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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Essay

Weil sie uns am Gewissen nagen

Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das Gejammer will nicht enden. Ein Kontra gegen den faktenfremden, unsolidarischen Zeitgeist. Von Timo Al-Farooq

Flüchtlinge, Idomeni, Polizei, Flüchtlingslager, Grenze
Flüchtlinge in Idomeni / Griechenland warten auf Grenzöffnung © Tim Lüddemann @ flickr.com (CC 2.0), Tim Lüddemann

VONTimo Al-Farooq

Timo Al-Farooq, B.A. in Regionalstudien Asien/Afrika, Humboldt-Universität Berlin. Mehr von ihm kann man auf freitag.de lesen.

DATUM20. Juli 2017

KOMMENTARE9

RESSORTLeitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: freitag.de.

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Solidarität ist bäh

Wir waren schockiert über die menschenunwürdigen Lebensbedingungen in Idomeni und im Calaiser „Dschungel“, über die Zustände in deutschen Sammelunterkünften und die endlosen Schlangen vorm LAGeSo. Aber wenn wir ehrlich sind, nicht wegen dieser Bedingungen, sondern weil diese uns am Gewissen nagen: diesem in unserer hedonistischen, narzisstischen Gesellschaft so lästigen und anachronistischen Nebenprodukt der menschlichen Psyche. Und bevor sich die bittere Realität der Welt durch unser Über-Ich zu unserem Ich durchgefressen hat und uns zum Handeln zwingen könnte, montieren wir lieber „le jungle“ ab, wählen rechts, oder gehen ins Berghain bis zum Absturz das Leben „feiern“ (dabei mit „Leben“ stets nur das eigene meinend, selten das der Andereren).

Denn in den Mikrokosmen von Nachbar- und Partnerschaft, Straßenverkehr und Supermärkten (Bio ja, aber Fairtrade nein, beides ist uns dann doch zu teuer) sind wir uns stets wichtiger als unsere Nächsten: Schließlich reißen wir nachts Nachbarn mit unserer lauten Musik aus dem Schlaf und meiden ernsthafte zwischenmenschliche Bindungen oder beenden sie vorzeitig, sobald diese uns in unserem egoistischen Streben nach dem eigenen Lebensglück hindern, da wir unfähig sind, Kompromisse einzugehen und Verantwortung für Partner oder Partnerin zu übernehmen (vorsätzliche Kinderlosigkeit und das Abschieben der greisen Eltern in Alten-und Pflegeeinrichtungen folgen oft derselben ich-bezogenen Logik). Oder wir vergraben demonstrativ und feige unsere Gesichter in Smartphonedisplays, sobald ein Obdachloser in der U-Bahn um ein paar Cent bettelt oder Menschen rassistisch oder sexistisch beleidigt oder angegriffen werden, und fressen schamlos Schokolade, die von ivorischen Kakaoplantagen stammt, wo schwarze Kinder für 0 Euro ihre Kindheit verschuften, damit hellere hierzulande ja zu naschen haben.

Woher sollen wir also Solidarität gegenüber den Notleidenden der Welt nehmen, wenn unser eigener Alltag schon dermaßen entsolidarisiert ist und das heiligste Gebot, nach dem wir unserer Leben gestalten, zwanghafter Egoismus ist? Wie sich mit unbequemen Realitäten auseinandersetzen, wenn diese sich in unserer neoliberalen Spaßgesellschaft (rücksichtslose Gewinnmaximierung muss nicht immer materieller Natur sein: auch für die maximale Ausbeute spirituellen Lebensglücks können Menschen vorsätzlich und unbewußt über Leichen gehen) mittels der altbewährten Vermeidungsstrategie neurotischer Ich-Bezogenheit mühelos ausblenden lassen? Wie Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen, wenn unsere Problemlösungskompetenz lediglich darin besteht, den Kopf in den Sand zu stecken und die fatalste Nebenwirkung unserer eigenen Selbstverwirklichungssucht ein chronisches Aufmerkasamkeitsdefizitssyndrom ist, das die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen Anderer nahezu unmöglich macht?

