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Herkunft ist die halbe Miete

Keine Wohnung für Füsun

Bei der Wohnungssuche haben es Migranten schwer, sich gegen ihre „deutschen“ Konkurrenten durchzusetzen. Zwar verbietet das Gesetz Ungleichbehandlungen, doch die meisten Diskriminierungen geschehen verdeckt und sind kaum nachweisbar. Abhilfe schaffen sogenannte Testings.

VONKatharina Buri

 Keine Wohnung für Füsun
Die Verfasserin, Jahrgang 1984, hat in Augsburg, Hannover und Lissabon Medien- und Kommunikations- wissenschaften und Journalismus studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

DATUM19. November 2014

KOMMENTARE9

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Man müsste all die verdeckten, stillen, aber nicht minder dreisten Diskriminierungen sichtbar machen können. Die gute Nachricht: Das geht tatsächlich. Die schlechte: Es ist sehr aufwändig. „Testing“, heißt das Zauberwort, ein Vergleichsverfahren, das im angelsächsischen Raum seit Jahrzehnten eingesetzt wird. Auch in Deutschland kommt man immer mehr auf den Geschmack. Beim Testing bewerben sich zwei Personen, die sich in allen wichtigen Merkmalen außer einem gleichen, auf dieselbe Wohnung. Was sie unterscheidet, ist das „diskriminerungsrelevante“ Merkmal. Anders gesagt: Alle für den Vermieter wichtigen Eigenschaften – geregeltes Einkommen, Schuldenfreiheit, Geschlecht, Alter – sind identisch, nur Abstammung oder Religion unterscheiden beide „Tester“. Entscheidet ein Vermieter sich auf dieser Grundlage für Jana Müller anstatt für Merve Özcan, für eine christliche Mietinteressentin anstelle einer muslimischen, kann das ein Indiz dafür sein, dass er sich diskriminierend verhält. Testings werden im Verdachtsfall eingesetzt, um Indizien zu sammeln. Noch häufiger werden sie aber für die wissenschaftliche Diskriminierungsforschung genutzt.

Auch Anna und Füsun, die eigentlich anders heißen und andere Berufe haben, nehmen an einer großen Testing-Studie teil, die die Merkmale ethnische Herkunft und Religion genauer untersuchen will. Zu Beginn der Studie sitzen sie gemeinsam mit rund 20 anderen jungen Frauen in den kahlen Konferenzräumen des Auftraggebers, einer Antidiskriminierungseinrichtung, und lernen in Rollenspielen, mit brenzligen Situationen umzugehen. „Am aufregendsten finde ich die gefälschten Unterlagen“, sagt Anna. Beide Testing-Partnerinnen erhalten Gehaltsnachweise, die sie als Angestellte in ähnlichen Positionen zweier ähnlicher Unternehmen ausweisen. Auch SCHUFA-Auskünfte, Nachweise zur Mietschuldenfreiheit und sogar gefälschte Personalausweis-Kopien gehören zu den neuen Unterlagen der beiden. Später bekommen die Teilnehmerinnen einen Vortrag zum Thema Urkundenfälschung, eine Juristin räumt ihre Bedenken aus. Anna, Füsun und die anderen Studienteilnehmerinnen erhalten eigene Handys und E-Mail-Adressen für den Zeitraum der Studie, mit denen sie Kontakt zu den Vermietern aufnehmen. Sie müssen sich zu Verschwiegenheit auch gegenüber ihrem Umfeld verpflichten. „Man fühlt sich ein bisschen wie eine Geheimagentin“, sagt Füsun lachend.

