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Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Kurdischer Obama?

Obamas Hautfarbe, Demirtaş' Herkunft

Seit Wochen kursiert eine Metapher in den Medien: HDP-Chef Selahattin Demirtaş sei ein kurdischer Obama. Wie stichhaltig dieser Vergleich ist und ob die damit verbundenen Assoziationen stimmen, hat sich A. Kadir Özdemir näher angeschaut.

Selahattin Demirtas, Barack Obama, HDP, PKK
Der PKK nahe HDP-Chef Selahattin Demirtaş als kurdischer Obama?

VONA. Kadir Özdemir

Die Einwanderung nach Deutschland mit 12 Jahren ließ A. Kadir Özdemir zum ersten Mal die Tragweite von Sprache und Sprachlosigkeit erahnen. Das Spiel und der Ernst mit den Worten wurde fortan seine liebste Beschäftigung. Nach dem Studium der Neueren Geschichte und Soziologie ist das wissenschaftliche wie kreative Schreiben ein essentieller Teil seiner Gedanken- und Erlebniswelt und glücklicherweise auch Berufswelt geworden. Wenn er nicht schreibt, könnte er endlos Filme aus aller Welt sehen. Die Fiktion des Films enthalte immer etwas Intimes über Menschen u. Kulturen. Für Politik hatte er sich nie wirklich interessiert und wundert sich, wie er heute ein politischer Mensch geworden ist mit Fokus: deutsch-türkische Beziehungen, Indien und Naher Osten.

DATUM19. August 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Obamas Popularität wurde eindeutig durch die Politisierung seiner Hautfarbe vorangetrieben. Tatsächlich hat sich inzwischen der Rassismus gegenüber schwarzen Amerikanern derart verschlechtert, dass inzwischen jeder dritte(!) Schwarze im Laufe seines Lebens verhaftet wird. Die US-Polizei darf wahllos und verdachtsunabhängig Bürger auf der Straße anhalten, durchsuchen und in Gewahrsam nehmen. Bis zu 80 Prozent der Betroffenen dieser Praxis sind Latinos und Afroamerikaner. Als letzter Weckruf für jene, die an Obama als die Friedenstaube geglaubt haben, durfte die Bemühung Obamas gedient haben, die Kriegsverbrechen aus der Bush-Ära unter den Teppich kehren zu lassen. Hinter der medial konstruierten Fassade des Friedensnobelpreisträgers verbirgt sich haargenau das gleiche Kalkül und die Machtpolitik der Bush-Ära, nur mit einer hübscheren Oberfläche.

Ähnlich wie Obama wird auch Demirtaş’s ethnische Herkunft stark politisiert. Der exzellente Rhetoriker erweckte den Eindruck, als stünden die über Jahrhunderte eben durch ihre Unterschiedlichkeit bemerkenswerten kurdischen Volksgruppen gänzlich hinter der Politik der HDP und er sei die allein berechtigte Stimme eines ganzen zuvor sprachlosen Volkes. Dass gerade der tendenziell konservativere Osten der Türkei und die in viele westliche Großstädte immigrierten Kurden die AKP unterstützen oder die alevitischen Kurden CHP wählen, wird ausgeblendet. Die Realität der ethnischen, religiösen und vor allem politischen Vielfalt unter den Kurden passt nicht in den Entwurf eines Volkes, dass dringend beschützt werden muss und allein durch die PKK und HDP eine Repräsentanz bekommen darf.

Demirtaş betont stets, dass Abdullah Öcalan, Gründer der PKK, der alternativlose Verhandlungspartner sei. Einerseits möchte die HDP eine demokratisch legitimierte, unabhängige Partei sein, aber andererseits kann keine wichtige Entscheidung ohne die Fürbitte Öcalans getroffen werden. Es ist eben diese treue Bindung der HDP an die PKK, die stark an der Glaubwürdigkeit von Demirtaş zweifeln lässt. Das Imageproblem wird noch durch seinen älteren Bruder verstärkt, der nach jüngsten Angaben sich unter den kurdischen Kämpfern im Nordirak aufhalten soll.

