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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Rezension zum Wochenende

„…weil ihre Kultur so ist.“ – antimuslimischer Rassismus

Wer hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen keine Gedanken über „Pegida“ gemacht? Woher kommt auf einmal diese Masse an unzufriedenen Gestalten? Yasemin Shoomans im November 2014 erschienenes Buch „‚…weil ihre Kultur so ist‘ – Narrative des antimuslimischen Rassismus“ befasst sich nicht direkt mit „Pegida“, bietet aber in Ansätzen eine Antwort auf diese Frage.

»... weil ihre Kultur so ist« Narrative des antimuslimischen Rassismus - von Yasemin Shooman © Transcript Verlag
»... weil ihre Kultur so ist« Narrative des antimuslimischen Rassismus - von Yasemin Shooman © Transcript Verlag

VONJihan Jasmin Dean

Die Verfasserin promoviert in Neuerer Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und am Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies. Thema der Dissertation sind Selbstpositionierungsprozesse verschiedener rassifizierter Communities in Deutschland seit 1989.

DATUM6. Februar 2015

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Shooman weist an einzelnen Punkten auf Parallelen zu anderen Rassismen hin und legt ihrer Studie ein intersektionales Verständnis zugrunde. In Bezug auf das Thema Klasse ist ihre These interessant, dass der antimuslimische Rassismus auch darauf abzielt, Muslime vom Zugang zu materiellen und symbolischen Ressourcen auszuschließen, und sich folglich gerade dann artikuliert, wenn Muslime aus der Position der Ausgeschlossenen heraustreten und zunehmend gesellschaftlich partizipieren, z.B. repräsentative Moscheen bauen. Auch Geschlechterbilder spielen eine zentrale Rolle in antimuslimischen Diskursen, weshalb Shooman ihnen ein eigenes Kapitel widmet (Kap. 3).

Die Kritik Mehrheitsangehöriger an der Unterdrückung von Frauen und Homosexuellen bei Muslimen habe mit dem Bedürfnis zu tun, den Sexismus in der eigenen Gesellschaft zu dethematisieren und sich selbst als bereits emanzipiert bzw. aufgeklärt darzustellen. Shooman befasst sich hier vor allem mit der Frage, wer sprechen darf bzw. wessen Stimmen im öffentlichen Diskurs Gehör finden. Vor allem stellt sie die Rolle sogenannter „Kronzeuginnen“ heraus, die in der Tradition „islambezogener Opfer-Literatur“ à la Betty Mahmoody stehen. „Säkulare Musliminnen“ wie z.B. Necla Kelek, die öffentlich als Unterstützerin von Thilo Sarrazin auftrat, bestätigen die hegemoniale Sichtweise. Sie werden als Referenz und Quelle „authentischer Informationen“ herangezogen und erfüllen damit die Funktion, antimuslimische Ressentiments zu legitimieren.

Beim Vergleich der drei Diskursebenen kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass inzwischen ein Set antimuslimischer Topoi existiert, die sich überall wiederfinden lassen. Allerdings kursieren auf islamfeindlichen Webseiten Versatzstücke von Verschwörungstheorien, welche die anderen Diskursebenen teilweise noch nicht erreicht haben. In den von „Hate Speech“ geprägten Zuschriften an muslimische Verbände und die Türkische Gemeinde tritt vielmehr ein rassistisch-antimuslimisches Alltagswissen zu Tage.

Der zentrale Topos im Netz einer „schleichenden Islamisierung“ durch planvolle Vermehrung und „feindliche Übernahme“ gesellschaftlicher Positionen, die durch etablierte Medien gezielt verschleiert werde, findet aber zunehmend auch Eingang in öffentliche und alltagsweltliche Diskurse. Da das Internet gleichzeitig als Infrastruktur dient und Organisierungsprozesse über die virtuelle Welt hinaus erleichtert, muss meines Erachtens gerade eine Bewegung wie „Pegida“ als Austauschraum zwischen den Weblogs im Internet und dem Alltagswissen der Leute betrachtet werden.

Für das Verständnis von Prozessen wie diesen kann das Buch von Yasemin Shooman einen wichtigen Beitrag leisten. Die sehr differenziert und vielseitig ausgefallene Veröffentlichung sei allen ans Herz gelegt, die eine kompakte, aber trotzdem nicht oberflächliche Einführung ins Thema suchen.

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