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Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Alphabetisierung in Deutschland

Flüchtlingsarbeit. Bürger engagiert. Staat zieht sich zurück

Obwohl es Integrationskurse mit Alphabetisierung gibt, dürfen Flüchtlinge daran nicht teilnehmen. Deshalb übernehmen engagierte Bürger diese Aufgabe. Der Staat freut sich. Sie bekommt Integration zum Nulltarif.

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Aglaja Beyes © privat, bearb. MiG

VONAglaja Beyes

Die Verfasserin, geb. 1954 in Hamburg, ist freiberufliche Journalistin, Autorin und Kursleiterin von Integrationskursen in Wiesbaden.

DATUM20. April 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Einige wenige Flüchtlinge, die der Hölle ihrer kriegsverwüsteten Länder entkommen können, schaffen es bis nach Deutschland. Viele treffen hier auf Behörden, die sich überfordert fühlen und ganz normale Bürger, die gerne helfen. Das gilt zum Beispiel für Deutschkurse. Überall im Land organisieren Flüchtlingsvereine, die Caritas u.a. Sprachunterricht für diejenigen, die noch auf ihre Anerkennung warten. Sie dürfen an Integrationskursen von Amts wegen nicht teilnehmen. Ihre Bildung ist dem Staat keinen Cent wert, so dass der Unterricht ausschließlich ehrenamtlich geleistet wird.

Das wirft ein gutes Licht auf die Menschen, die sich in ihrer Freizeit einbringen, aber ein schlechtes Licht auf die Verantwortlichen, u.a. beim Bundesinnenministerium. Letztere betreiben Exklusion, indem sie einer großen Gruppe Menschen die Teilhabe am öffentlichen Leben verwehren, zum Beispiel durch Ausschluss aus den Integrationskursen, für die das Innenministerium mit seinem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zuständig ist. Pro Asyl und andere, die täglich mit den Betroffenen zu tun haben, verlangen seit langem eine Vergrößerung der Zugangsberechtigung zu Sprachkursen – ohne Erfolg.

Deutschland im Jahre 2015 hat 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, sowie eine nicht bekannte Zahl primärer Analphabeten. Dies sind Menschen, die nie eine Schule besuchten. Die meisten von ihnen stammen aus Kriegsgebieten. Zugleich gibt es inzwischen eine große Zahl von Integrationskursen mit Alphabetisierung. Tausende Flüchtlinge lernten hier Lesen und Schreiben. Doch der Zutritt zu dieser Elementarbildung bleibt den Nichtanerkannten genauso verwehrt, wie zu den allgemeinen Sprachkursen. In armen Ländern verteilen Caritas und das Rote Kreuz Lebensmittel. Im armen Deutschland geben diese Organisationen Deutsch- und Alphabetisierungskurse. In beiden Fällen werden NGOs zu Hilfe gerufen, weil der Staat ausfällt.

Das hat zwei Aspekte. Erstens spart der Staat Geld. Lehrer in Integrationskursen reiben sich verwundert die Augen: Bisher hatte man sie mit zirka der Hälfte des Einkommens angestellter Lehrer abgespeist, ohne Arbeitsverträge und ohne Sozialversicherung. Jetzt erleben sie, dass es noch billiger geht: zum Nulltarif. Das lässt sich nicht mehr unterbieten!

Der zweite Aspekt ist, dass Bildung, die ausschließlich in den Händen von Freiwilligen ruht, nicht immer das gewünschte Niveau hat. In der Alphabetisierung kann das verheerende Folgen haben. Nura hat es nach langem Warten endlich in einen Integrationskurs mit Alphabetisierung geschafft. Das Alphabet hat sie schon mal vorgeübt. Und doch ist ihr der eigene Name ein einziges Rätsel: „En“ liest sie bei jedem „N“, das „Nu“ bleibt ihr verschlossen. „Das ist ein „n“, kein „en“, sagt die Lehrerin. „Ihr Name ist doch nicht En-u-er-a“.

Die Lehrerin weiß um die fatalen Folgen der sogenannten Buchstabiermethode bei „echten“ Analphabeten. Und sie weiß, dass diese Methode schon 1872 in Preußen verboten wurde, weil sie Analphabetismus befördern kann. Die motivierten, aber nicht ausgebildeten Hilfslehrer wissen dies nicht.

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2 Kommentare
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  1. Sabeth sagt:

    Ich kenne noch die Zeiten, als das Bundesamt für Migration (BAMF) von den Lehrern noch keine Lizenz für den Unterricht „Alphabetisierung“ verlangte. Somit startete mein damaliger Nicht-Chef, währenddessen ich Honorarkraft war, selbst einen Alphabetisierungskurs mit der Buchstabiermethode. „Hund“ = Ha- u – en – de / Hauende!

    Dies mag hier besagen: Er wusste nicht, was er tat. Er machte auch keine Schwungübungen als Schreibhilfe für Ungeübte, die noch nie mit Papier und Stift Kontakt hatten. Immerhin: er durfte unterrichten.Wieso? Das interessierte in diesem Themenschwerpunkt 2007 noch niemanden. Alphabetisierung war nach seiner Meinung etwas, – und damit ist und war er nicht allein – was jeder vermitteln könne. Menschen gegenüber, die aufgrund ihrer biografischen Einbettung kaum fähig sind, sich gegenüber gewisser Methoden zu wehren, ist diese Geisteshaltung ein leichtes Spiel.



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