Empathie, Solidarität und Verantwortung sind mühsam, wenn man stets den einfachsten und bequemsten Weg zu gehen gewohnt ist, und wenn sie nicht zur alltäglichen DNA gehört wie oft in politisch und sozioökonomisch widrigeren Anderswos der Fall ist: dort, wo Lebensglück durch Gemeinschaftsgefühl und das, was Indonesier „Gotong Royong“ nennen, definiert wird statt durch das alle unsere Lebensbereiche umfassende Lebensmotto „Nach mir die Sintflut“ (das, wenn großzügig angewendet, sich immerhin auf Familie und Freunde ausdehnen kann, und wie es Rassisten tun, auf die eigene imaginierte und ethnisierte Gruppe). Ja, vielleicht spricht hier nur der frustrierte Berliner aus mir heraus: Unsere Ellbogen haben vor lauter Selbstbezogenheit ja schon Blutergüsse, im Privatleben wie in den Öffis. Aber unsolidarisch und egoistisch gings hierzustadte (und hierzulande) auch schon in nicht so außergewöhnlichen prä-„Flüchtlingskrise“ Zeiten zu, lange bevor das vorvergangene Jahr das Beste und Schlechteste in unseren Mitbürger_innen freigelegt hat.

Wir sind Deutschland. Mal wieder. (Gähn)

Ja, das Sommermärchen Reloaded von 2015 war eine feine Sache, zeigte es doch wie schon bei der WM 2006 einmal wieder das freundliche Gesicht eines Landes, das innerhalb eines Jahrhunderts für zwei Völkermorde (gegen Heroro und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika sowie gegen die europäischen Juden) und mindestens einen Weltkrieg alleinverantwortlich war. Doch wie bei der WM im eigenen Land ging es auch bei der Sommermärchen-Neuauflage vordergründig eher um Spaß und Selbstzelebrierung als um die Sache: Fußball und Flucht als Trigger zur Selbstberauschung. Und letztere bot Menschen hierzulande auch noch die Möglichkeit, mit minimalem Aufwand maximal Gutes zu tun und somit eines der heiligsten ökonomischen Gebote des Neoliberalismus – mit geringster Investition den größten Gewinn zu erzielen – auf den sozialen Wohlfahrtsgedanken zu übertragen: Denn die „Flüchtlingskrise“ erlaubte es uns, bei perfekten Witterungsbedingungen auf einfachstem Wege unser sonst brachliegendes Karmakonto aufzufüllen. An Bahnhöfen stehen und klatschen und jubeln, während Kolonnen von zu Geflüchteten gemachten Menschen aus Zügen stolpern (das positive Gegenbild zur Mobmentalität von Rostock und Hoyerswerda, als Klatschen und Jubeln noch mit Molotovcocktailwürfen und brennenden Gebäuden einherging), das kostet weder Geld noch Anstrengung und hat auch noch was von Fanmeile und Public Viewing: die Flüchtlingskrise als Event. Oder alte Klamotten und Lebensmittel spenden, die in Kleider- und Kühlschränken eh am Vergammeln sind: die denkbar einfachste Art, die eigenen vier Wände zu entrümpeln und dann auch noch was fürs Gewissen zu tun (und täglich grüsst wieder die Ich-Bezogenheit).

Doch kaum war der Feierrausch verflogen und setzten die Probleme ein, trennte sich schnell die altruistische Spreu vom Weizen, und die breite Willkommenskultur entpuppte sich als das, was es war: ein momentgebundener, aufgeblasener Hype, nach dessen Platzen nur noch Fetzen einer Selbstlüge übrigblieben, der laute Knall, wie der einer Schreckschusspistole, den Startschuss abgebend für die Wiedergeburt totgeglaubter schlechter Angewohnheiten wie Leitkulturdenken, Eurozentrismus und andere Formen des Suprematismus und Egoismus. Same old, same old auf dem alten Kontinenten, und insbesondere bei der Führungsmacht wider Willen (haha) Deutschland.