Emsal Kilic, Berliner Soziologin, hat ihre Testing-Studie schon abgeschlossen. Kilic verschickte Besichtigungsanfragen für 200 Wohnungen in den Berliner Stadtteilen Neukölln und Wilmersdorf – pro Wohnung jeweils zwei. Einer der beiden fiktiven Absenderinnen verpasste sie stets einen deutschen, der anderen einen türkisch klingenden Namen. Alle weiteren persönlichen Angaben waren nahezu identisch, beide Bewerbungen jeweils in fehlerfreiem Deutsch verfasst. Die Ergebnisse sind frappierend: die „türkische“ Bewerberin erhielt in Wilmersdorf, einer gehobenen Wohngegend, nicht eine einzige Einladung zu einem Besichtigungstermin, ihre „deutsche“ Testingpartnerin hingegen sechs. Im ärmeren Neukölln wurden beide zwar ähnlich oft eingeladen – die deutsche Identität 13-mal, die türkische elfmal –, allerdings kam es nur bei 34 Prozent der türkischen Identität zu einer Terminvereinbarung, aber bei immerhin 69 Prozent der deutschen. Bei den vier Besichtigungen, zu denen beide eingeladen waren, wurde die deutsche Testerin deutlich zuvorkommender behandelt. Wohnungszusagen gab es schließlich in drei von vier Fällen nur für die deutsche Testerin. „Besonders schockierend fanden wir, dass die Vermieter nur aufgrund des ausländisch klingenden Namens diskriminiert haben können. Die Testerinnen sprachen fehler- und akzentfreies Deutsch, kleideten sich westlich und zeigten keine Religionszugehörigkeit, trugen also kein Kopftuch oder ähnliches“, sagt Emsal Kilic. Ihre Studie ist eine der bekanntesten. Viele andere Testings kommen aber zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen.

Seitdem Kilic ihre Studie 2008 veröffentlichte, hat sich auf dem deutschen Mietmarkt viel getan. In Berlin, wo man noch vor wenigen Jahren relativ einfach eine günstige Wohnung in der Innenstadt finden konnte, schießen die Mietpreise in die Höhe. Um satte 56 Prozent sind die Mieten von Anfang 2009 bis Anfang 2014 gestiegen. Die weniger Wohlhabenden, die sich diese Mieten nicht leisten können, werden an den Stadtrand verdrängt, „Gentrifizierung“ heißt das im Fachjargon. Der Verdacht liegt nahe, dass ein angespannter Markt Diskriminierung fördert. “Wenn das Angebot freier Wohnungen knapp ist, kann der Vermieter bei der Wohnungsvergabe stärker auswählen“, bestätigt Reiner Wild vom BMV. Auch Ina-Marie Blomeyer von der ADS sagt: „Ich gehe fest davon aus, dass Gentrifizierung Diskriminierungen den Weg ebnet.“ Zahlen dazu liegen allerdings noch keine vor. Genauso wenig wie zu regionalen Unterschieden oder dazu, welche Merkmale besonders stark gefährdet sind, Opfer von Diskriminierung zu werden. Ist es die Hautfarbe? Die Religion? Das Herkunftsland? Die ADS arbeitet momentan an einer großen Testing-Studie. Für das Jahr 2017 plant sie außerdem ein „Diskriminierungs-Barometer“ zu regionalen Unterschieden.

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9 Kommentare
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  1. AGG-Mensch sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Zwar ist mir das AGG bekannt und die vielen Grenzen dieses Gesetzes und dennoch schockiert es mich, wie solch ein Instrument, das zur Vorbeugung von Diskriminierung dienen soll, genau ins Gegenteil umschlagen kann. §19 Abs. 3 AGG muss gestrichen werden!!

  2. humanoid sagt:

    „(3) Bei der Vermietung von Wohnraum ist eine unterschiedliche Behandlung im Hinblick auf die Schaffung und Erhaltung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewogener Siedlungsstrukturen sowie ausgeglichener wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Verhältnisse zulässig.“

    was für ein schönes schlupfloch.

    tja das ist halt die realität und man lernt damit umzugehn

    was mich aber wirklich aufregt und wütend macht ,wenn ein sarrazzin ,ein buchowski ,broder oder aufgeklärter mitteleuropäer dann ankommt und behauptet
    „DIE grenzen sich ja ab und bilden ihre eigenen ghettos “

    ja schon klar , es macht ja auch sinn , wenn menschen dahin ziehn wo sie auch wohnung bekommen , und das leute dahin ziehn die die selben merkmale haben und deswegen diskrimieniert werden .

    ein hoch auf die heuschelei der mehrheits gesellschaft !

