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Ein historischer Überblick

Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus

Der moderne Antisemitismus beerbt ältere Formen der Judenfeindschaft. Wurzelnd im christlichen Antijudaismus löst sich der neuzeitliche Judenhass von religiösen Motiven ab, gipfelt im NS-Vernichtungsantisemitismus und wirkt bis in die Gegenwart fort – von Prof. Gideon Botsch

VONGideon Botsch

Dr. phil., geb. 1970; Politikwissenschaftler, Forschungsschwerpunkt Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung, Moses Mendelssohn Zentrum – Universität Potsdam

DATUM21. Juli 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Gideon Botsch für bpb.de

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1700 kompilierte Johann Eisenmenger (1654–1704) eine antijüdische Schrift unter dem Titel „Entdecktes Judenthum“. Der deutsche Hebraist griff ein Motiv des mittelalterlichen Antijudaismus auf, die Agitation gegen den Talmud unter Zugrundelegung willkürlich ausgelegter und aus dem Zusammenhang gerissener, wenn nicht gefälschter Zitate. Sprengkraft entfaltete bereits der Titel des Werks, der suggerierte, dass die Juden heimlich und im Verborgenen agieren – gefährlich, gerade weil sie so schwer zu erkennen und zu durchschauen seien. An dieses Motiv konnten die seit dem 18. Jahrhundert entstehenden Verschwörungsfantasien anknüpfen.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Status der Juden wieder Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen. Die Forderungen nach Emanzipation oder „bürgerlicher Verbesserung“, wie sie beispielsweise in Preußen 1781 durch den Juristen Christian Dohm (1751–1820) erhoben wurden, wiesen christlich und gleichzeitig national argumentierende Judenfeinde wie der Historiker Friedrich Rühs (1781–1820) scharf zurück.

Moderner Antisemitismus

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert sich der Charakter der Judenfeindschaft. Sie richtet sich nun gegen die rechtliche und soziale Gleichstellung der Juden, will deren Emanzipation verhindern oder rückgängig machen. Zugleich werden „die Juden“ immer stärker zu einer Chiffre für alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die im Zuge der Modernisierung bemängelt werden. Miteinander verwobene „fundamentale gesellschaftliche Umwälzungen“1 prägen die Entstehungszeit des Antisemitismus. Hierzu zählen unter anderem Industrialisierung und Urbanisierung, Säkularisierung und Nationalisierung. Die dichotomische Unterscheidung zwischen Fremdem und Eigenem, die dem nationalistischen Deutungsschema zu Grunde liegt, wird durch die Existenz einer uneindeutigen Sondergruppe im Inneren in Frage gestellt. Klaus Holz spricht von der „Figur des Dritten“: Die Juden gelten als Element, das sich nicht in die „nationale Ordnung der Welt“2 einpassen lasse.

Ausschreitungen gegen Juden im Russischen Reich erregten große Aufmerksamkeit in Europa. Das russische Wort Pogrom wurde seit dem 19. Jahrhundert in vielen Sprachen zum Ausdruck für derartige spontane kollektive Gewaltakte gegen Minderheiten. Doch auch die mitteleuropäischen Juden wurden im Abstand von etwa 30 Jahren von gewalttätigen Verfolgungen heimgesucht, beginnend mit den „Hep-Hep-Unruhen“ von 1819, über Krawalle im Nachgang der 1848er Revolution bis zum sogenannten Radauantisemitismus um 1881.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Antisemitismus von politischen Judengegnern als Eigenbezeichnung aufgegriffen. Der Journalist Wilhelm Marr (1819–1904) gründete 1879 eine „Antisemiten-Liga“ und publizierte seine Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet“. Noch im selben Jahr kam es auch zu einer Kontroverse um die Rolle der Juden in der deutschen Gesellschaft, die durch den Historiker Heinrich von Treitschke (1834–1896) ausgelöst wurde und heute als Berliner Antisemitismusstreit bekannt ist. Deutschland gilt seither als der Standardfall für derartigen „intellektuellen“ Antisemitismus. Aber ebenso wenig, wie sich gewalttätige Pogrome nur in Russland ereigneten, blieb der Antisemitismus des Worts auf Deutschland beschränkt. Frankreich erschütterte und spaltete in den 1890er Jahren die Dreyfus-Affäre, die „nachhaltigste Gesellschaftskrise der Dritten Republik“.3

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts strebten zahlreiche Antisemiten eine Fundierung ihrer Judenfeindschaft durch die modernen Rassentheorien an. Als Abstammungsgemeinschaft oder Rasse verstanden, wurden den Juden alle denkbaren negativen Eigenschaften zugeschrieben. Nationalismus und Rassismus verbanden sich wiederum mit sozialen Statusängsten, kulturell-religiösen Ungewissheiten und politischen Herausforderungen. Während Teile der sozialen Bewegungen Juden und das Judentum für Ungerechtigkeit und Elend, ja allgemein für den Kapitalismus verantwortlich machten, tauchte auf der anderen Seite das Stereotyp des jüdischen Revolutionärs und Unruhestifters auf. Nach dem Ersten Weltkrieg kursierten in ganz Europa die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein von der zaristischen Geheimpolizei fabriziertes, angebliches Konzept der Juden für die Erringung der Weltherrschaft. Obgleich bald fest stand, dass das Dokument gefälscht war, ging es in den Kernbestand antisemitischen Denkens ein. Die Vorstellung, dass eine besonders perfide Verschwörung der Juden für die Fehlentwicklungen der Moderne verantwortlich ist, dass es sich um ein planvolles Vorgehen zur Zersetzung der Völker handelt, und dass oberflächlich einander bekämpfende politische Strömungen in Wirklichkeit gleichermaßen dem Weltjudentum dienen, übt in unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten immer wieder und bis heute eine verblüffende Faszination aus.4

