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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Herkunft ist die halbe Miete

Keine Wohnung für Füsun

Bei der Wohnungssuche haben es Migranten schwer, sich gegen ihre „deutschen“ Konkurrenten durchzusetzen. Zwar verbietet das Gesetz Ungleichbehandlungen, doch die meisten Diskriminierungen geschehen verdeckt und sind kaum nachweisbar. Abhilfe schaffen sogenannte Testings.

VONKatharina Buri

 Keine Wohnung für Füsun
Die Verfasserin, Jahrgang 1984, hat in Augsburg, Hannover und Lissabon Medien- und Kommunikations- wissenschaften und Journalismus studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

DATUM19. November 2014

KOMMENTARE9

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Anna tritt stets mit einem Kreuz um den Hals auf, während Füsun bei den Besichtigungen immer ein Kopftuch trägt – sie sind von der Studienleitung für das Merkmal Religion eingeteilt worden. Beide sind sich aber einig, dass die meisten Hausverwalter oder Makler hinter dem Kopftuch und dem türkischen Namen einfach nur „die Türkin“, hinter dem Kreuz und dem deutschen Namen „die Deutsche“ sehen. Nach einigen Wochen „im Feld“, also auf Wohnungssuche im Rahmen der Studie, hat Füsun zahlreiche Diskriminierungen erlebt. „Am dreistesten war vielleicht die Maklerin in Friedrichshain, von der Anna – nachdem wir beide die Wohnung besichtigt hatten – eine Zusage bekam und die mir auf meine telefonische Nachfrage hin, auf welcher Grundlage man sich denn gegen mich entschieden hätte, antwortete, meine Mitbewerberin verdiene 400 Euro netto mehr als ich. Oder der Hausverwalter im Wedding, der Anna sofort eine Zusage mailte, mir gegenüber aber auf Nachfrage behauptete, es seien 200 Bewerbungen eingegangen und er müsse jetzt erst einmal sortieren.“ Auch von Alltagsrassismus berichten beide Teilnehmerinnen. „Da war eine Dame von der Hausverwaltung, die zu uns sagte: ‚Ich bin selbst aus Serbien, und ich kann Ihnen versichern, dass hier keine asozialen Ausländer leben.’ Oder eine andere Verwalterin, die im Zusammenhang mit verzögerten und mangelhaften Renovierungsarbeiten eines spanischen Dienstleisters abwertend vom ‚ständigen ‚mañana, mañana’ und von ‚spanischer Renovierung’ sprach“, berichtet Anna.

Eine Wohnung zu ergattern, ist das eine. Aber selbst in bestehenden Mietverhältnissen haben es Menschen mit Migrationshintergrund schwerer. Der BMV geht davon aus, dass sie im Durchschnitt ganze 15 Prozent mehr Miete zahlen als ihre deutschen Mitbürger. Vielleicht prominentestes Beispiel: Der Fall von Familie Khamis in der Schöneberger Straße in Berlin-Kreuzberg. Die fünfköpfige, arabischstämmige Familie lebte bereits 14 Jahre in ihrer Wohnung, als sie 2010 eine Mieterhöhung von gut 300 Euro erhielt – wie alle anderen Mieter im Haus auch. Wenige Monate später flatterte aber bereits die nächste Mieterhöhung ins Haus – knapp 250 Euro sollte die Familie zusätzlich bezahlen. Diese zweite Mieterhöhung erhielt neben den Khamis’ auch eine palästinensische und eine türkische Familie im Haus, die restlichen Mieter, Deutsche und Polen, blieben verschont. Ein eindeutiger Fall. Familie Khamis will nun klagen. Die türkische Familie ist ausgezogen.

Warum verhalten sich Vermieter so? Ist in diesem Berufsstand Fremdenfeindlichkeit stärker verbreitet als in anderen? Mit dieser Frage beschäftigen sich mehrere aktuelle Studien. Forscher haben Interviews mit den so genannten „Gatekeepern“ geführt: Menschen, die über die Vergabe einer Wohnung entscheiden können, meist Angestellte von Wohnungsunternehmen. Mit dem Ergebnis, dass einige zwar tatsächlich persönliche Vorurteile und Aversionen als Grund nennen, die allermeisten aber mit „mangelnder Vermietbarkeit an deutsche Mieter“ argumentieren: Deutsche meiden demnach Wohnhäuser und Gebiete, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Außerdem sei die Konfliktschlichtung in ethnisch gemischten Häusern schwieriger als anderswo. Viele Gatekeeper argumentieren also mit dem „Schlupfloch“ des AGG, der „sozial ausgewogenen Nachbarschaft“. Dies gilt – wie auch schon Emsal Kilics Studie gezeigt hat – ganz besonders in „besseren“ Gegenden, wo Migranten kaum eine Chance haben, eine Wohnung zu bekommen. Nach und nach führt dies zu einer zunehmenden Segregation und damit zu immer größerer sozialer Ungleichheit. Im schlimmsten Fall entstehen richtige „Ghettos“.

Kreuzberg ist davon zum Glück noch weit davon entfernt. Zum Abschluss haben Füsun und Anna sich hier, in einem Café in Berlins Multikulti-Kiez, verabredet. Am Ende ihrer dreimonatigen Testing-Phase hat sich die Anfangstendenz bestätigt: Füsun hat wesentlich weniger Zusagen für Wohnungen bekommen. Ob das für alle Teilnehmerinnen mit „diskriminierungsrelevantem“ Merkmal der Studie gilt, muss erst noch ausgewertet werden – der Verdacht, dass es so ist, liegt aber nahe. Zweimal sind Füsun und Anna fast aufgeflogen, weil ihre Unterlagen sich so stark ähneln. „Ich war wirklich schockiert von den Ergebnissen und bin auf jeden Fall deutlich stärker sensibilisiert für das Thema“, sagt Anna. „Ich habe mich irgendwann wirklich gefragt, ob es an mir liegt. Die Diskriminierungen gingen mir näher, als ich es vorher gedacht hätte“, sagt Füsun, im wahren Leben Soziologin mit Master-Abschluss und Mutter eines Sohnes, und rührt in ihrem Kaffee. Die Kette mit dem Kreuz-Anhänger und das Kopftuch sind heute zuhause geblieben.

