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Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Rezension zum Wochenende

Wie Rassismus an den deutschen Hochschulen wütet

Anti-rassistischer Widerstand an den Hochschulen hat (inter)national Konjunktur. Rechtzeitig zu den Protesten erscheint „eingeschrieben: Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen“. Dieses Buch bricht eindrucksvoll mit dem Mythos der ‚progressiven‘ Hochschulen und prangert die systematisch fehlende Gleichberechtigung in der Akademie an.

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eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen © w_orten & meer

VONJohnny Van Hove

Der Autor, geb. in Brüssel, schließt gerade seine Promotion über die Kongo-Diskurse in U.S. Amerikanischen Medien (1800-heute) ab. Er ist der Gründer und Sprecher der wissenschaftskritischen Bildungsorganisation Grassrootsakademie.de. Er schreibt regelmäßig für Nachrichtenmedien in Belgien, den Vereinigten Staaten und Deutschland, besonders über (post)koloniale Themen.

DATUM3. Juli 2015

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Es rumort weltweit an den Universitäten, von Kanada über Ecuador bis England. An der Universität von Kapstadt brachten neulich schwarze Studierende nach wochenlangem Protest die Statue des Kolonialherren Cecil Rhodes zu Fall. In Amsterdam gründeten Studierende die University of Colour, die das bestehende Curriculum als eurozentrisch kritisiert. Beide Beispiele zeigen: Rassismus und Dekolonialisierung stehen auf der Tagesordnung des globalen Aktivismus an den Hochschulen.

Eingeschrieben trifft somit den Nerv der Zeit. Die mutige Verfasserin, die promovierte Neurowissenschafterin Emily Ngubia Kuria, ist sich dessen bewusst: sie wolle mit dem Buch die Proteste von People of Colour (POC) an deutschen Hochschulen dokumentieren, sowie das Schweigen über den akademischen Rassismus durchbrechen.

Und die Autorin weiß, wovon sie redet: sie forscht und lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und führte in den vergangenen Jahren zahlreiche Interviews mit Studierenden. Emily Ngubia Kuria erzählt diese Geschichten hauptsächlich nach. Dabei wird ein verheerendes Bild über „die Gegenwärtigkeit eines tief verwurzelten Rassismus“ an den Universitäten gemalt, die als einer unter vielen sozialen Orten ins Visier genommen werden.

Rassismus spiegelt sich nicht nur in der personellen Zusammensetzung des Lehrpersonals wieder, in den Curricula, in der Uni-Architektur oder in der Studierendenschaft, sondern auch in den Alltagserfahrungen von POC und schwarzen Studierenden.

Im Buch werden haarsträubende Schikanen sichtbar gemacht. Mittelmäßige Noten trotz Bestleistung seien Gang und Gäbe. Monatelange Hängepartien bei den Ausländerbehörden und ungerechtfertigte Ablehnungen zu Studienzugängen erschwerten das Studieren bis zur Unmöglichkeit. Diskriminierende Übergriffe seitens des Lehrpersonals und der Studierenden seien alltägliche Kost.

Das Gesamtbild dieser Geschichten ist zwar bedrückend und macht an manchen Stellen ein wenig hilflos, Hoffnungslosigkeit kommt trotzdem nicht auf. Das Buch, mit viel Sinn für Ästhetik durch den Verlag für antidiskriminierendes Handeln w_orte und meer gestaltet, wirkt dieser zum Schluss der Publikation durch konkrete Hilfestellungen und Vorschläge entgegen. Ein düsterer Nachgeschmack bleibt allerdings, da die Auswege aus der rassistischen Dauerkrise kaum erkennbar sind: konkrete, strukturelle Änderungsvorschläge sind eher eine Rarität.

Trotz der Perspektivenvielfalt der Zeugnisse, bleibt das Buch insgesamt auch stark in Gegenüberstellungen von Schwarz vs. Weiß, Minderheit vs. Mehrheit, POC gegen den Rest verhaftet. „Keine weiße Person würde jeweils auf die Idee kommen, eine andere weiße Person auszusortieren“ ist ein beiläufig formulierter Satz, der stutzig macht. Besonders vor dem Hintergrund der massiven Unterrepräsentation etwa weißer Arbeiterkinder oder angesichts der vielen Steine, die auch Studierenden aus europäischen Ländern wie Rumänien und Serbien in den Weg gelegt werden. Eine etwas differenziertere Annäherung wäre hier gewinnbringend gewesen.

Trotz des pauschalisierenden Begriffsapparats ist das Buch eine aufmerksame Lektüre mehr als wert. Eine Empfehlung für alle, die von Weitem und Nahem mit den deutschen Universitäten zu tun haben. Hoffentlich bildet diese Publikation den Startschuss von vielen weiteren hochwertigen Büchern zum Thema.

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2 Kommentare
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  1. surviver sagt:

    „Rassismuss an deutschen Hochschulen“, das ist wirklich interassant.
    Das hör ich nicht zum 1. mal.

    Da stimmt doch was mit dem Bildungssystem hier nicht, oder wie soll man das sonst erklären?

  2. Und wahrscheinlich deshalb wurde auch zum wiederholten Male an einer Leipziger Uni meine Ausstellung abgesagt.

    Überigens fand ich in Begleitung eines männlichen Graffitiforschers vor eingen Jahren bei der Suche nach div. Hass-Graffitis in den Unis auf der Herrentoilette der TU Berlin folgende unerträglichen Hassgraffitis:

    1. „Deutsche, wieviele Kriege wollt ihr noch verlieren?“ – die Antwort daneben war: „Bis der letzte Jude stirbt!“………..

    2. „Gegen Kanaken hilft nur brutalste Gewalt“

    3. „Nur ein toter Türke ist ein guter Türke!“

    Dies alles fand – und beseitigte ich selbstveständlich sofort- 2001!
    Da war der NSU schon dabei türkische und einen griechische mitbürger zu ermorden……………

    Ich schäme mich für Deutschland!

    Nun, da gibt es aber auch div. Schulen, die mir Hausverbot erteilten oder eben deren Schulleiter sich nicht auf eine Begegnung mit meinem Projekt einlassen wollten!



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