Scham statt Schaum: das Lehrstück Jordanien

Zurück zum Wesentlichen: Und sollten tatsächlich Millionen Menschen jährlich an den Toren Westeuropas klopfen: auch dann geziemt es sich, schleunigst den schäumenden Mund zu halten und den fiesen, fremdenfeindlichen Blick an andere Orte der Welt zu wagen. Dort, wo Geflüchtetenströme nicht ausgesperrt, sondern aus Solidarität und – wenn diese fehlt – wenigstens aus Pflichtgefühl und Loyalität (welch normative Begriffe und unzeitgemäße Denke würde manch Ich-AG an dieser Stelle naserümpfend einwerfen!) inkorporiert werden. Inklusive der Inkaufnahme der „Gefahr“, dass sich dadurch die ethnolinguistische und/oder kulturelle Zusammensetzung der jeweiligen Entität nachhaltig ändert.

Jordanien, wohin bald unsere 260 Bundeswehrsoldaten aus dem türkischen Incirlik hinziehen sollen (Blumentopf: „Ich will keinen Benz oder’n Häuschen mit Garten/Ich will durch die Welt ziehen wie deutsche Soldaten!“) ist hierfür das beste Beispiel: in den 1960ern waren nicht nur 2/3! der Bevölkerung geflüchtete/eingewanderte Palästinenser, sondern agierte Yasser Arafats damals bis auf die Zähne bewaffnete Prä-Oslo-PLO im jordanischen Exil quasi als Staat im Staat, was im „Schwarzen September“ sogar in einen Bürgerkrieg zwischen der palästinensischen Befreiuungsorganisation und des haschemitischen Königshauses eskalierte. Und trotz tausender von der jordanischen Armee getöteteter Palästinenser und der Isolation des „Verräters“ König Hussein in der arabischen Welt, ist Jordanien bis heute das einizige Land in der Region, das seine palästinensischen Geflüchteten und ihre Nachfahren durch Einbürgerung rechtlich vollständig in die Aufnahmegesellschaft integriert hat (anders als der Libanon, wo sie rechtlich als Bürger zweiter Klasse zu leben gezwungen sind). Heute sind schätzungsweise immerhin noch 3 Millionen der 9,5 Millionen Jordanier palästinensischer Abstammung: angesichts solcher Zahlen und Präzedenzen sollten wir uns über unseren Alarmismus bezüglich einer „Flüchtlingskrise“, die keine ist (und einer handvoll potentieller IS-Kämpfer unter Geflüchteten), den Schaum vom Mund wischen und uns zum Schämen in die Ecke stellen.

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9 Kommentare
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  1. Mike sagt:

    Da verstellt linke Ideologie doch gewaltig den Blick auf die Realität.

  2. Glückseis sagt:

    @Autor
    Also nur nochmal ums zu erwähnen, weil man nach lesen dieses Artikels den Eindruck gewinnt Deutschland bzw, die EU wäre Migrantenfeindlich:

    Die EU hat lediglich 510 Mio. Einwohner (743 Mio.???), lässt man Südost-, Osteuropa und Italien mal aussen vor, weil das nur Transitländer sind bzw. kein Flüchtling da bleiben will, dann sind es nur noch 338 Mio. Einwohner auf die Flüchtlinge verteilt werden könnten. Die Eurozone steckt in einer Krise und es mussten mit Milliarden von Steuergeldern banken und Staaten gerettet werden. Es gibt bereits eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

    2015 wohnten bereits 11,6 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund 1. Generation in Deutschland, also 14% der Bevölkerung. Mit den Migranten 2. und 3. Generation waren es 17 Mio. also 21%.

    Es ist also bei weitem nicht so, dass Deutschland vor der Flüchtlingskrise auf extrem niedrigem Niveau war, das wird aber bei der Pro-„Flüchtlings“propaganda (Gänsefüßchen weil es eigentlich um Migration geht) überhaupt nicht berücksichtigt. Übrigens könnte die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen verfünffacht werden, wenn das zurückkehren der Flüchtlinge in ihre jeweiligen Länder ausnahmslos obligatorisch wäre.

