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Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Lesung zum Wochenende

In den Gangs von Neukölln. Das Leben des Yehya E.

Mitte der Neunziger endet eine Abschnittsverbindung im Leben des Buchautors Christian Stahl. Im Zug der Trennung wird ein Umzug fällig. Man macht ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Neukölln – aus einer Lesung:

VONJamal Tuschick

 In den Gangs von Neukölln. Das Leben des Yehya E.
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM14. November 2014

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„Da wollte ich nie hin“, erzählt er in der Tucholsky Buchhandlung. Er legt seine Hände zusammen, die altväterliche Geste begegnet einer schwungvollen Darstellung. Stahl spricht im Stehen, sein Vortrag sprengt den Rahmen einer Klappstuhlveranstaltung.

Der Neumieter lernt einen Jugendlichen aus der Nachbarschaft kennen. Yehya erscheint hilfsbereit und höflich. Er ist intelligent, einnehmend und zupackend. Ihn limitiert der sozioökonomische Status seiner Familie. Yehyas Leute kamen als palästinensische Flüchtlinge aus einem Lager im Libanon. In Deutschland bleiben sie in bloßer Duldung verhaftet. Sie dürfen nicht arbeiten und unterliegen weiteren Einschränkungen.

In diesen Verhältnissen avanciert der Asphaltcharismatiker Yehya zum Anführer einer Bande. Er behauptet sich mit einem selbst nach den ortsüblichen Gewalttarifen außerordentlichen Rigorismus. Seelenlos findet man seine Härte. Er fasst Vertrauen zu Stahl, der erst einmal von der Beobachtung überrascht wird, dass sein junger Freund auf der Straße Angst und Schrecken verbreitet.

Der Autor skizziert eine Laufbahn vom Einserschüler zum Delinquenten. Er zeigt Gründe für Yehyas Frustration und Anfälligkeit. In der Buchhandlung spricht er mit missionarischem Impetus. Yehya reagiert auf Ausgrenzung mit Aggression. Er besucht die Rütli-Schule, die institutionalisierte Unterforderung beleidigt seine Intelligenz.

Die Polizei führt ihn als Intensivtäter, da ist er vierzehn. Yehya fühlt sich ausgezeichnet, die Würdigung seiner kriminellen Energie macht ihn zum Milieu-Aristokraten. Zugleich sucht er seine Chancen in der Legalität. Yehya weiß, dass er als Gangster mit Glamourfaktor auf dem Holzweg ist. Trotzdem beteiligt er sich an einem Überfall.

Stahl besucht ihn im Gefängnis, er dokumentiert Yehyas Karriere in einem Film – „Gangsterläufer“. 2009 wird Yehya auf freien Fuß gesetzt und verwandelt sich umgehend in einen akkreditierten Streitschlichter. Er strebt eine Fortsetzung seiner schulischen Ausbildung an, ihm wird eine befristete Aufenthaltserlaubnis in Aussicht gestellt. Alles zerschlägt sich, inzwischen sitzt er wieder.

„In den Gangs von Neukölln“ beginnt mit der Urteilsverkündigung. Yehya wurde von einer Moabiter Jugendkammer zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Stahls Held glänzt folglich in Abwesenheit. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass er Yehya für einen Kriminellen hält. – Nur eben für einen deutschen Kriminellen ohne deutsche Papiere.

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