Normalerweise müsste eine derart tiefe Verstrickung der HDP mit Öcalan und der PKK gerade Deutschland und die deutsche Presse kritischer werden lassen. Denkt man nur an die Zeiten der RAF zurück, an die 34 Opfer, und welche Ausmaße damals die polizeiliche Paranoia angenommen hatte. Der bewaffnete Konflikt mit der PKK kostete bisher rund 40.000 Menschen das Leben.

Dennoch wird Demirtaş, die HDP und selbst die PKK von deutschen Politikern hofiert. Bereits 2014 forderte der Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) Waffenlieferungen an die PKK, einer Organisation, die in Deutschland erst verboten wurde, als deren Mitglieder durch unzählige Angriffe auf türkisch-deutsche Unternehmer, Autobahn-Blockaden und Selbstverbrennungen die deutsche Öffentlichkeit komplett gegen sich gebracht hatte.

Demirtaş, der jüngst in Brüssel (EU-Zentrale der PKK) ranghohe Terroristen traf, sagte, dass die EU nun stärker die Türkei überzeugen müsse, mit der PKK zu verhandeln. Die PKK sei eine Bewegung für Demokratie. Demirtaş folgt einer beliebten Methode der politischen Sprache, nämlich das Einbetten von politischen Ereignissen in subjektive Deutungsmuster, indem bestimmte Merkmale oder Aspekte selektiv hervorgehoben oder ihr willkürlich zugeordnet (highlighting) und so im kollektiven Gedächtnis verankert werden. Andere unliebsame Fakten hingegen wie die lange blutige Spur der PKK werden gezielt ausgeblendet (hiding).

Politische Metaphern können auf leisen Sohlen in unser Gehirn einziehen und uns gefangen nehmen. Sie haben die Macht, neue Wirklichkeiten zu schaffen und unser Begriffssystem zu verändern. Anschließend entsteht durch konsequentes Wiederholen der sogenannte Wahrheitseffekt. Der Erfolg der politischen Sprache ist umso größer, je geringer das Wissen der Zielgruppe über das Thema und je größer das Vertrauen in die Verbreitungskanäle ist.

Sowohl Obama als auch Demirtaş haben vor allem eines gemeinsam: ihr Image. Form und Inhalt dürfen sich diametral widersprechen, dennoch wirken Bilder nach. In einem solchen Fall spricht man von einem Fiktionswert. Faktisch stimmt nichts von dem, wie man sich einen Friedensnobelpreisträger oder einen unabhängigen Menschenrechtler vorstellt, aber eine Fiktion wird aufrechterhalten, um emotionale Bedürfnisse zu befriedigen. Denn Metaphern bringen im Unterschied zu anderen Methoden der politischen Sprache vor allem Gefühle ins Spiel. Und bei Gefühlen werden Entscheidungen häufig trotz entgegengesetzten Fakten getroffen. Allgemein endet die Macht der Metapher und der politischen Sprache da, wo die Menschen mit der Realität konfrontiert werden und eine Diskrepanz zwischen politischer Manipulation und der Wirklichkeit sichtbar wird.

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3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Kurde sagt:

    Lange nicht so einen unterschwellig türkischnatiaonlistischen Beitrag auf MIGAZIN gelesen.

  2. Cengiz K sagt:

    …Lange nicht so einen unterschwellig türkischnatiaonlistischen Beitrag auf MIGAZIN gelesen….

    Ich haette jetzt angenommen, es geht um Tuerkei-Politik.. Faenden Sie ‚unterschwellig‘ ethnozentrischen Karl-May-Romantizismus besser?

  3. Zilan sagt:

    @Kurde:
    Dann widerlegen Sie Herrn Özdemir doch mal und untermauern Sie dies bitte mit Fakten.
    Mich stört da eher die Pro-PKK-Berichterstattung in den deutschen Medien. Da müssen wohl wieder Autobahnen blockiert, gezündelt oder deutsche Touristen Opfer dieser feigen Anschläge werden, damit hier endlich mal jemand aufwacht!



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