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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Bildung, Arbeit, Familie

Keine Alternative zur Selbständigkeit

Im Gespräch mit zwei vietnamesischen Migranten kristalisiert sich heraus, warum Bildung einen hohen Stellenwert hat, warum es viele Vietnam-Läden gibt und welchen Stellenwert Familie und Sprache in der Ferne haben.

Vietnam, Thailand, China, Imbiss, Imbissbude
Imbiss (Symbolfoto) © onnola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONDeslignes, Lang, Nicolaisen, Sprute, Padmanabhan

Beatrice Deslignes, Miriam Lang, Franziska Nicolaisen und Marie Sprute sind Studierende und Martina Padmanabhan ist Professorin am Lehrstuhl für Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung - Südostasien an der Universität Passau.

DATUM2. November 2016

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Keine Alternative zur Selbständigkeit

Es ist gerade Mittagspause in Minhs Restaurant. Normalerweise arbeitet er in der Pause, führt seine Bücher und erledigt alles, was zum Geschäft dazu gehört. Heute hat er sich aber etwas Zeit für uns freigehalten, nimmt dennoch, auch während wir da sind, wiederholt Anrufe entgegen und gibt seinen Mitarbeitern Anweisungen – die Arbeit lässt ihn nicht los.

In Deutschland machen sich immer mehr Migranten selbstständig, mittlerweile sogar mehr als Deutsche, die ein sicheres Angestelltenverhältnis der riskanteren Eigenständigkeit vorziehen. Davon zeugt die Vielzahl von Asia-Imbissen, Dönerläden oder von Migranten geführten Nagelstudios, die sich in jeder Kleinstadt finden lassen. Diese werden von einigen Deutschen argwöhnisch betrachtet und als Zeichen eines befürchteten Kulturverlusts gesehen. Auch wird die Befürchtung geäußert, dass durch die Läden anderen Bürgern Deutschlands Arbeitsplätze weggenommen werden, obwohl diese Unternehmen Arbeitsplätze schaffen.

Konträr dazu wird wirtschaftliche Selbstständigkeit in der Öffentlichkeit, aber auch vermehrt als eine gute Möglichkeit zur Integration in die Gesellschaft, angesehen. Immer wieder liest man in den Medien Positivbeispiele und in der wissenschaftlichen Fachliteratur über die Möglichkeiten und Voraussetzungen der Integration durch Selbstständigkeit. Für diesen Diskurs ist es essentiell zu verstehen, dass sich ein Großteil der Migranten tatsächlich aus Mangel an Alternativen selbstständig macht und nicht aus Begeisterung für das Unternehmertum. Das Angestellten-Dasein stellt oft keine echte Alternative dar, da fehlende Sprachkenntnisse, Diskriminierung, mangelnde Bildung und vor allem die Nicht-Anerkennung von ausländischen Abschlüssen dazu führen, dass die Chancen am Arbeitsmarkt schlechter sind, weil andere Bewerber vorgezogen werden.

Huong betont vor allem ihre mangelnden Deutschkenntnisse als Ursache für ihre Selbstständigkeit: „Darum wir haben auch keine schöne Chance für […] in Firma arbeiten, darum wir müssen Freiberuf arbeiten, dann muss ich mehr als euch arbeiten, und mehr bemühen“. Die Arbeit in einem Angestelltenverhältnis fände sie viel angenehmer und erstrebenswerter. Deshalb legt sie großen Wert darauf, dass ihre Kinder gutes Deutschbeherrschen, Abitur machen, wenn möglich auch studieren, um anschließend als Angestellte angenehmere Arbeitsverhältnisse zu haben.

Gleichzeitig fällt das enorme Arbeitspensum auf, das Huong und Minh auf sich nehmen. In ihrer Selbstständigkeit müssen sie immer wieder große Hürden überwinden. So hat Minh zum Beispiel damit zu kämpfen, die Kundschaft in Niederbayern von seinem Essen zu überzeugen und es ihrem Geschmack anzupassen. Wenn man bei ihm Essen geht, fragt der deutsche Kellner (dessen Arbeitsplatz Minh offensichtlich geschaffen hat) vorsichtshalber nach, ob man das Gericht schon kennt, damit man danach auf keinen Fall enttäuscht darüber ist, dass es sich um eine kalte Hauptspeise handelt.

Die immer neuen Herausforderungen der Selbstständigkeit resultieren darin, dass Minh zwölf bis 14 Stunden an sieben Tagen die Woche arbeitet – eine Arbeitsbelastung von um die 90 Stunden die Woche. Das können sich viele Menschen in Deutschland nicht vorstellen, die sich Gedanken über ihre „work-life-balance“, Gleitzeit oder Eltern-Kind-Büros machen. Aber was bleibt den migrantischen Unternehmern anderes übrig? Alternativen gibt es häufig nicht und es muss oft doppelt verdient werden: Für den Alltag in Deutschland und für die Familie in der Heimat. Minh fühlt sich zum Beispiel dazu verpflichtet, in Todes- oder Krankheitsfällen Geld zu schicken. Vermutlich wird das von ihm auch erwartet, weil Deutschland in Vietnam mit viel (und leicht verdientem?) Geld in Verbindung gebracht wird.

Deshalb sollte die Selbstständigkeit weder mit Argwohn betrachtet noch als Integrationsmöglichkeit begrüßt werden, vielmehr sollte sie als das betrachtet werden, was sie ist: Die oftmals einzige Möglichkeit der Finanzierung des eigenen Lebens und der lebensnotwendigen Unterstützung der Familie in der Heimat. Ironischerweise wären sich viele Migranten und die vermeintlichen Verteidiger der deutschen Kultur also sogar einig darin, dass die vielen Imbisse und Restaurants oder kleinen Geschäfte keinen Idealzustand darstellen – obwohl ihre Gründe vollkommen verschieden sind.

