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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Hintergrund

"Flüchtling" als Konstruktion

Flüchtlinge sind in aller Munde. Egal woher die Menschen kommen und aus welchen Gründen, werden sie als Flüchtlinge bezeichnet. Woher kommt dieser scheinbar neutrale Begriff „Flüchtling“ eigentlich und was bedeutet er?

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Aus der Genfer Flüchtlingskonvention @ MiG

VONLisa Jöris

Lisa Jöris studierte Politikwissenschaft und Arabistik in Berlin, Montréal und Leipzig und steht kurz vor ihrem Abschluss. Im Herbst 2015 führte sie eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Überfordert(e) Asylpolitik?" für die Heinrich-Böll Stiftung Sachsen-Anhalt durch. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Wahrnehmung von Migration in Deutschland sowie deutscher und europäischer Asylpolitik.

DATUM5. November 2015

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Joachim Schroeder von der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg, geht aufbauend auf verschiedene empirische Befunde davon aus, dass die Konstruktion „Flüchtling“ Resultat institutionellen Handelns in der Aufnahmegesellschaft ist:

„Ob […] ein Umbruch stattgefunden hat, der Menschen zur Flucht veranlasst und sie so also zu Flüchtlingen macht – darüber wird erst in der Ankunftsgesellschaft entschieden. Den Ort des Umbruchs lokalisieren wir in Deutschland, und auch die Bewältigung des Umbruchs – individuell durch die Flüchtlinge, institutionell durch die deutschen Behörden – erfolgt hier.“1

Indem aber eine Definition sowohl im herkömmlichen Sprachgebrauch als auch in juristischen Formulierungen immer einen Bezug zu dem Ort herstellt, von dem Menschen „geflohen“ sind, wird dieser Sachverhalt verdeckt. Dabei hat eben dies einen großen Einfluss auf die individuelle Zukunft in der „Aufnahmegesellschaft“.

Heike Niedrig von der Universität Hamburg und Louis Henri Seukwa, Fachwissenschaftler der Erziehungswissenschaft, zufolge hat die gängige Unterscheidung zwischen Fluchtmigration und anderen Formen der Wanderung weitreichende Folgen für soziale Laufbahnen und den Bildungsweg Betroffener.2 Das Bestreben, den „politisch-rechtlichen, sozialen und auch wissenschaftlichen Konstruktionscharakter“ der Kategorie „Flüchtling“ aufzudecken, bewegt sich jedoch auf einem schmalen Grat, denn individuelle Erfahrungen und Erlebnisse sollen keinesfalls abgesprochen oder verharmlost werden. Die Frage ist aber vielmehr: überdeckt die Bezeichnung nicht gerade Einzelschicksale und homogenisiert Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Beweggründen migrieren?

Sicherlich ist es auch nicht so, dass sich – einmal als Konstruktion entlarvt – die Schublade „Flüchtling“ einfach auflösen ließe. Wie Jürgen Straub, Kultur- und Sozialpsycholge, es allgemein für fremdbestimmte kollektive Identitäten beschreibt, wird auch in diesem Fall das soziale Konstrukt zur Wirklichkeit.3 Dies passiert schon alleine dadurch, dass das Leben von Menschen aufgrund ihrer rechtlichen Zugehörigkeit zu dieser Gruppe insofern stark beeinflusst wird, als dass ihnen bestimmte Rechte zustehen oder eben verweigert werden und sie konkrete Pflichten wahrnehmen müssen. Gerade aber weil das Konzept der „Flüchtlinge“ so machtvoll ist, sollte es immer wieder infrage gestellt und kritisch reflektiert werden.

