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Migration und Integration in Deutschland

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English only

Deutschland immer noch kein Einwanderungsland für Akademiker?

Deutschland ist längst ein Einwanderungsland und wird dies nicht zuletzt aus demographischen Gründen auch bleiben müssen. Doch viele unserer Hochschulen handeln mit ihrer Sprachpraxis konträr: Durch English only wollen sie Deutschland offenbar zum Auswanderungsland machen. Jedenfalls bindet English only die Einwanderer nicht an unser Land.

VONHermann H. Dieter

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache e. V. (ADAWIS, www.adawis.de)

DATUM5. Februar 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wer aus dem Ausland zu uns kommt, den sollten wir in Deutschland nicht nur willkommen heißen. Alle Einwanderer sollten bei uns auch demokratisch mitreden und mitbestimmen, und die allermeisten wollen dies ja auch. Dazu passt sehr gut, dass ihr Wunsch und ihre Absicht, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, eindeutig mit der Qualität ihrer Deutschkenntnisse korrelieren. Jedenfalls ist dies der Befund einer neuen Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Wie bitte ist es dann aber zu verstehen, dass viele Hochschulen immer mehr Studiengänge nur noch auf Englisch (oder was sie dafür halten) anbieten? Wollen sie etwa nicht, dass ihre Absolventen danach in Deutschland bleiben, obwohl sich die meisten genau dies wünschen? Muss ihnen die selbstherrliche English only – Politik vieler Hochschulen nicht vorkommen wie eine stillschweigende Aufforderung, nach der Ausbildung doch bitte rasch wieder aus Deutschland zu verschwinden?

Ach ja, stimmt, sie sollen ja Deutsch lernen, aber meistens nur, damit sie damit schnell mal beim Bäcker um die Ecke oder auch mit Fahrscheinautomaten und komplizierten Formularen zurechtkommen. Die Fähigkeit, über das eigene Kompetenzfeld hinaus als ernstzunehmendes Mitglied der Gesellschaft in diese hineinzuwachsen, bringen ihnen solche Hochschulen nicht bei. Dies fand Prof. Fandrych vom Herder-Institut in Leipzig schon vor einiger Zeit heraus . „Bleibt oder werdet bitte Fachidioten. Was ihr privat macht und übers Brötchenkaufen oder Straßenbahnfahren hinausgeht, interessiert uns herzlich wenig“ – das ist die arrogante und für unser Land schä(n)dliche Botschaft dieser „exzellenten“ Hochschulen und ihrer Wortführer.

Aus einem solchen Land würde ich auch wieder auswandern. Jedenfalls wenn ich höre, dass es einer TU München vor allem darauf ankommt, durch English only endlich (?) Absolventen „für einen internationalen Markt“ auszubilden. Mit diesem Anspruch diskriminiert die TUM all diejenigen Studenten als provinziell, die in Deutschland bleiben wollen und sich deshalb intensiv um unsere Landessprache bemühen. Sollen die alle nach dem Studium in anglophone Länder verschwinden, nur um dann dort mit einem vorgeblich exzellenten English only, made in Germany, zu arbeiten und zu forschen?

Bildungspolitiker und Einwanderer sollten dieser Gefahr einen Riegel vorschieben. Eine vorgeblich wissenschaftlich motivierte, gesellschaftlich jedoch verantwortungslose Elite beschwört sie herauf. Sie opfert unsere Landessprache und ihr Potenzial, das Gemeinwesen Deutschland kulturell und integrativ zusammenzuhalten, einem „sprachsoziologischen Ökonomismus“ , der bedenkenlos auf Englisch als einzig „rentable“ Sprache wettet. Freuen wir uns dagegen, dass die Welt unsere Landessprache so eifrig lernt wie schon lange nicht mehr und wieder freundlich auf Deutschland schaut. Durch English only an den Hochschulen grenzen wir alle Menschen und Wissenschaftler aus, die bei uns bleiben wollen. So wandern sie wieder aus, obwohl wir sie eigentlich an uns binden und einbürgern sollten.

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6 Kommentare
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  1. KJB sagt:

    can’t we have it twice?