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9 Kommentare
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  1. AGG-Mensch sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Zwar ist mir das AGG bekannt und die vielen Grenzen dieses Gesetzes und dennoch schockiert es mich, wie solch ein Instrument, das zur Vorbeugung von Diskriminierung dienen soll, genau ins Gegenteil umschlagen kann. §19 Abs. 3 AGG muss gestrichen werden!!

  2. humanoid sagt:

    „(3) Bei der Vermietung von Wohnraum ist eine unterschiedliche Behandlung im Hinblick auf die Schaffung und Erhaltung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewogener Siedlungsstrukturen sowie ausgeglichener wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Verhältnisse zulässig.“

    was für ein schönes schlupfloch.

    tja das ist halt die realität und man lernt damit umzugehn

    was mich aber wirklich aufregt und wütend macht ,wenn ein sarrazzin ,ein buchowski ,broder oder aufgeklärter mitteleuropäer dann ankommt und behauptet
    „DIE grenzen sich ja ab und bilden ihre eigenen ghettos “

    ja schon klar , es macht ja auch sinn , wenn menschen dahin ziehn wo sie auch wohnung bekommen , und das leute dahin ziehn die die selben merkmale haben und deswegen diskrimieniert werden .

    ein hoch auf die heuschelei der mehrheits gesellschaft !

  3. Nichtdenker sagt:

    Wann wird man endlich das Wort „Ausländer“ vermeiden und ganz klar sagen, dass es sich vorwiegend um Migranten nicht-europäischer Herkunft? Oder wird der Ausländer aus England oder aus Kanada oder aus Argentinien auch abgelehnt?

  4. vural65 sagt:

    Wer kann schon nachweisen, dass er wegen seiner Hautfarbe, seines Akzents oder einfach nur wegen seines „ausländisch“ klingenden Namens abgelehnt wurde und nicht etwa, weil die Mitbewerber mehr verdienen?

    Wieso verdient denn der Mitbewerber mehr? Vielleichtt weil er deutsch ist?

  5. karakal sagt:

    Einem meiner jordanischen Bekannten war bei der Zimmersuche von der Vermieterin am Telefon gesagt worden, daß das Zimmer bereits vergeben sei. Daraufhin rief sein deutscher Freund bei derselben Frau an, und siehe da, das Zimmer war noch zu haben. Aber selbst als Herkunftsdeutscher kann man in solcher Situation für einen Ausländer gehalten werden, wenn man zögernd, stockend und wenig spricht. Heute lebt mein Bekannter wieder in Jordanien, hat ein mehrstöckiges Wohnhaus gebaut und ist selbst Vermieter. Derzeit kämen täglich Flüchtlinge aus Syrien und fragten nach einer Wohnung, sagte er mir zuletzt.

  6. Arno Meyer sagt:

    Vielen Dank für den Artikel.
    Ich bin selber Vermieter und kann Ihnen nur sagen: Eigentum wird sich durchsetzen; natürlich tauschen wir uns längst dazu aus.
    Aber vielleicht können einige Forscher noch ein paar Fördergelder abgreifen, die von der Realwirtschaft verdient werden. Bis „Anna“ dann selbst ein Kind bekommt und so wie weiland Wowi urteilt…

  7. surviver sagt:

    Ja, klar. Das ist ganz offensichtlich und nichts neues, denke ich.
    Aber WIE kann man das Problem denn lösen?
    Mann kann ja einem Vermieter nicht vorschreiben, wen er als Mieter/in in seine Wohnung einziehen lässt.
    Wieso wird sozialer Wohnbau nicht noch mehr gefördert?
    Oder wieso muss ein Arbeiter in Deutschland für ein Haus 30 Jahre arbeiten und ein Arbeiter bei FORD z.B., in den USA, nur 7 Jahre?
    Ok, bei Wind soll ja angeblich sofort das Dach wegfliegen bei diesen Häusern. Solche Tornados gibt es ja in Deutschland gar nicht.

  8. Helmut sagt:

    Leider mal wieder ein einseitiger Artikel, der das Thema Diskriminierung nicht vollständig beleuchtet.

    Würde man das Testing herumdrehen (Biodeutsche bekennende Christin bewirbt sich neben Muslima um eine Wohnung in einem solchermaßen geprägten Haus), sähe es wahrscheinlich nicht anders aus. Auch sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass sich bestimmte ausländische Ethnien untereinander überhaupt nicht mögen. Ein Testing da wäre sehr spannend und aufschlussreich. Gerade sowas sollte doch mal näher beleuchtet werden. Wer kann denn überhaupt gut mit wem, wenn es um das gemeinsame Wohnen unter einem Dach geht?

    Daher bitte nicht immer – so einseitig wie vorhersehbar – Artikel produzieren, die einzig den „pöhsen“ (Bio-)Deutschen ins Visier nehmen.

  9. […] hätten Migranten vor Abschluss eines Mietvertrages keine günstige Verhandlungsposition. Der Diskriminierungsschutz des Allegemeinen Gleichbehandlungsgesetzes hilft nur in ganz seltenen Fällen. Migranten sind einer anderen Untersuchung zufolge auch auf dem […]



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