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Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Afghanistan

Das andere Land

Ein Blick auf ein Land, mit dem viele kaum mehr als Armut, Trauer und Tod verbinden. Doch Afghanistan ist viel mehr als die Bilder, die wir aus den Fernsehnachrichten kennen. Von Nasreen Ahmadi

Afghanistan, Land, Berge, Tal, Himmel, Wolken; Panorama
Afghanistan © Ricardo Mangual @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONNasreen Ahmadi

Nasreen Ahmadi hat einen afghanischen Migrationshintergrund. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften und Islamische Studien an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Neben dem Studium ist sie ehrenamtlich in dem Verein InteGREATer e.V. aktiv, denn sie glaubt, dass Integration nur durch Bildung zustande kommt.

DATUM12. Juni 2015

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Schon aus dem Flugzeug bewundere ich die imposante und wunderschöne Berglandschaft. Die dramatischen Gipfel ragen in den blauen Himmel empor. Gerade ist die Sonne aufgegangen und auf den ersten Blick beschleicht mich das Gefühl, dass den Gipfeln etwas Mystisches innewohnt. Die Szenerie ist atemberaubend. Wie von einem anderen Planeten wirken die Gebirgszüge aus der Luftansicht. Im Winter ist es bestimmt noch hübscher anzusehen, dann, wenn der Schnee die felsigen Gipfel wie Puderzucker überzieht, denke ich mir.

Das also ist Afghanistan. Das Land, das ich im Grunde nur aus den Erzählungen meiner Eltern und aus den Bildern und Nachrichten im Fernsehen kenne. Das Land, das viele als ein zerbrochenes und zerrissenes Land sehen. Das Land, mit dem viele kaum mehr als Armut, Trauer und Tod verbinden. Afghanistan, dessen Geschichte in einem gewissen Sinn immer wieder die Geschichte anderer Völker und die von Kriegen widerspiegelt. Doch Afghanistan ist nicht nur das, was uns in den Nachrichtensendern präsentiert wird; sie zeigen das Land als gefährliche Kampfzone. Begriffe wie Nato, Bundeswehr, Soldaten und Taliban, fallen den Menschen als erstes ein, wenn sie Afghanistan hören.

Doch Afghanistan, das Herz Asiens, ist viel mehr als das. Es verkörpert, ja ist geradezu das Sinnbild für legendäre, abenteuerreiche Routen, faszinierende Landschaften und eine reiche Kultur, was die Fantasien aller Asienreisenden beflügelt. Von Wüsten bis vergletscherte Hochgebirge, von unbesiedelten Hochlandregionen bis hin zu fruchtbaren, grünen Tälern. Afghanistan hat alles und doch scheint es immer so, als ob es nichts hätte. Schon Marco Polo machte die Seidenstraße zu den Sehnsuchtsträumen vieler Abenteurer und Abenteuerlustigen, ein Vermächtnis seiner legendären Asienreise. Was er zu berichten hatte, klang so unglaublich, dass seine Freude noch auf seinem Sterbebett in ihn drangen.

Auch mein Eindruck ist gefärbt von dieser Wirkung. Mein Herz ist beflügelt. Afghanistan erwacht. Im Streiflicht der Sonne, die aus dem Gebirge aufsteigt, beginnt die Stadt zu leuchten, Kabul, die Hauptstadt Afghanistan, eine unbeschreiblich lebendige Stadt. Überall sprudelt es vor Leben, überall sind die Leute geschäftig, sie quatschen, laden einen zum Tee ein, essen in Gemeinschaft. Die Afghanen machen viele Witze und sind unfassbar herzlich. Es ist besonders die Gastfreundschaft, die das afghanische Volk auszeichnet.

