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Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Syrischer Fotograf Katan

Bilder können Hoffung geben

Seit über fünf Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Fast genauso lang hat der aus Aleppo stammende Jungfotograf Hosam Katan die Geschehnisse in seiner Heimatstadt mit seiner Kamera dokumentiert. Mit Erfolg.

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Jugendliche in Aleppo/Syrien © LucyCaldicott @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONLuisa Heß

DATUM7. Juni 2016

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RESSORTAktuell, Interview

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Ende April wurde der 22-Jährige Hosam Katan mit einem Nannen-Sonderpreis geehrt. Zuvor war Katan Ende vergangenen Jahres nach Deutschland geflohen, um sich für einen Fotografie-Studienplatz zu bewerben. Angst, bei seiner Arbeit verletzt oder gar getötet zu werden, habe er nur bedingt gehabt, sagte der Syrer im Gespräch mit Luisa Heß. Schwerer sei es ihm gefallen, die Ereignisse emotional zu verarbeiten. Doch der Fotograf ist überzeugt, dass er mit seiner Arbeit helfen kann.

Herr Katan, wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag in Aleppo beschreiben?

Hosam Katan: Bevor ich mich abends schlafen gelegt habe, habe ich mir immer den Wetterbericht für den nächsten Tag im Internet angesehen. Denn bei schönem Wetter war klar, dass ich schon früh zwischen 6 und 7 Uhr aufstehen muss, weil es wieder Bombenangriffe geben wird. Manchmal wurde ich aber auch schon mitten in der Nacht durch die Bomben geweckt. Dann habe ich gewartet und morgens meine Kontaktpersonen bei den Rebellen und anderen Gruppen angerufen. Manchmal gaben sie mir auch selbst Hinweise auf geplante Angriffe. Dann habe ich mich mit ihnen verabredet, meine Aufnahmen gemacht und sie später in meinem Büro auf den Computer geladen.

Wie gingen Sie mit den Erlebnissen um?

Hosam Katan: Manchmal hatte ich das Gefühl, wie gelähmt zu sein. Oft war ich bei Bombenangriffen einer der Ersten vor Ort. Einmal kam ich an einen Platz, wo gerade eine Bombe mehrere Autos zerstört hatte. Die Menschen hatten aus Aleppo fliehen wollen. Überall war Feuer, überall war Blut. Die Menschen haben geschrien, der Geruch war stechend. Die ersten Minuten konnte ich gar nichts machen. Dann nahm ich meine Kamera und fotografierte. Später in meinem Büro fragte ich mich, ob ich meine Gefühle verloren hätte. Doch du musst stark sein und deine Gefühle kontrollieren können, wenn du diesen Beruf machen willst.

Hatten Sie keine Angst selbst verletzt oder getötet zu werden?

Hosam Katan: Anfangs hatte ich tatsächlich keine Angst. Aleppo ist meine Heimatstadt und ich vertraue den Menschen dort. Ich wollte auch nie eine Waffe tragen, weil ich dagegen bin, sie auf andere Syrer zu richten. Wirklich Angst hatte ich erst, als sich Terrororganisationen wie Al-Kaida oder der Islamische Staat in den Konflikt einmischten. 2013 fing der Islamische Staat an, Journalisten zu entführen oder zu töten. Von da an ging ich nur noch zusammen mit anderen raus. Dann hätte zumindest immer jemand gewusst, wenn ich entführt worden wäre.

Warum war es Ihnen so wichtig, die Ereignisse in Ihrer Heimatstadt Aleppo zu fotografieren?

Hosam Katan: Ich denke, Medien sind eine wirklich starke Waffe für eine Revolution. Es ist wichtig, dass unabhängig über die Ereignisse während des Bürgerkrieges berichtet wird. Alles andere wäre Propaganda. Mich haben viele Menschen, die meine Fotos auf Online-Plattformen gesehen hatten, angeschrieben und gefragt, wie sie helfen können. Ich wollte immer auch das alltägliche Leben der Menschen fotografieren, nicht nur Bombenangriffe oder Gefechte. Ich denke, gerade diese Bilder geben Hoffnung, denn sie zeigen, dass die Menschen immer noch ein Leben haben – trotz des Krieges. Journalismus ist für mich eine Waffe, die etwas verändern kann, die helfen kann und unser Überleben sichern kann. (epd/mig)

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