„Tiefe Bildung glänzt nicht“1

„Meine Tochter besucht ein Gymnasium – so wie ihr,“ erklärt Huong stolz. Daraus klingt nicht nur das Streben nach Gleichwertigkeit in der deutschen Gesellschaft. Das Abitur ist das erklärte Ziel, fast eine Selbstverständlichkeit. Dafür wird Einiges in Kauf genommen – eine 6-Tage Arbeitswoche, nur der Sonntag mit den Kindern, die kleine Stadt, in welcher sich die Kinder heimisch fühlen. Eigene Ambitionen sind eher unternehmerischer Natur. Warum Schulbildung in vietnamesischen Haushalten so hoch gehalten wird, hat handfeste Gründe.

In Vietnam ist die Annahme weit verbreitet, dass ein Studium, egal in welchem Fach, zu einem guten Arbeitsplatz mit hohem Einkommen führt. Ganz so falsch liegen sie damit nicht, reicht in Vietnam doch oft ein Abschluss einer namhaften Bildungsanstalt für ein gesteigertes Ansehen und eine lukrative Anstellung. Nicht umsonst bleiben Hochschulabsolventen zumeist im Land, ziehen vom Dorf in die Stadt. Den anderen jungen Leuten bleibt oft nur die Landwirtschaft oder eben der Weg ins verheißungsvolle Ausland.

So war es auch bei Minh und Huong. Ihr Bild vom Wert eines Studiums hat sich nach zwei Jahrzehnten in Deutschland jedoch gewandelt. Der Kontakt zu deutschen Studenten hat den Blick der ansässigen Vietnamesen für ein hier herrschendes Problem geschärft: Die scheinbare Ziellosigkeit mit der viele studieren, oft jahrelang und nicht immer steht am Ende ein gut bezahlter Job. Eine Ausbildung hält Huong inzwischen für ebenso wertvoll, Hauptsache den Kindern geht es einmal besser. Besser, das heißt ein Bürojob, Zeit für die Familie, eine Arbeit, die weniger anstrengend ist, als im Restaurant zu schuften oder sich im Nagelstudio die Gesundheit zu ruinieren.

Für sich selbst setzen sie oft andere Maßstäbe an. Nicht ohne Reue haben viele ihre eigenen Bildungsaspirationen in der Ferne zur Seite geschoben, um ihren Pflichten als Geldverdiener nachzukommen. Bildung ist in Vietnam nur das Geld wert, welches dadurch verdient wird. Dieses Bild wird den jungen Migranten vermittelt, welche fern der Heimat nicht zu viel Zeit in Deutschkursen oder gar in der Schule verlieren dürfen.

Aber nicht nur der Druck aus der Heimat spielt eine Rolle. Deutsch zu lernen fällt oft auch aus anderen Gründen schwer, die ersten Jahre sind von Heimweh und Kulturschock geprägt. Viele Migranten kommen als Minderjährige nach Deutschland. Allen ist klar: Ohne Deutsch geht es nicht! Aber was denn eigentlich? Geld verdienen funktioniert schon, denn das Netzwerk ist groß, Asia-Imbisse und Nagelstudios gibt es überall, das Know-how kann schnell erlernt werden. Mobilität und Ausdauer sind gefragt, Deutschkenntnisse nicht. Dafür bieten die schon länger hier wohnhaften Vietnamesen den Neulingen schnell verdientes Geld und soziale Kontakte. Es ist ein sanfter Einstieg ins Geschäftsleben. Lange Arbeitszeiten sind viele aus Vietnam gewohnt. Viele Optionen gibt es ohnehin nicht, sagt Huong. Fest eingebunden in ein Netzwerk aus Hierarchien und Abhängigkeiten steht das Geldverdienen an oberster Stelle. Sie selbst hat für sich mit ihrem eigenen Nagelstudio zumindest einen Weg gefunden, ein Hobby von ihr zum Beruf zu machen. Ihre Geschwister sind alle in der Gastronomie tätig. Minh hat sich von der Küchenhilfe zum Restaurantbesitzer hochgearbeitet. Bildung ist eben nicht nur ein Universitätsabschluss, sondern auch praktisches Wissen, welches erlernt werden kann. Das geht auch ohne formalen Nachweis. Buchhaltung, Mitarbeiterführung, Marketing – das haben sie sich nebenbei angeeignet.

Bildung ist aber auch das Wissen, wie man sich im Alltag in Deutschland behaupten kann und sich zurechtfindet. Hier lernen sie nicht selten von ihren Kindern. Im Gegenzug ermöglicht das Einkommen der Eltern den Kindern ein sorgenfreies Lernen, wenn auch nicht viel Zeit zur persönlichen Unterstützung bei den Hausaufgaben bleibt. Gleichzeitig werden die Kinder in die Pflicht genommen: Mithelfen im Haushalt, einfache Gerichte kochen, auf kleine Geschwister aufpassen, das muss funktionieren, sonst geht der Plan nicht auf. Anders als ihre Eltern in ihrem Alter müssen sie sich nicht um Geld sorgen, wachsen behütet auf. Doch es wird deutlich: Die Kinder müssen Disziplin an den Tag legen, Lernen auch hier nicht um des Lernens willens.

  1. Zitat Marie von Ebner-Eschenbach []
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