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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Ausbildung

Es geht um unsere Zukunft

Nur jeder fünfte Betrieb in Deutschland bildet überhaupt noch aus – und die, die es tun, sortieren Bewerber mit Migrationshintergrund bei der Lehrstellenvergabe aus. Das ist ein großes Problem, unser aller Problem. Von Erdoğan Kaya

Mehr Ausbildungsplätze © gruenenrw auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Mehr Ausbildungsplätze © gruenenrw auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die jüngste Untersuchung der Bertelsmann Stiftung stellt noch einmal heraus, was seit Jahren bekannt ist: Nur jeder fünfte Betrieb in Deutschland bildet überhaupt noch aus – und die, die es tun, sortieren Bewerber mit Migrationshintergrund bei der Lehrstellenvergabe aus. Viele dieser Jugendlichen bleiben allein aufgrund ihres Namens ohne Berufsausbildung.

Die Erklärungen der Betriebe dafür sind fadenscheinig, die Konsequenzen für die Jugendlichen fatal: Sie laufen deshalb Gefahr, dauerhaft in Einkommensarmut und Sozialleistungsabhängigkeit zu rutschen. Und das ist keineswegs auf besonders schlecht qualifizierte Jugendliche beschränkt: Schüler mit Migrationshintergrund machen immer häufiger Abitur, haben aber nach wie vor deutlich schlechtere Aussichten auf eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Vertreter von Gewerkschaften und Migrantenorganisationen machen die Verantwortlichen seit Jahren auf diese Situation aufmerksam. Sie üben Druck aus, fordern zum Handeln auf – doch bislang leider vergebens.

Die Zahlen machen klar, vor welcher Verantwortung wir stehen. Viel Zeit bleibt nicht. In vielen privaten und staatlichen Unternehmen ist der Altersdurchschnitt hoch. In den nächsten zehn Jahren werden hunderttausende Kollegen in den Ruhestand gehen. Der demografische Wandel stellt Betriebe vor große Herausforderungen. Und schon heute klagen viele Unternehmen, dass ihnen Fachkräfte fehlen. Der Fehlbedarf liegt im sechsstelligen Bereich. Gleichzeitig leisten die Unternehmen sich den zweifelhaften Luxus, nichts dagegen zu tun, dass ein Drittel der Abgänger mit mittlerem Schulabschluss und ausländischen Wurzeln keine Lehrstelle findet.

Das Ziel muss sein: Möglichst niemand soll die Schule ohne einen Schulabschluss verlassen, möglichst alle danach eine Ausbildung machen können. Das wird nicht ohne eine gemeinsame, konzertierte Anstrengung von Bundes- und Landesregierungen, Gewerkschaften, Sozialverbänden und Arbeitgeberverbänden zu haben sein. Sie müssen gemeinsam Antworten auf die Frage finden, weshalb betriebliche Diskriminierung sich immer wieder reproduziert – und was Unternehmen tun können, um Auszubildende mit Migrationshintergrund besser partizipieren zu lassen und besser zu integrieren.

Es bedeutet aber auch: Wir müssen Geld in die Hand nehmen, in die Jugend investieren. Qualifizierung und Förderung, eine gute Schulbildung für alle, gibt es nicht umsonst. Dazu gehört die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten in Schulen und Ausbildungszentren.

Schließlich muss endlich die Ausbildungsgarantie kommen. Diese steht im Koalitionsvertrag, ihre Umsetzung ist nicht in Sicht. Wir brauchen Verbindlichkeit, und zwar per Gesetz. Die Ausbildungsgarantie muss einen Rechtsanspruch auf eine vollqualifizierende Ausbildung umfassen. Nur so lassen sich lange Warteschleifen im Übergangssystem verhindern. Denn diese bedeuten für viele Jugendliche letztlich verlorene Zeit. Ein Berufsabschluss kann im Übergangsbereich nicht erworben werden.

Es geht dabei um viel mehr als bloß den Fachkräftemangel. Ein Ausbildungsplatz, die Übernahme nach der Ausbildung und eine Arbeit, von der man leben kann, sind der beste Weg zur Integration. Die Anschläge in Paris und Kopenhagen haben in erschreckender Weise gezeigt, wozu es führen kann, wenn Integration scheitert. Nur Menschen ohne eine Perspektive sind für radikale Parolen und Gedanken empfänglich. Es ist kein Zufall, dass rechte und andere radikale Organisationen genau diese Gruppe ansprechen. Dem müssen wir entgegentreten, indem wir unsere Jugend gewinnen. Wir müssen sie für die Zukunft, für die großen Herausforderungen, vor denen sie stehen werden fit machen – egal woher sie kommen oder zu welchem Gott sie beten. Das sichert letztlich unser aller Zukunft.

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