Stigmatisierung

„Flüchtling“, „Refugee“, „Asylant*in“, oder welche der zahlreichen Wortschöpfungen auch immer – gebraucht werden sie nicht synonym mit „Mensch“: wer spricht von einer „Menschenkrise“, „Menschenwelle oder –ströme“, „Menschentragödie im Mittelmeer“, „Menschenandrang an Europas Außengrenzen“, usw.? Doch auch in offeneren Kreisen, die die Katastrophenrhetorik ablehnen, lässt sich dieses Phänomen beobachten. „Refugees welcome, tourist piss off“ – ein Transparent-Slogan aus antikapitalistischen Kreisen. Ein Refugee macht doch keinen Urlaub, der oder die hat kein Geld und ganz andere Sorgen. Auf Wohnungsvermittlungsseiten speziell für Geflüchtete lässt sich im FAQ nachlesen, was beim Zusammenleben mit ihnen beachtet werden sollte. Pat*innenschaftsprogramme sollen Unterstützung im Alltag bieten. Pat*innen – sind das nicht im ursprünglichen Sinne ältere oder zumindest erfahrenere Menschen, die Jüngeren und Unmündigeren unter die Arme greifen oder gar Verantwortung für sie übernehmen? Selbstverständlich kann dies in der Praxis auch sinnvoll sein, da u.a. Sprachbarrieren Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen erschweren. Aber egal, ob gewollt oder unfreiwillig, dass soziale Interaktion zwischen Flüchtlingen und der Aufnahmegesellschaft zu großen Teilen durch Aufenthaltsstatus und soziale Ansprüche strukturiert wird (unabhängig davon, ob das BAMF einen Aufenthaltsstatus verleiht oder nicht), ist kaum bestreitbar – zumindest solange, wie der oder die Gegenüber in seiner Position als „Flüchtling“ wahrgenommen wird.

Eine Stigmatisierung wird auch dann nicht umgangen, wenn das Wort „Flüchtling“ durch alternative Begriffe wie Geflüchtete, Geflohene, Heimatvertriebene oder Refugee ersetzt wird, denn alle diese Bezeichnungen haben gemein, dass sie in ihren Ursprüngen Fremdbestimmungen sind.

Aus eigener Erfahrung schrieb Hannah Arendt schon 1943 über individuelle Konsequenzen des „Flüchtlingsstempels“ für die eigene Identität:

„Nur sehr wenige Individuen bringen die Kraft auf, ihre eigene Integrität zu wahren, wenn ihr sozialer, politischer und juristischer Status völlig verworren ist. Weil uns der Mut fehlt, eine Veränderung unseres sozialen und rechtlichen Status zu erkämpfen, haben wir uns statt dessen entschieden, und zwar viele von uns, einen Identitätswechsel zu versuchen. Und dieses kuriose Verhalten macht die Sache noch viel schlimmer.“4

Die Philosophin bezeichnet die Diskriminierung als ein „soziales Mordinstrument“, das in der Lage ist, unblutig zu töten. Arendts klares Statement: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt.“

Ausblick

Wie lässt sich mit dem Dilemma umgehen? Einerseits ist das Label „Flüchtlinge“ eine Konstruktion mit weitreichenden Auswirkungen für Betroffene, andererseits ist es als rechtliche Kategorie im Staat Wirklichkeit geworden.

In Zeiten, in denen die deutsche Asylpolitik derart überfordert ist, dass sie teilweise nicht einmal ihren eigenen Standards mehr Folge leisten kann und allein schon deshalb hinterfragt gehört und reformiert werden muss, ganz zu schweigen von einer rechtlichen und realen Verbesserung dieser Standards, sollte auch die Grundlage von Asylpolitik nicht vor kritischer Auseinandersetzung verschont bleiben: die Kategorie „Flüchtling“. Deshalb hier in erster Linie der Appell, sich die Strukturen und Hintergründe dieses Begriffes vor Augen zu führen und mitzudenken. Diese Forderung lässt sich auf verschiedene Ebenen und Bereiche übertragen. Angefangen auf der Graswurzelebene, dem ehrenamtlichen Engagement, bei dem „Flüchtlinge“ oftmals lediglich als Hilfeempfangende statt als handelnde Subjekte dargestellt werden und in das Selbstorganisationen bislang nur wenig eingebunden sind – trotz unersetzbarer Ressourcen wie fachlichem, sprachlichem sowie kulturellem Wissen und Feingefühl. Ein Reflektieren der Kategorie auf Ebene politischer Entscheidungsträger*innen kann unter anderem sichere und menschenrechtskonforme Migrationswege schaffen. Stigmatisierung entgegen zu wirken, wäre vor allem aber auch der Schlüssel, endlich das Potenzial von Migration zu nutzen – nicht nur in wirtschaftlicher sondern insbesondere in sozialer Hinsicht.

