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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Replik

Assimilation ist (noch) keine Politik

Migrationsforscher Koopmans schreibt in der FAZ, die Arbeitslosigkeit von Einwanderern in Ländern ohne Integrationspolitik sei niedriger als in Länder mit Integrationspolitik. Daraus folgert er, höhere „Anforderungen an Zuwanderer“ zu stellen. Das ist wenig gehaltvoll. Von Robert Westermann

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Robert Westermann © privat, bearb. MiG

VONRobert Westermann

Robert Westermann hat Politik- und Geschichtswissenschaften in Freiburg, Basel und Salamanca studiert. Seit 2012 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei BQN Berlin e.V. und koordiniert dort die PR- und Öffentlichkeitsarbeit der Landesinitiative Berlin braucht dich!. Sein Blog migrationsystems.org beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen in der internationalen Migrations-, Transnationalismus- und Diversitätsforschung.

DATUM21. Juni 2017

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RESSORTAktuell, Meinung

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„Multikulti ist gescheitert“ – So betitelt der Migrationsforscher Ruud Koopmans seinen Gastbeitrag in der FAZ vom 15.6.2017 in Anlehnung an das bekannte Zitat von Angela Merkel aus dem Jahr 2010. Er begründet dies mit dem Scheitern integrationspolitischer Maßnahmen in den Niederlanden, die sich lange Zeit an Konzepten des Multikulturalismus orientierten und auch in Deutschland als vorbildlich galten.

Doch was ist daran neu? Die Abkehr vom Multikulturalismus ist in der Migrationsforschung bereits vor Jahren festgestellt worden: Das rechte politische Spektrum sah in dem Konzept den Grund für das Entstehen von „Parallelgesellschaften“ und einem zunehmenden Terrorismus und Extremismus, die Linken kritisierten die ethnisierende Perspektive und die damit verbundene „Blindheit“ gegenüber sozialer Ungleichheit und struktureller Diskriminierung.

Assimilationsmodell

Koopmans jedoch scheint immer noch Überbleibsel aus „Multikulti-Zeiten“ in Forschung und Politikberatung zu erkennen und verweist auf seine empirischen Studien, die belegen, dass etwa die Arbeitslosigkeit unter Einwanderern in Ländern, in denen seit Jahrzehnten eine strategisch ausgerichtete Integrationspolitik praktiziert wird, höher ist als in Ländern, die sich, trotz hoher Einwanderung, nicht als Einwanderungsland gesehen haben (und dort daher auch keine Integrationskonzepte zur Anwendung kamen).

Anders formuliert: Der natürliche Anpassungsdruck der autochthonen Bevölkerung scheint effektiver zu sein als ein politisch gesteuertes Verfahren, das zu viele (kulturelle) Freiheiten gewährt. Dieser Mechanismus ist in der Migrationsforschung als Assimilationsmodell bekannt und beschreibt den Prozess der Annäherung und letztendlichen Verschmelzung verschiedener Kulturen.

Nun kann man fragen, warum Integrationspolitik dann überhaupt nötig ist, vor allem wenn diese keine oder sogar negative Auswirkungen haben kann? Aus zwei Gründen: Weil 1. gute Integrationspolitik den Annäherungsprozess zwischen alteingesessenen und neuen Bevölkerungsgruppen im Normalfall beschleunigt und 2. unter Bedingungen erhöhter Diversität nur durch politische Anreize der Aufbau inklusiverer Strukturen voranschreitet.

Wenig gehaltvoll

Was Koopmans zurecht kritisch sieht, ist die mangelnde wissenschaftliche Überprüfung der Ergebnisse von Integrationspolitik. Aus seinen Studien folgt jedoch kein alternatives normatives Konzept für bessere Politik. Er fordert lediglich, höhere „Anforderungen an Zuwanderer“ zu stellen. Dies erscheint aber wenig gehaltvoll, denn eine kulturelle Anpassung kann aus psychologisch-pädagogischer Perspektive nicht erzwungen werden. Vielmehr hat der Staat die Aufgabe, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, um chancengleiche Teilhabe zu gewährleisten.

Die Debatte über gelingende Integration braucht eines sicher nicht: Das Wiederbeleben des Multikulturalismus als Klischee und Feindbild. Längst kommen in der Praxis differenziertere Ansätze zum Einsatz, die sich an der Diversifizierung von Vielfalt (Superdiversity) orientieren und dabei nicht nur die Kategorie ‚Herkunft’ berücksichtigen. Integrationspolitik wird somit breiter gefasst: Sie ist nicht mehr an ethnischen Gruppen ausgerichtet, sondern reagiert auf soziale Exklusionsdynamiken. Ob dies der richtige Weg ist, wird zukünftig auch mit Hilfe empirischer Migrationsforschung geklärt werden müssen.

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2 Kommentare
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  1. Tobi sagt:

    was nützt assimilation wenn man doch fremd ist und als der fremde wahrgenommen wird?

    wenn Südländer auf der strasse von der Polizei oft kontrolliert werden dann interessiert es die nicht dass man Abitur hat studiert hat usw.

  2. Tobi sagt:

    Manche Leute können sich richtig assimilieren udn werden dennoch als FREMDE wahrgenommen

    so geht es mir aber auch besonders schwarzen und asiatischen deutschen



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