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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Australien

Wo sich Wertschätzung anderer Kulturen und Integration nicht ausschließen

Für Australien ist Einwanderung lebensnotwendig. Darauf hat sich das Land eingestellt. Mit dem „Adult Migrant English Program“, bietet es Neueinwanderern weit mehr als nur Sprachkurse. Ein Vorbild für Deutschland? Von Annett Klinzmann

Australien, Sydney, Oper, Küste, Meer
Australien, das Opernhaus in Sydney © michael dornbierer @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAnnett Klinzmann

 Wo sich Wertschätzung anderer Kulturen und Integration nicht ausschließen
Die Verfasserin lebt seit 1996 in Australien und promoviert zurzeit an der University of Western Australia (UWA). Sie hat in Perth und Berlin studiert, und 15 Jahre als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache gearbeitet. Bei einem neunmonatigen Aufenthalt in Köln ist sie auf die Situation von Migranten aufmerksam geworden und verfolgt seitdem die deutsche Integrationspolitik mit besonderem Interesse.

DATUM5. März 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Australien betrachtet Einwanderung seit Ende des Zweiten Weltkriegs als lebensnotwendig. Wirtschaftliche Entwicklung und die Verbesserung der militärischen Position können nur durch Bevölkerungszuwachs erreicht werden.1 Auf dieser Prämisse aufbauend, gründet die Chifley-Regierung 1945 das „Department of Immigration“ und beginnt mit der gezielten Anwerbung von Personen aus Großbritannien und anderen angelsächsischen Staaten.

Mit der Aufnahme von 12.000 Vertriebenen aus Osteuropa schafft Australien erstmals Maßnahmen für nicht englischsprachige Einwanderer. Das Adult Migrant English Program, kurz AMEP genannt, hat seinen Ursprung in einem Aufnahmelager in Bonegilla im Bundesstaat Victoria.2 Heute, über 65 Jahre später, wird das Programm meist kostenlos an 250 Orten angeboten und jährlich von rund 60.000 Einwanderern in Anspruch genommen.3

Das AMEP ist jedoch kein reines Sprachlernprogramm. Es ist integrer Bestandteil australischer „Settlement-Politik“, die Neueingereiste in den ersten fünf Jahren unterstützt. Settlement-Politik bezieht sich auf staatlicher Leistungen für Personen, die über keine oder geringe Englischkenntnisse verfügen. Dazu gehört u.a. auch ein Übersetzungs- und Dolmetscherservice. Diese Maßnahmen haben vor allem das Ziel, Einwanderer so schnell wie möglich zu Eigenständigkeit zu befähigen.4

Da das AMEP oft erste Anlaufstation für nicht englischsprachige Neueinwanderer ist, soll es als Wegbereiter fungieren. So werden Programmteilnehmer beispielsweise aufgefordert, Pläne aufzustellen, die weitere persönliche und berufliche Schritte festlegen. Seit 2012 sind diesbezüglich auch Beratungsstellen in die Organisationsstruktur integriert, die Anfangs- und Endpunkt jedes Aufenthaltes bilden.5

Das Starthilfeprogramm AMEP ist bewusst darauf ausgerichtet, verschiedene Dimensionen individueller Eingliederung staatlich zu steuern. Dies ist nicht uneigennützig. Wie ein erfahrener Englischdozent in einem Gespräch mit mir bemerkte, gehe es auf politischer Ebene primär darum, aus Migranten Steuerzahler zu machen. Australien ist zwar offiziell ein Land des Multikulturalismus, dass jeder ethnischen Gruppe seine kulturellen und linguistischen Wurzeln zugesteht, die Bedeutung von Englisch für die Beteiligung am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft bestreitet aber niemand. Integration auf Australisch heißt deshalb Akzeptanz und Wertschätzung anderer Kulturen bei gleichzeitiger Förderung der Landessprache. Das eine, so zeigt das Beispiel Australien, schließt das andere nicht aus. Warum sollte dies nicht auch in Deutschland möglich sein?

  1. Macleay, V., 2011: Immigration since 1788. The Making of Modern Australia, Sydney: Trocadero Publishing  []
  2. Martin, S., 1998: New life, new language. The history of the Adult Migrant English Program, Sydney: National Centre for English language teaching and research.  []
  3. Commonwealth of Australia, Department of Industry, 2014: Annual Report 2013-2014.  []
  4. Commonwealth of Australia, Department of Immigration and Citizenship (DIAC), 2012: The Settlement Journey. Strengthening Australia through Migration.  []
  5. Commonwealth of Australia, Department of Immigration and Citizenship (DIAC), 2013: Annual Report 2012-2013.  []
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2 Kommentare
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  1. Schidlowski sagt:

    Vielen Dank für diesen Text. Sie haben hier einen außerordentlich gelungenen Beitrag zum Thema Integration publiziert. Dabei schätze ich insbesondere die Verschränkung zwischen Akzeptanz/Wertschätzung in der multikulturellen Gesellschaft und einem selbstverständlich bestehendem ökonomischen Interesse des Landes Migranten erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dieser Ansatz überzeugt von der Notwendigkeit durchdachter, gezielter und vor allem gesteuerter Integration, welche über das Erlernen der Sprache hinausgeht. Das eine interessengeleitete Integrationspolitik nicht „Deutschmachung“ bedeuteten sollte, sondern die von uns so hochgehaltene Individualität jedes Einzeln erlaubt, wozu natürlich auch die unterschiedlichsten kulturellen und ethnischen Wurzeln von Migranten gehören, bringt ihr Artikel auf den Punkt.

  2. Horst sagt:

    @Schidlowski Eine durchdachte und gezielte Immigration entspricht nicht dem Selbstverständnis Deutschlands als weltoffenem Land. Denn das heißt eben, dass nicht jeder zuwandern kann. Genau das würde aber die deutsche Linke und ihre Wähler tief in ihrem Selbstverständnis treffen.



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