Ein konkreter Schritt dazu könnte schließlich auch der kontextbezoge Gebrauch von anderen Begriffen in der Öffentlichkeit sein, je nach Situation, in denen die betreffende Person beispielsweise einfach als Mitbewohner*in oder Tandempartner*in wahrgenommen wird. Und wenn es darum geht, dass sie oder er beispielsweise noch nicht mit dem Alltag und der Sprache in der Ankunftsgesellschaft vertraut ist: Wie wäre es denn mit „Ankommende“?

  1. Schroeder, Joachim (2003): Umbruch und Bewältigung. Reflexionen zu einem widerständigen Kategorienpaar aus erziehungswissenschaftlicher Sicht.“ In: Neumann, Ursula / Niedrig, Heike / Schroeder, Joachim / Seukwa, Louis Henri (Hrsg.) (2003): Lernen am Rande der Gesellschaft. Bildungsinstitutionen im Spiegel von Flüchtlingsbiografien. S. 411-426. []
  2. Niedrig, Heike / Seukwa, Louis Henri (2010): Die Ordnung des Diskurses in der Flüchtlingskonstruktion: Eine post-koloniale Re-Lektüre“, In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Heft 2.2010, Seite 181-193. []
  3. Straub Jürgen (1998): Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. In: Asmman, Aleida / Friese, Heidrun [Hrsg.]: Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität. []
  4. Arendt, Hannah (1943): „Wir Flüchtlinge“, In: Knott, Marie Luise (1999): „Zur Zeit. Politische Essays.“, S. 7-22. []
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4 Kommentare
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  1. Liebe Frau Jöris,
    Danke für den schönen Artikel, bei dem es allerdings ein Missveständnis gibt: den vermeintlichen, aber falschen Gegensatz zwischen Bade und Treibel. Ich vertrete eben gerade nicht die Auffassung, dass es „rein ökonomische“ oder rein politische Migratinsmotive gibt, sondern die vielfältigsten Überschneidungen, was ich in zahllosen Publikationen deutlich gemacht habe, die Sie auf meine Website finden (www.kjbade.de). Was ich in dem Kontext, den Sie zitieren, meine,ist eine politische Differenzierung, die es ermöglicht, Zuwanderungswilligen, die nicht Flüchtlinge oder „subsistance mirgrants“ , sondern „betterment migrants“ sind, zum Zweck von Arbeitswandeung oder Einwanderung mehr legale Zuwanderungswege zu eröffnen, solche rechtspolitischen Differenzierungen haben mit epistemologischen Fragen ja nichts zu tun. Beste Grüße KJB

  2. Liebe Frau Jöris,

    lieben Dank für ihren Denkanstoß.

    Das Wort „Flüchtlinge“ umfasst die Menschen als Gesamtes welche aus ihrem Land geflohen sind, so sehe ich es.

    Was mich jedoch stört ist das Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“. Oft verlassen Menschen ihre Heimat wegen Rassismus, Gewalt, Hunger, Perspektivlosigkeit.

    Ein Einwanderungsgesetz würde vieles leichter machen.

    Die Würde des Menschen ist unantastbar … das gilt auch für Asyl und Einwanderung ….

    lg lupa

  3. Lisa Jöris sagt:

    @ Klaus J. Bade

    Lieber Herr Bade,

    vielen Dank für Ihren Hinweis und vor allem für Ihren ausführlichen Artikel in der APuZ.

    Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich Sie in diesem Kontext missverstanden habe. Gestolpert bin ich nur über die rechtspolitische Forderung des vorletzten Absatzes des zitierten Textes, wo es heißt:

    „Wenn man der denunziatorischen Verbindung von Wirtschafts- und Fluchtwanderung zur semantischen Missgeburt des ‚Wirtschaftsflüchtlings‘ den Boden entziehen will, dann würde dies zweifelsohne am ehesten gelingen, wenn Flucht- und Wirtschaftswanderung stärker unterscheidbar würden.“

    Natürlich hat aber eine Erweiterung der legalen Zuwanderungswege nichts mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen zu tun. Und trotzdem würden wohl gleichzeitig , wie Sie angemerkt haben, mehr legale Zuwanderungswege im Bereich Arbeitsmigration, sofern sie inklusiver als derzeit gestaltet würden, einen Einfluss auf die Kategorisierung „Flüchtling“/Arbeitsmigrant*in haben.

    Vielen Dank also für Ihre Anregung und beste Grüße,
    Lisa Jöris

  4. Unterstützer sagt:

    Ein guter Artikel!, vielen Dank dafür! Weil „Flüchtling“ – wie andere Begriffe auch – von gesellschaftlichen Veränderungen geprägt und bewegt werden, ist es der Inhalt, der dem Begriff innewohnt, in diesem Falls meiner Ansicht nach weniger seine Institutionalisierung in der GFK. Oftmals wird er nämlich eher nicht verstanden im Sinne der Genfer Flüchtlngskonvention (im Behördenterminus die Aufenthaltserlaubnis nach § 60,1 AufenthG) und spielt damit im Alltagsverständnis für viele keine Rolle. Ich halte den Begriff eher für einen starken Begriff, weil er in den Auseinandersetzungen in den 90er Jahren bis heute von vielen politischen Aktivist_innen benutzt und positiv besetzt wurde, was die Populist_innen Zusätze wie „Wirtschafts-“ hinzufügen ließ. „Flüchtling“ verwenden viele Aktivist_innen eher nicht wegen der Unterscheidungsmöglichkeit aufgrund der GFK, sondern aufgrund vermeintlicher negativer Konnotation wg des „ling“ im Begriff (Schädling etc.) oder aufgrund seiner vermeintlichen Verniedlichung (Liebling etc.) oder weil der Begriff als allgemein negativ besetzt gesehen wird. Die rechtliche Kategorie scheint mir also auch in den Unterstützer_innenszenen weniger an der rechtlichen Implikation des Begriffs zu liegen. Begriffe prägen Wirklichkeit, das ist „wahr“, sie prägen unser Alltagsverständnis, unser Erleben der „Wirklichkeit“. Somit gilt dieser Begriff auch hinterfragt. Doch sehe ich ihn als nicht so problematisch an aufgrund seiner Wortkonstruktion oder dem, was rechtlich mitschwingen könnte. Wenn wir ohne Unterscheidung von „Flüchtling“ sprechen, wenn jemand geflüchtet ist, hat es auch etwas positives, weil wir die vermeintliche Rechtmäßigkeit nicht in Frage stellen. Er enthebt sich damit der GFK oder dem Aufenthaltsgesetz etc. Das Problem liegt meiner Ansicht nach vor allem hier: Begriffe erhalten ihren Gehalt durch die Menschen, die sie prägen, durch (abwertenden) (Gruppen)Konstruktionen von Personen, im Falle von Flüchtlingen aufgrund machtvoller rassialisierender Konstruktionen. Die rechtliche Situation muss sich ändern, die Akzeptanz der Menschen muss wachsen, dann brauchen wir auch weniger über Begriffe reden, was dem nicht widerspricht, dass es sinnvoll ist, das zu thematisieren. Jeder Ersatzbegriff wird dieselbe negative Aufladung erhalten, solange sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und damit der Gehalt des Begriffs nicht verändern. Wir müssen uns einsetzen gg. die aktuelle diskursive Verschiebung und gesetzliche Implementierung, die in „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge unterscheidet, wenn wir die Situation nicht akzeptieren wollen.



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