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Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Kochen gegen das Heimweh

Ein Oberbayer hat zwei junge Flüchtlinge aufgenommen

Hubert Seidl ist alleinerziehender Vater von zwei Söhnen. Seit März kümmert er sich zudem um die beiden jungen Flüchtlinge Zabiollah und Kifayatola. Üblich ist das nicht. Von Susanne Schröder

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Kochen © Nicole Abalde @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Im Fahrradunterstand neben dem Eingang hängt ein Boxsack neben einer zusammengeklappten Tischtennisplatte. Ein rostiges Rad lehnt daran, auf dem Tisch stapeln sich mehrere Holzkisten mit frisch geernteten Äpfeln. „Wir sind eine Männerwirtschaft“, sagt Hubert Seidl (Name geändert) und serviert Leitungswasser im Halbliterkrug, „bei uns ist alles praktisch“. Das muss es wohl auch, denn seit März kümmert sich der alleinerziehende Vater nicht nur um die eigenen beiden Söhne, sondern auch noch um Zabiollah und Kifayatola. Der 16-jährige elternlose Afghane, der in der Heimat als Kindersoldat rekrutiert werden sollte, und sein gleichaltriger Freund aus Pakistan, dessen Vater aus politischen Gründen getötet wurde, sind als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Bayern gekommen.

„Die beiden haben sich auf der Flucht kennengelernt und sind ein super Team“, erzählt Hubert Seidl. Doch auch zwischen dem 46-Jährigen und den Flüchtlingsjungs stimmte die Chemie von Anfang an. Also beantragte der Oberbayer beim Jugendamt die Dauerpflegschaft für Zabiollah, genannt Zafi, und Kifayatola – und bekam Ende September die endgültige Zusage.

Üblich ist das nicht: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen nach ihrer Einreise eigentlich in spezielle Clearinghäuser, wo – unter der Obhut von Sozialpädagogen – ihre Identität so weit wie möglich geklärt und ihr Gesundheitszustand überprüft wird. Nach zwei bis drei Monaten ziehen sie dann dauerhaft in eine Wohngruppe oder ein Wohnheim der Jugendhilfe. Von dort aus besuchen sie Sprachkurse, gehen zur Schule, machen eine Ausbildung.

Nur wenn alle Plätze in den Clearinghäusern belegt sind, greifen die Jugendämter mancherorts auf sogenannte Bereitschaftspflegefamilien zurück. Auch Hubert Seidl war Durchgangsstation für zwei Jugendliche aus Syrien und Marokko – gefallen hat ihm das nicht. „Ich fand das schrecklich: Kaum sind die Jugendlichen in der Familie angekommen, werden sie schon wieder rausgerissen“, sagt er mit grimmigem Blick. Auch mit der Empfehlung der Organisationen, sich emotional nicht auf den Gast einzulassen, konnte der Familienvater nichts anfangen: „Ich kann den doch nicht behandeln wie einen Klotz“, sagt er und schüttelt ärgerlich den Kopf. Als das Jugendamt dann Zafi und Kifayatola zu ihm schickte, war schnell klar: Diesen beiden Jungs wollte Seidl eine Heimat auf Dauer geben.

Und so leben der Afghane und der Pakistani jetzt in einem typischen oberbayerischen Dorf, kicken im Fußballverein, pflücken Äpfel und hacken Holz mit dem „Papa“, lernen in der Berufsschule für angehende Köche, wie man Pfannkuchen backt und kochen daheim bei Hubert Seidl scharfe Spezialitäten aus ihrer Heimat. Demnächst wollen sie gemeinsam im Garten einen Ofen bauen, um Brot zu backen.

Schwierigkeiten? Gibt es nicht, findet der gelernte Fernmeldetechniker und Landwirtschaftsmeister, der zuletzt als Berater im Biolandbau tätig war. „Das Bayerische ist vielen Sprachen nah“, sagt er, „und ich kann mit wenigen Worten viel ausdrücken.“ Auch in den Köpfen der Dorfbewohner arbeite es, seit Zafi und Kifayatola bei ihm wohnten. „Es gibt hier viele Familien, die bereit wären, Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt Seidl. Das sei vielleicht keine massentaugliche Lösung – „aber wenn es für beide Seiten passt, warum lässt man die Kinder dann nicht da? Besser als in der Familie kann Integration doch nicht gelingen!“

Für seine eigenen Söhne, zehn und zwölf Jahre alt, seien die Jungs jedenfalls ein Gewinn: „Das Thema Flüchtlinge ist für meine Kinder nicht beängstigend, sondern normaler Alltag“. Nur das strenge Fastengebot des Ramadan passe nicht gut zu den Anforderungen eines normalen deutschen Berufsalltags – und dass der örtliche Fußballverein jetzt zwei Einzelduschen für Zafi und Kifayatola bereitstellt, weil sie die Gemeinschaftsduschen aus religiösen Gründen nicht benutzen dürfen, kann für Hubert Seidl auch nur eine Übergangslösung sein. „Aber das braucht halt seine Zeit“, meint er bedächtig.

Auch das Ankommen braucht Zeit. Manchmal haben Zabiollah und Kifayatola Heimweh – ihr Pflegevater merkt das daran, dass die Jungs dann niedergeschlagen sind. „Ich glaub, die wären gern daheim, wenn’s nur möglich wäre“, sinniert er. Umso wichtiger ist es ihm, sich von den beiden – am besten beim Kochen – ihre Kultur nahebringen zu lassen und ihnen im Gegenzug zu zeigen, wie der Alltag in Oberbayern funktioniert. Und was gefällt Zafi und Kifayatola am besten an ihrer neuen Heimat? „Alles hier ist am besten“, sagt Kifayatola. Er schaut dabei auf Hubert Seidl und strahlt. (epd/mig)

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