  2. Österreicherin, Studentin sagt:

    Mann oh Mann. Man bildet doch Akademiker nicht für den „Markt“ aus, sondern für die Forschung. 1. Grund, nicht nach Deutschland zu kommen. Wissenschaftler sind sehr oft Idealisten, die wollen, dass ihre Arbeit anerkannt wird.

    Hohe Steuern und Sozialabgaben: 2. Grund nicht nach Deutschland zu kommen. Man will ja schließlich etwas von seiner Arbeit sehen!

    Hohe Konkurrenz: 3. Grund nicht nach Deutschland zu kommen. Was in Moskau einfacher geht, besorgt man nicht in Köln.

    Ich persönlich habe kein Mitleid mit einer Elite und ihren Anhängern, die alles wollen, sämtliche Warnungen missachten und am Ende jammern. Deutschland ist hauptsächlich ein Unterschichtenzuwanderungsland, daran wird sich wohl nicht mehr viel ändern, weil die Weichen falsch gestellt wurden.

    4. ist Deutsch eine komplexe Hochsprache. Will man, dass daraus ein neues Aramäisch wird, für eine kleine Kaste?

    5. Wieso soll eigentlich alles schlecht sein, was „deutsch“ ist? Auch hier habe ich kein Mitleid. Wenn man „super-hyper-multinational“ sein will, dann ist es nur konsequent, wenn Englisch als Universitätssprache eingeführt wird. Dann sind wir zwar wieder im finsteren Mittelalter angelangt, Latein war damals die Bildungssprache, aber die Leute wollen es ja nicht anders.

  3. Wiebke sagt:

    Und ich dachte immer, die Renaissance war eine Hochzeit kultureller Blüte in Europa. Oh ja, macht Detuschland noch mehr zur Provinz.
    Ich kann erzählen, dass es in vielen anderen Ländern, die nicht englisch sprechen, gang und gäbe ist, Englisch als lingua franca an der Uni zu benutzen. Dennoch sind die Leute sehr Heimat-Sprach- und Kultur-bewusst.

  4. Harald sagt:

    Also soweit ich sehe werden 95% aller Veranstaltungen auf Deutsch abgehalten, Ist ja auch nicht anders möglich, denn um Geisteswissenschaft oder Jura zu praktizieren bedarf er es perfekter sprachlicher Fertigkeiten. Technik ist eben nicht alles.

  5. cleo sagt:

    ich finde, in DE werden die meisten Programme auf Deutsch unterrichtet. Anders ist es in Skandinavien, wo tatsächlich fast alle Master in der Lingua Franca Englisch unterrichtet werden. Das ist nunmal die Weltsprache und die meisten Industrieländer der Welt bieten fast nur englischsprachige Programme an.

    Des Weiteren benötigt DE nicht so viele Arbeitskräfte. Das Arbeitsvolumen pro Person ist nirgends so niedrig wie in DE – im Endeffekt haben wir hier bereits die 29-Std-Woche und werden immer produktiver.

    Auch was Stellen angeht für Personen mit Studium ist es sauschwer in DE Stellen zu finden, auch für Einheimische, aber erst Recht für Personen von woandersher.

    ich sehe nichts vom Fachkräftemangel. Im Gegenteil haben wir 40 Jahre MASSENARBEITSLOSIGKEIT hinter uns und immer mehr wird automatisiert

  6. Johann Hartl sagt:

    Der Präsident der Technischen Universität München hat verkündet, dass bis 2020 alle Masterstudiengänge der TU München komplett auf Englisch umgestellt werden sollen. Die Bachelor-Programme sollen vorerst – vorerst! – auf Deutsch bleiben.
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/tu-muenchen-in-english-please-1.2058535
    Die Umstellung auf Englisch kommt der NSA natürlich zugute, weil deren Übersetzungskapazitäten dadurch entlastet werden. Und dass die McDonald’s Hochkultur dadurch ebenso gefördert wird wie in der Renaissance die Kultur Westeuropas durch die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen und durch die anschließende Verbringung griechischer Handschriften in den Westen gefördert wurde, kann ich nicht ausschließen. Dass aber die Demokratie dadurch gefördert wird, wenn in der Zukunft nur noch eine Elite Zugang zu wissenschaftlicher Literatur haben sollte, weil sich die maßgebenden Diskussionen alle in einer Fremdsprache abspielen, halte ich eher für unwahrscheinlich.



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