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Eine neue Familie für Amir

Pflegeeltern nehmen afghanischen Jugendlichen auf

Neben Erwachsenen und Familien sind in den vergangenen Monaten auch viele minderjährige Flüchtlinge allein in Deutschland angekommen. Amir ist einer von ihnen. Der 17-Jährige hat eine neue Heimat gefunden – in einer Pflegefamilie. Von Simon Lukas

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Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Manchmal kann Amir immer noch nicht glauben, dass er endlich angekommen ist. Der 17-Jährige aus Afghanistan war zwei Jahre unterwegs – erst auf der Flucht vor den Taliban, dann auf der Suche nach einer neuen Heimat immer weiter bis nach Deutschland. Seit zwei Monaten hat er ein neues Zuhause. Und eine neue Familie.

Jetzt sitzt er auf der Terrasse seiner neuen Pflegeeltern in einem größeren Dorf in Mittelfranken und man merkt ihm an, dass er auf seiner Flucht vorsichtig geworden ist. Er bleibt einsilbig und flüstert seine Antworten, als hätte er Angst, ein falsches Wort könnte ihn in Gefahr bringen. Auch Martina P., Amirs Pflegemutter ist auf der Hut, sie will ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen, es gebe „genug Verrückte auf der Welt“.

Die beiden lernten sich kennen, als Martina P. in einer Erstaufnahmeeinrichtung half. „Wir haben uns gleich verstanden“, sagt die 34-Jährige. Auch Amir nickt und lächelt kurz. Martina war die erste Vertrauensperson für ihn, seit er in der Türkei von seinen Eltern getrennt wurde. Diese und die drei jüngeren Geschwister sitzen noch immer dort fest – dass sie bald nachkommen können, ist sehr unwahrscheinlich. „Manchmal schreiben wir uns“, erklärt Amir, aber es sei „sehr schwierig“, solange von den Eltern getrennt zu sein.

Die Familie musste fliehen, als ihr Dorf von den Taliban besetzt wurde. Amir war damals erst 15, doch die Islamisten wollten ihn als Kindersoldat rekrutieren, erzählt er. Seine Eltern wollten das nicht zulassen, die Familie machte sich auf den langen Weg in Richtung Europa. Man merkt Amir an, dass er nicht über die Zeit sprechen will. Warum sie ausgerechnet nach Deutschland fliehen wollten, weiß er nicht. Große Erwartungen an das fremde Land hatte er nicht – nur die eine: „Wir wollten endlich in Sicherheit leben.“

Als Martina P. ehrenamtliche Deutschlehrerin in der Erstaufnahmeeinrichtung in ihrer Gemeinde wurde, fiel ihr der verschüchterte Junge sofort auf. Amir war im Oktober über die Grenze gekommen und sprach noch kaum ein Wort Deutsch. „Ich habe mich lange mit meinem Mann unterhalten, aber dann haben wir uns gesagt: Wenn wir einem von ihnen eine Chance geben können, dann sollten wir das tun“, erzählt seine Pflegemutter.

Bei Amirs Unterbringung musste man improvisieren, immerhin war ihr Haus nicht für mehr Kinder gedacht. Seit Anfang Februar wohnt er jetzt in einem Kellerzimmer. Eine frühere Rumpelkammer, die zum dritten Kinderzimmer umgebaut wurde. Mit eigenem Fernseher und einem großen, eigenen Bett. Das war Amir sehr wichtig – seine schlimmste Erinnerung an das Erstaufnahmelager waren die Stockbetten, die er sich mit seinen fremden Zimmergenossen teilen musste. Privatsphäre war hier nicht vorgesehen.

Bevor sie Pflegeeltern werden können, müssen Interessierte einige rechtliche Hürden überwinden. So müssen sie erst ein Führungszeugnis vorlegen, bevor sie ein Pflegekind aufnehmen können. Verschiedene Träger beraten die künftigen Pflegeeltern vor dem ersten Kontakt mit den minderjährigen Flüchtlingen. „Das muss zusammenpassen“, erläutert Christine Hofmann vom Jugendamt Nürnberg. „Aber wenn sich die Richtigen finden, ist das auch nicht anstrengender als mit einem deutschen Pflegekind.“

Das sieht auch Martina P. so. Amir ist für sie ein Teil der Familie geworden. Auch mit seinen neuen Geschwistern, sieben und drei Jahre alt, hat er sich auf Anhieb gut verstanden. „Ich habe ja auch kleine Geschwister“, sagt er. Amir, der aus einem kleinen Dorf in Afghanistan stammt, ist in seiner Heimat in keine Schule gegangen. Nun besucht er eine Berufsintegrationsklasse für Flüchtlinge. Zuvor mussten seine Pflegeeltern ihm Schreiben und die Grundrechenarten beibringen.

Was er später machen will, weiß Amir noch nicht genau. Nach den Jahren auf der Flucht scheint er vor allem froh zu sein, endlich irgendwo angekommen zu sein. Nach der Schule ist er oft mit drei anderen Flüchtlingskindern aus der Gegend unterwegs. Sie gehen zusammen Eis essen oder fahren mit dem Fahrrad durch die Wälder. „Manchmal braucht er Zeit für sich“, sagt seine Pflegemutter. Aber wenn er nach Hause kommt, wartet seine neue Familie auf ihn. (epd/mig)

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