MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Zwischen 1904 und 1908

Lammert bezeichnet Kolonialverbrechen in Namibia als Völkermord

Bundestagspräsident Lammert bezeichnet den Genozid deutscher Kolonialtruppen im heutigen Namibia erstmals als Völkermord. Wer vom Genozid an den Armeniern spreche, der müsse auch die Verbrechen des deutschen Militärs im Jahrzehnt davor beim Namen nennen.

Herero, Nama, Völkermord
Herero- und Nama-Delegierten in Berlin vor dem Sitz des Bundespräsidenten (Archivfoto)

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat den Vernichtungskrieg deutscher Kolonialtruppen vor über hundert Jahren im heutigen Namibia als Völkermord bezeichnet. „An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen war die Niederschlagung des Herero-Aufstandes ein Völkermord“, schreibt Lammert in einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit. Zwischen 1904 und 1908 waren durch Gräueltaten deutscher Soldaten im damaligen Deutsch-Südwestafrika etwa 80 Prozent der Herero-Volksgruppe umgekommen. Am 9. Juli 1915 endete die deutsche Kolonialherrschaft über das Land.

Lammert betonte, wer vom Genozid an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich spreche, der müsse auch die Verbrechen des deutschen Militärs im Jahrzehnt davor beim Namen nennen. „Nicht nur den Kampfhandlungen, sondern auch Krankheiten und dem gezielten Morden durch Verdursten- und Verhungernlassen fielen Zehntausende Herero und Nama zum Opfer, andere starben in Konzentrationslagern oder bei der Zwangsarbeit.“

Lammert hatte bereits im April das Massaker an den Armeniern als Völkermord verurteilt. Dennoch sei die heutige türkische Regierung nicht verantwortlich für das, was vor 100 Jahren geschehen ist. Das gelte auch für Deutschland. „Aber wie die Türken tragen auch wir Verantwortung dafür, wie wir mit dieser Geschichte umgehen“, fügte er hinzu.

Bisher bekennt sich die Bundesrepublik nicht offiziell zu einem Völkermord in Namibia. Lediglich die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) hatte bei einer Gedenkfeier 2004 in Namibia erklärt: „Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde.“ Zugleich bat sie „im Sinne des gemeinsamen Vaterunser“ um Vergebung.

Opferverbände und Oppositionsparteien fordern seit Jahren eine offizielle Anerkennung des Genozids. Vor wenigen Tagen haben die Grünen einen entsprechenden Antrag im Bundestag gestellt. Eine Delegation führender Herero und Nama übergab dem Bundespräsidialamt einen Appell. Trotz Voranmeldung waren am Montag aber weder Bundespräsident Gauck noch das Bundespräsidialamt dazu bereit, die aus Berlins Partnerstadt Windhoek (Nam) stammenden Nachfahren der Genozidopfer zu empfangen. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

Ein Kommentar
Diskutieren Sie mit!»

  1. […] Zwischen 1904 und 1908  Lammert bezeichnet Kolonialverbrechen in Namibia als Völkermord […]



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...