MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Antiziganismus im Kinderkanal

„Der Film zementiert antiziganistische Klischees“

Der Roma-Zentralrat übt scharfe Kritik am Film „Nelly’s Abentuer“, Experten zufolge zementiert er „antiziganistische Klischees“. Der SWR-Programmdirektor weist die Vorwürfe zurück, der Film werde ausgestrahlt. Eine Entschuldigung wäre angebrachter. Von Sami Omar

Nellys Abenteuer, Film, Antiziganismus, Sinti, Roma
Szene aus dem Film "Nelly´s Abenteuer"

VONSami Omar

 „Der Film zementiert antiziganistische Klischees“
Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

DATUM27. September 2017

KOMMENTARE2

RESSORTFeuilleton, Leitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Sie kennen doch das Stereotyp des verschlagenen, diebischen, schmuddeligen Roma. Und ihnen ist doch klar, dass es zutiefst rassistisch ist, nicht!? Es schreibt eine Geschichte fort, die seit Jahrhunderten zur Menschenverachtung und zur Zementierung alter Machtverhältnisse dient.

Keine Frage, dass wir unsere Kinder nicht damit aufwachsen lassen. Keine Frage, dass wir ihnen erklären, warum so viele Sinti und Roma in den Ländern Europas in Armut und Ausgrenzung leben. Vielleicht erzählen wir Ihnen gar von anderen Europäischen, Sinti oder Roma. Von Herrn Meier aus dem Supermarkt, der Frau aus der Schule, von Politikern, wie Romeo Franz (Grüne), von Wissenschaftlern, wie Ian Hancock, Sängerinnen, wie Marianne Rosenberg oder – ach was soll´s: Menowin Frölich, von DSDS.

Um seine Kinder von derartigen Klischees über Roma und Sinti fern zu halten, muss man derzeit leider auch das Öffentlich-rechtliche Fernsehen umgehen. Dieses strahlt bald den Film „Nelly´s Abenteuer“ aus und verteidigt dieses Vorhaben gegen heftige Kritik. Der Film, der im vergangenen Jahr in deutschen Kinos lief, wird im Kinderkanal und im SWR laufen.

Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma übt scharfe Kritik an dem Werk und hat zu ihrer Untermauerung wissenschaftliche Gutachten dazu in Auftrag gegeben. So Urteilt der Slavistik-Professor Urs Heftrich von der Universität Heidelberg, der Film sei geeignet, „antiziganistische Klischees zu zementieren“.

Pavel Brunßen vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin schreibt, Roma seien in dem Film ausschließlich dargestellt „als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ‚traditioneller‘ Tänze, als Kindesentführer usw. Roma in anderen Lebenssituationen, wie etwa in ‚regulären‘ Berufen oder als Studierende, werden im Film nicht gezeigt. Hängen bleibt das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen.“

Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle, wo die genauere Beschreibung des Filmes selbst und seiner strittigen Szenen bleibt. Wie sollten sie sich sonst ein Bild davon machen, ob der Zentralrat deutscher Sinti und Roma mit seiner Kritik richtig liegt? Aber darum geht es überhaupt nicht.

In einer Stellungnahme des Programmdirektors des SWR, Christoph Hauser, gegenüber des Magazins VICE, welches am 20.09.2017 über den Fall berichtete, sagte dieser, man habe sich seitens des Senders mit dem Zentralrat „zusammengesetzt“. Man habe den Vertretern „ausführlich dargelegt“ der Film werde „auf der Basis gegenseitiger kultureller Wertschätzung erzählt“ – und werde gesendet. Hauser wird weiter mit den Worten zitiert, er weise den Vorwurf, der Film enthalte rassistische oder antiziganistische Züge, „entschieden zurück“.

Darum geht es! Diese Stellungnahme enthält den mehrheitsgesellschaftlichen Reflex, die Deutungshoheit über eine Gewalttat dem Opfer zu entziehen und sie an sich zu reißen. Die Möglichkeit, dass dieser Film Verletzungen verursacht und Kindern ein falsches – weil antiziganistisches – Bild von Sinti und Roma vermittelt, reicht aus, um ihn in Frage zu stellen.

Dabei gilt hier und überall eine sehr einfache Regel: Der Maßstab für empfundenes Leid kann und darf nie vom potentiellen Aggressor ausgehen.

Oder, wie es meine Kinder ausdrücken würden:

Hey! Das heißt „Tschuldigung“!

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. FrankUnderwood sagt:

    Ich denke, dass beide Filme die Möglichkeit bieten die schlechte Situation der Betroffenen zu repräsentieren. Jede Kultur (egal welche) hat Sitten und Gebräuche, die auf Fremde verstörend wirken können.
    Setzen Sie z.B. mal einen iranischen Mullah in Köln an Altweiber aus oder zwingen Sie einen Veganer an einem rituellen Opferritual auf den Philippinen teilzunehmen.

    Warum sehen Sie diese Filme nicht als Chance um auf die Situation der Betroffenen aufmerksam zu machen?

  2. Rüdiger Benninghaus sagt:

    Vom Zentralrat beförderter Antiziganismus

    Wer die Diskussion im SWR zu dem Film „Nellys Abenteuer“ gesehen hat, der müßte spätestens dann begriffen haben, wes Geistes Kind die Zentralrat-Aktivisten und ihre Hofschranzen sind. „Auf Deubel komm raus“ Antiziganismus sehen, weil man sonst Zweifel an der Existenzberechtigung von Zentralrat, von Projekten und Personalstellen hegen könnte.

    Einerseits lehnen diese Kreise den Begriff „Zigeuner“ ab und der sein Monopol zu behaupten bemühte Verband nennt sich „Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma“, andererseits meint man seinen Senf zu einer anderen Bevölkerungsgruppe in einem anderen Land (Rumänien) hinzu tun zu müssen. Wenn es keinen Oberbegriff „Zigeuner“ geben darf, was hat dann ein deutscher Sinto (wie Romani Rose) sich in die Situation rumänischer Roma einzumischen? Woher weiß er, daß die von ihm gebetsmühlenartig (fast auswendig gelernt) vorgetragenen angeblichen oder tatsächlichen Stereotypen, die man für Deutschland aufzuspüren bemüht ist, auch auf Roma in Rumänien anzuwenden sind und welche historischen Auswirkungen sie ggfs. auf diese hatten? Welche Ahnung hat eine deutsche Sintizza (wie Dotschy Reinhardt) von den Traditionen und dem historisch gewachsenen Umfeld von Roma in Rumänien?
    Wenn Dotschy Reinhardt meint, Mitsprache bei einem Film über Roma in Rumänien haben zu müssen, dann kann man sich vorstellen, daß hier wieder die Ideologen vom Zentralrat Zensurbehörde spielen sollen.

    Bei allem modischen Gequatsche über Antiziganismus fragt man sich, ob es denn wohl sein kann, daß eine verbreitete Abneigung gegen „Zigane“ so völlig ohne deren Zutun entstanden sein kann. Vielleicht sind die von „Ober-Sinto“ Rose aufgeführten Stereotypen gar nicht so „wirkungsmächtig“ (gewesen), wie von ihm und den „Antiziganismusforschern“ behauptet.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...