In der Stadt fallen einem sofort die wunderschönen und reichlich verzierten Busse und Lastwagen auf, wahre Meisterwerke der Volkskunst, verziert mit den Träumen und Sehnsüchten der Afghanen: Kalenderlandschaften, Blumen, legendäre Helden, Themen, Schriften und Gestalten der islamischen Tradition. Alles findet Platz auf den bemalten Karosserien. Und der Bazar erst, er ist eine Welt für sich. In den bedeutenderen Zentren wird der traditionelle und belebte Markt in der Stadtmitte, um die Hauptstraße herum abgehalten. In den Straßen und Gässchen findet man die schönsten Tücher, glänzenden Schmuck, reich verzierte Gewänder, kunstvolle Teppiche und farbenfrohe Wandgemälde. Duftende Gewürze und getrocknete Früchte bilden ein zauberhaftes Mosaik. In einigen Läden hängen an den Decken Käfige mit Singvögeln oder Kampfrebhühner in kegelförmigen Weidenkäfigen. In kleinen Handwagen werden Messer aus Tschaikar, Spiegel aus Pakistan oder Gebetsketten verkauft. Jeder ruft laut aus, was er anzubieten hat und was er dafür fordert, man feilscht unermüdlich, bis man sich auf einen annehmbaren Preis geeinigt hat. Nach dem abgeschlossenen Geschäft bringt der Händler selbst bei größter Last die neu erstandenen Güter bis zum Haus des Kunden.

In den Restaurants und an den Straßenständen werden kühle Getränke, gelbe Erbsen in Essig und geröstete Maiskolben angeboten. Der unverkennbare Duft von Kaabab breitet sich aus. Viele dutzende Spieße, Curry und Pfeffer und geschnittene Zwiebeln stehen in Glasschälchen bereit. Morgens und abends liefert der Bäcker ganze Berge von knusprigem Brot, eingeschlagen in einem Tuch, damit es warm und wohlschmeckend bleibt. Je nach Jahreszeit verkauft der Ackerbauer, Viehzüchter oder Gärtner im Bazar sein Getreide, seine Wolle, oder sein Obst, das unvorstellbar frisch und reif ist. In großen Mengen stapeln sich Melonen aufeinander. Die afghanischen Melonen sind nicht vergleichbar mit dem, was in Europa als Melonen verkauft wird. Ihr Fleisch ist so zart und saftig, ihr Geschmack so fruchtig, dass die stolze Behauptung der Afghanen, ihre Melonen seien die besten der Welt, nur als wahr durchgehen kann. Doch nicht nur Melonen finden sich in Afghanistan. Trotz der Kriege und all der Unbill hat das Land an seiner reichen Gartentradition festgehalten. Der Obstanbau reicht bis in die Hochgebirgstäler. Selbst in den oberen Lagen trifft man noch auf Aprikosen, Maulbeeren und Walnussbäume. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die afghanischen Trauben. In manchen Gegenden, wie in den Oasen von Kandahar, werden sie zu Rosinen verarbeitet oder als Frischtrauben bis in die Städte Pakistans oder Nordindiens verkauft. Andere Obstbäume liefern unter anderem Kirschen, Granatäpfel, Quitten, Feigen, Pfirsiche, Birnen, Äpfel und vieles mehr. Vor ca. 200 Jahren wurde eine Vielzahl an Saatgut aus Afghanistan und Mittelasien in den Westen – Europa und Nordamerika – exportiert. Kirschbäume gelangten ursprünglich aus Afghanistan nach Deutschland, wo sie dann veredelt wurden.

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2 Kommentare
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  1. aloo masala sagt:

    Vielen Dank für den schönen Artikel. Ist außerdem ein guter Kontrast zur üblichen Berichterstattung. Warum sich über die letzen 35 Jahre ein anderes Bild über Afghanistan in die Köpfe eingemeißelt hat, wurde einen Tag zuvor hier beschrieben:

    http://www.migazin.de/2015/06/11/wie-sich-vorurteile-in-unser-gehirn-meisseln-und-wie-wir-sie-loswerden/

  2. […] Migazin  http://www.migazin.de/2015/06/12/das-andere-land/ Islamische […]



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