgäu und male zur Illustration eine Kuh in unseren Kalender. „Agricultura“, sagen sie und nicken verständig. Einer von ihnen hat anscheinend schon in Birmingham und Mönchengladbach gearbeitet. Nun kommen sie alle aus der Türkei, wo sie Solar Panels mit aufbauten. Einen der Arbeiter, mit Kinnbart und Sonnenbrille, bezeichnen die anderen als „Musulman“. Sie können sich scheckig darüber lachen, sich vorzustellen, wie er betet. Eine Botschaft ist ihnen besonders wichtig, das merkt man: die Türken seien alle „crazy“.

„Mauer und Schild der Christenheit“

Unwillkürlich muss ich an eine Geschichte denken, die uns kurz zuvor ein Reiseführer erzählte: Timişoara, die Stadt mit dem wunderbar polyglotten Theater, grub vor ein paar Jahren ein paar Überreste eines alten osmanischen Mauerwerks am Platz des Heiligen Georg aus. (Nach der Rückeroberungen der Stadt hatten die österreichischen Herrscher die osmanischen Gebäude geschleift, um Timişoara zu einer Frontstadt gegen die Türken auszubauen.) Was machte die Stadt? Sie versetzte die Statue des Heiligen Georg von der einen Platzseite an die andere. Sie thront nun über den alten osmanischen Mauern und der tapfere Georg zielt mit seinem Speer nicht nur auf den teuflischen Drachen, sondern gleichzeitig auf das „heidnische“ Mauerwerk. Der Mythos vom alles überrennenden Osmanen ist in der ganzen Region immer noch präsent. Im Jahre 2015 schien er wieder lebendig zu werden.

Sibiu (Hermannstadt) ist der östlichste Punkt unserer Reise. Viel Armut sehen wir hier, als wir vom Bahnhof in den mittelalterlichen Stadtkern laufen. Dennoch weiß die Stadt mit Stolz von sich zu erzählen. Nicht nur, dass der amtierende Präsident Rumäniens Klaus Iohannis, selbst Siebenbürger Sachse, ein ehemaliger Bürgermeister der Stadt ist. 2007 war Sibiu ebenfalls Kulturhauptstadt Europas. Immer wieder begegnet man aber auch einer kleinen Randnotiz: Die Stadt ist anders als sein Umland nie von den Osmanen erobert worden. „1445 bezeichnete“, so weiß Wikipedia, „deshalb Papst Eugen IV. Hermannstadt als Mauer und Schild der Christenheit.“

Man weiß nicht recht, was man von dieser Region insgesamt halten soll. Man blickt auf Zeugnisse einstiger Reiche und neuer Grenzen, auf Zeugnisse des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Ethnien, Kulturen und Religionen, das oft Jahrhunderte andauerte, aber auch auf Zeugnisse brutaler Unterdrückung von Minderheiten. Man sieht einstige Moscheen, die heute Wohnhäuser sind, Synagogen, die heute ein Museum beherbergen, Straßennamen, die von früher gesprochenen Sprachen erzählen, kommunistische Architektur, die heute Raum für Start-ups bietet. Man freut sich über Versuche, frühere Vielfalt wieder zu etablieren und neu wertzuschätzen, und hört Stimmen, die Anspruch auf Wohnverhältnisse erheben, die seit Jahrhunderten vorüber sind. Vor allem erfährt man eine Gegend, die zutiefst von Migration geprägt ist.

Ein Geschichtenbündel namens „Flüchtlingskrise“

Ob die Flüchtlinge, die sich 2015 entlang der Bahnstrecken durch Europa bewegten, auch nur eine entfernte Ahnung davon hatten, durch welche Gegend sie gerade fuhren oder liefen? Wenn man sich mit Flüchtlingen über ihre Flucht durch den Balkan unterhält, können sich viele im Rückblick kaum an die genaue Reihenfolge der Länder erinnern, durch die sie damals geflohen sind. Wo sie aber gut, und wo sie schlecht behandelt wurden, wissen sie jedoch noch sehr genau. Diese Erzählungen sind natürlich alles Einzelschicksale, einzelne Geschichten, die sich zu einem gewaltigen Bündel von Geschichten verbanden. Heute hat das Geschichtenbündel nur noch einen Namen: die „Flüchtlingskrise“.

Es ist beeindruckend, wie etwas so präsent und gleichzeitig so weit weg sein kann. Wer kann sich nicht an den Herbst 2015 erinnern? Doch scheinbar ist heute Ruhe eingekehrt. Manchmal scheint es, als befände sich Europa gerade in einem großen Verdrängungsprozess – der nicht das Ereignis selbst vergisst, und doch etwas Wesentliches: Wie durcheinander das damals war, wie sehr sich die Ereignisse überschlugen und Einzelgeschichten überlagerten, wie sehr alles mit allem zusammenhing, wie sehr man selbst betroffen war und wie wenig man in die Zukunft schauen konnte. Vor allem aber, dass die Geschichten von damals auch heute noch fortbestehen. Geschichten verschwinden nicht, wenn man Grenzen höher zieht.

Je länger alles zurückliegt, desto leichter werden die einfachen Antworten, desto mehr kann sich jeder und jede nur noch an die eigene Version der Geschichte erinnern, an das eigene Narrativ. Wie so vieles hier in der Region, bleibt die große Fluchtbewegung durch den Balkan nur eine gespenstische Erinnerung. Zurück bleibt ein Gefühl von unversöhnter Geschichte – Geschichten der anderen, an die man sich nicht erinnern möchte. Vielleicht wäre ein erster Schritt, sich zu erinnern, dass jede große Geschichte aus einer Vielzahl von kleinen, widersprüchlichen Geschichten besteht. Je mehr sich Europa mit der Vielfalt seiner Geschichten versöhnt, wird es auch diejenigen Geschichten wertschätzen, die neu hinzukommen.

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