  3. Nichtdenker sagt:

    Wann wird man endlich das Wort „Ausländer“ vermeiden und ganz klar sagen, dass es sich vorwiegend um Migranten nicht-europäischer Herkunft? Oder wird der Ausländer aus England oder aus Kanada oder aus Argentinien auch abgelehnt?

  4. vural65 sagt:

    Wer kann schon nachweisen, dass er wegen seiner Hautfarbe, seines Akzents oder einfach nur wegen seines „ausländisch“ klingenden Namens abgelehnt wurde und nicht etwa, weil die Mitbewerber mehr verdienen?

    Wieso verdient denn der Mitbewerber mehr? Vielleichtt weil er deutsch ist?

  5. karakal sagt:

    Einem meiner jordanischen Bekannten war bei der Zimmersuche von der Vermieterin am Telefon gesagt worden, daß das Zimmer bereits vergeben sei. Daraufhin rief sein deutscher Freund bei derselben Frau an, und siehe da, das Zimmer war noch zu haben. Aber selbst als Herkunftsdeutscher kann man in solcher Situation für einen Ausländer gehalten werden, wenn man zögernd, stockend und wenig spricht. Heute lebt mein Bekannter wieder in Jordanien, hat ein mehrstöckiges Wohnhaus gebaut und ist selbst Vermieter. Derzeit kämen täglich Flüchtlinge aus Syrien und fragten nach einer Wohnung, sagte er mir zuletzt.

  6. Arno Meyer sagt:

    Vielen Dank für den Artikel.
    Ich bin selber Vermieter und kann Ihnen nur sagen: Eigentum wird sich durchsetzen; natürlich tauschen wir uns längst dazu aus.
    Aber vielleicht können einige Forscher noch ein paar Fördergelder abgreifen, die von der Realwirtschaft verdient werden. Bis „Anna“ dann selbst ein Kind bekommt und so wie weiland Wowi urteilt…

  7. surviver sagt:

    Ja, klar. Das ist ganz offensichtlich und nichts neues, denke ich.
    Aber WIE kann man das Problem denn lösen?
    Mann kann ja einem Vermieter nicht vorschreiben, wen er als Mieter/in in seine Wohnung einziehen lässt.
    Wieso wird sozialer Wohnbau nicht noch mehr gefördert?
    Oder wieso muss ein Arbeiter in Deutschland für ein Haus 30 Jahre arbeiten und ein Arbeiter bei FORD z.B., in den USA, nur 7 Jahre?
    Ok, bei Wind soll ja angeblich sofort das Dach wegfliegen bei diesen Häusern. Solche Tornados gibt es ja in Deutschland gar nicht.

  8. Helmut sagt:

    Leider mal wieder ein einseitiger Artikel, der das Thema Diskriminierung nicht vollständig beleuchtet.

    Würde man das Testing herumdrehen (Biodeutsche bekennende Christin bewirbt sich neben Muslima um eine Wohnung in einem solchermaßen geprägten Haus), sähe es wahrscheinlich nicht anders aus. Auch sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass sich bestimmte ausländische Ethnien untereinander überhaupt nicht mögen. Ein Testing da wäre sehr spannend und aufschlussreich. Gerade sowas sollte doch mal näher beleuchtet werden. Wer kann denn überhaupt gut mit wem, wenn es um das gemeinsame Wohnen unter einem Dach geht?

    Daher bitte nicht immer – so einseitig wie vorhersehbar – Artikel produzieren, die einzig den „pöhsen“ (Bio-)Deutschen ins Visier nehmen.

  9. […] hätten Migranten vor Abschluss eines Mietvertrages keine günstige Verhandlungsposition. Der Diskriminierungsschutz des Allegemeinen Gleichbehandlungsgesetzes hilft nur in ganz seltenen Fällen. Migranten sind einer anderen Untersuchung zufolge auch auf dem […]



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