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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940
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Und jetzt?

Einzelne Lichtblicke: Pflegeinstitutionen mit Erfahrungswerten

Schon in 15 Jahren wird jeder Vierte ältere Mensch einen Migrationshintergrund haben. Darauf ist Deutschland aber kaum vorbereitet. Außer vereinzelten Lichtblicken gibt es wenig Hoffnung, dass sich das zum Guten ändert. Von Elma Delkic

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Alte Hände © daoro auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONElma Delkic

Die Verfasserin, gebürtige Bosnierin, lebt seit 1993 im maritimen Hamburg. Die studierte Stadtplanerin befasste sich während ihres Masterstudiums an der HafenCity Universität Hamburg (2011-2014) mit dem Thema Stadt, Alter, Pflege und Migration und macht derzeit Deutschland auf diese zukunftsweisende Thematik aufmerksam. Es ist ihr ein Anliegen, dass Menschen anderer kultureller Zugehörigkeit in ihrer neuen Heimat in Würde altern können.

DATUM17. Februar 2015

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Selbst eine theoretische Auseinandersetzung ist kaum möglich. Rechtliche Restriktionen verhindern die statistische Erfassung von Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund und die Inanspruchnahme von Pflegediensten. Zudem behindert Unkenntnis über die Lebenswelt von älteren Migranten eine Annäherung – sozioökonomische Daten sowie Angaben über das Freizeit,- Mobilitäts- oder Organisationsverhalten von älteren Migranten müssen größtenteils noch erhoben werden.

Dennoch gibt es Pflegeinstitutionen, die Erfahrungswerte aufweisen. Sie sprechen über Probleme unter anderem bei der Kommunikation, der Organisation und der Versorgung von pflegebedürftigen Migranten.  Ein weiterer Problempunkt ist die Intoleranz. Sie ist hauptsächlich auf der Seite der deutschen Heimbewohner der (Nach-)Kriegsgeneration beobachtbar. Das ablehnende Verhalten gegenüber Migranten kann zur verstärkten Isolation dieser Bewohnerschaft führen, indem es Ängste und Unsicherheiten, die in der Vergangenheit erfahren wurden, wieder aufblühen lässt. Hinzu kommt die mangelnde Nachfrage seitens pflegebedürftiger Migranten speziell nach Angeboten im stationären Bereich. Zeitgleich betonen die Pflegehäuser die Entwicklungspotentiale, die in erster Linie in der Erschließung von neuen Kundenkreisen liegen.

Wie kulturbasierende Pflege aussehen kann, demonstrieren beispielhaft Pflegeeinrichtungen im multiethnischen Hamburger Stadtteil Billstedt. Zu ihrem Angebotspaket gehören die gleichgeschlechtliche Pflege, die Bereitstellung von Gebetsräumen, die Einstellung von muttersprachigem Pflegepersonal und die Zubereitung landestypischer Speisen. Darüber hinaus streben sie eine Angebotserweiterung an, da im Zuge der anhaltenden Migrationsströme immer mehr Kunden aus dem Nahmen und Mittleren Osten sowie Afrika zum Vorschein kommen. Man rüstet auf, um beim anhaltenden Konkurrenzdruck in der Pflegelandschaft standhaft zu bleiben mit dem Ziel einer langfristigen Wettbewerbsfähigkeit.

So wie diese Pflegehäuser die Bereitschaft zur interkulturellen Öffnung signalisieren, so müssen auch Migrantenfamilien lernen, einen ersten Schritt auf Angebote des Pflegesystems zu machen. Gerade, weil sie aufgrund der eigenen Lebensumstände keine 24-stündige innerfamiliäre Betreuung gewährleisten können, wie es in der Heimat im Kreise großer Familien möglich war. Nicht anders kennen es vor allem die Pflegebedürftigen selbst. Sie halten an diesem Familien-Konzept fest, da ihnen die staatlich organisierte Pflege unbekannt ist. Entsprechend müssen sie gemeinsam mit ihren Familienangehörigen über pflegerische Versorgungsmöglichkeiten hierzulande aufgeklärt werden.

Hinweis: Dieser Beitrag beruht auf der Master-Thesis der Autorin „Transkulturelle Pflege – Exemplarische Untersuchung der Angebotsstruktur für Migranten in Hamburg Billstedt“ an der HafenCity Universität Hamburg (HCU).

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