    Zahlen sind zu leicht zu manipulieren. Was ist also mit den Menschen? Wer kommt?
    Ob Deutschland 100 Mio. Menschen oder nur 1 Mio. aufnehmen kann hängt auch von den Menschen (Werten, Kultur und Attitüde) ab die kommen. So viel unideologisches und pragmatisches Denken muss bei reellen Problemen an den Tag gelegt werden. Millionen von Menschen aufzunehmen ist nunmal weder cool, angenehm oder bereichernd. Man kann dem was gutes abgewinnen, aber es ist und bleibt in erster Linie eine Last, Arbeit und teilweise mit Undankbarkeit verbunden. Da bringt es nichts, jedem mit dem verbalen Knüppel eine über zu braten, wenn er ihre „infinity immigration politic“ ablehnt.

  3. Lieber Mike,

    da bin ich ja beruhigt, dass Du mich für links hälst! Denn meine Freunde und Bekannten halten mich – zu meiner großen Verärgerung und trotz wiederholter Beteuerungen des Gegenteils – leider fast allesamt für ziemlich konservativ. Aber wenigstens glaubst Du mir, dass mein Herz links schlägt: Danke Dir dafür!

    Mit den besten Grüßen,

    Timo

  4. Timo Al-Farooq sagt:

    @Mike:

    „Selbst wenn Deutschland alle Flüchtenden der Welt aufnähme, hätte es dieselbe Bevölkerungsdichte wie Japan.“

    https://www.freitag.de/autoren/juloeffl/ein-truemmerfeld

  5. Mithrandir sagt:

    Timo, es geht nicht um die Bevölkerungsdichte. Es geht um den Sozialstaat. Sicher, man kann alle Flüchtenden der Welt, was auch immer deren Fluchtgrund seinen mag, aufnehmen und in Lagern mit Wasser und Brot versorgen. Ähnlich wie es die Türkei macht. Aber wem wäre damit geholfen? 90% aller Flüchtenden flüchten, um ein besseres Leben zu bekommen. Das funktioniert aber mit diesem Sozialstaatsmodell nur begrenzt. Wenn 90% nicht arbeiten können, weil keine Jobs, keine Qualifikation etc, dann wird das System nicht mehr funktionieren. Schon allein deshalb ist eine Zuwanderungsbegrenzung notwendig. Alles andere ist gut gemeint, aber nicht möglich.

  6. Müllerin sagt:

    @Mithrandir: Warum gehen Sie davon aus, dass langfristig 90% aller Flüchtlinge vom Sozialstaat leben wollen und werden. Langfristig wird und muss es gelingen, diesen Personenkreis auch am Arbeitsmarkt zu integrieren. Dazu laufen erste Projekte, deren Erfolg sich noch zeigen muss. Gleichzeitig ist es aber richtig, dass nicht jeder Geflüchtete in Deutschland dauerhaft aufgenommen werden kann. Daher prüft das BAMF (sollte es) nach der jeweiligen Frist immer, ob die Gründe der Gewährung von Schutz immer noch vorliegen. Liegen diese nach Prüfung aber nicht mehr vor, kann Flüchtlingen auch ein Aufenthalt in Deutschland wieder entzogen werden. Wirklich dauerhaft hier ist nur, wer mindestens eine Niederlassungserlaubnis besitzt. Gleichzeitig sollte Politik auch darauf ausgerichtet sein, die URSACHEN von Flucht zu bekämpfen und nicht nur die Flüchtenden an der Einreise zu hindern.

  7. Mithrandir sagt:

    Liebe Müllerin,

    „Warum gehen Sie davon aus, dass langfristig 90% aller Flüchtlinge vom Sozialstaat leben wollen und werden. “

    90% war jetzt nur ein x-beliebiger Wert. Ich denke aber, dass ein Großteil der Flcühtinge keine Arbeit finden wird. Weil es gar nicht soviel Arbeit für Unterqualifizierte gibt. Dank Automatisierung und Digitalisierung werden in viele weiteren Arbeitsbereiche zunehmend weniger Menschen gebraucht, vor allem im Niedriglohnsektor. Fachkräfte sind ja kaum dabei, wie auch? Deshalb muss es eine flüchtlingsObergrenze geben, alles andere ist fahrlässig.

  8. […] Bleiberecht möchte auf ein Essay von Timo Al-Farooq aufmerksam machen. Veröffentlicht im MIGAZIN. „Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das […]



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