In Deutschland schlossen sich die antisemitischen Kräfte in schlagkräftigen Kampforganisationen zusammen, die insgesamt in der nationalsozialistischen Bewegung aufgingen. Die Nationalsozialisten verstanden es, breite Teile der Bevölkerung anzusprechen und gleichzeitig den brutalen Radauantisemitismus der eigenen Basisklientel zu bedienen. Mit Hitlers Machtantritt 1933 wurde der Antisemitismus zu einem Kernelement staatlicher Politik. Ein diskriminierendes rassistisches Regelwerk von Gesetzen, Verordnungen und Maßnahmen grenzte die Juden wirksam aus der deutschen Gesellschaft aus. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs radikalisierten sich die Maßnahmen der nationalsozialistischen Judenpolitik von der Entrechtung über die Ghettoisierung und Konzentration bis zu groß angelegten Massenmorden. Spätestens um die Jahreswende 1941/1942 zielte die NS-Politik auf die Ermordung sämtlicher Juden in Europa.

  1. Werner Bergmann/Ulrich Wyrwa, Antisemitismus in Zentraleuropa, Darmstadt 2011, S. 5. []
  2. Vgl. Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001. []
  3. Elke-Vera Kotowski, Der Fall Dreyfus und die Folgen, in: APuZ, (2007) 50, S. 25–32, hier: S. 25. []
  4. Vgl. Esther Webman (Hrsg.), The Global Impact of The Protocols of the Elders of Zion. A Century-old Myth, London–New York 2011; Eva Horn/Michael Hagemeister (Hrsg.), Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“, Göttingen 2012. []
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7 Kommentare
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  1. Hakki Cavus sagt:

    Ein faschistischer Staat wird gegründet, der das einheimische Volk in die Enge drängt, ihm kein Recht auf Leben zugesteht, das palästinensische Volk zwingt, sich zu radikalisieren, um dann zu sagen, dass man das Recht hätte sich gegen Terroristen vertedigen zu dürfen. Dieses Recht auf Selbstvertedigung räumt das Recht ein, Neugeborene zu ermorden. Die westliche Welt spielt mit und deckt die Ausrottung eines ganzen Volkes. Jeder, der ein Fünkchen Menschlichkeit in sich verspürt und auch nur leiseste Kritik äußert, wird als Antisemit denunziert. Ich verurteule den Holocaust, es waren unmenschliche Greueltaten, die den Juden in Deutschland angetan wurden, aber die Vergangenheit darf uns nicht davon abhalten, heutiges Unrecht zu kaschieren. Die Vergangenheit verpfichtet uns auf das Unmenschliche, das die Palästinenser erleiden müssen, hinzuweisen.

    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

  2. surviver sagt:

    Es werden jeden Tag Kinder im Gaza umgebracht und deutsche Politiker und Medien reden von Antisemitismuss.
    Wessen Mariounette sind einige Politiker in Deutschland und die Nachrichtensender- und/oder kanäle eigentlich?
    Was soll die Volksverarschung ? Die halten die Menschen in Deutschlan für Volltrottel. Definitiv.
    Die meisten Nachrichten sind verdreht oder zensiert.

  3. aloo masala sagt:

    @Hakku Cavus

    —-
    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

    Der aktuelle Hintergrund könnte auch der Judenhass und die antisemitischen Entgleisungen von Pro-Gaza Demonstranten in Europa sein.

    Wenn deutsche Demonstranten bei einer Demonstration gegen islamistischen Terror „Sieg-Heil“ und „Muslime ins Gas“ brüllen, hoffe ich, das Migazin darüber berichtet, auch vor dem Hintergrund der brutalen Verbrechen von Islamisten, die unschuldige Zivilisten umbringen.

  4. Joshua sagt:

    @Hakki

    Haben Sie auch nur einen Funken Ahnung von der Gründung Israels? Von den jüdischen Siedlern und der Prosperität, die auch vielen Arabern Arbeit und Brot brachte? Die gleich am nächsten Tag nach der Unabhängigkeit Israels beginnende arabische Aggression? Sie wissen, dass die Araber jeden Teilungsplan bis heute abgelehnt haben, zb den UN-Teilungsplan von 1947? Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Schuld auf Israel schieben.

    Der arabische Antisemitismus in deutschen Städten muss aufs schärfste verfolgt werden. Es darf keinen Unterschied zwischen deutschem und islamischen Antisemitismus bzw. Antizionismus geben. Ich denke, da sind sich alle einig.

  5. Lionel sagt:

    Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Juden in Deutschland sind keine Repräsentanten des Staates Israel.
    Wie jeder andere haben sie ein Recht darauf nicht beleidigt, bedroht oder körperlich attackiert zu werden.
    Es spielt daher für das friedliche Zusammenleben in Deutschland überhaupt keine Rolle, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht.

  6. Global Player sagt:

    @surviver

    Es werden jeden Tag Kinder und Alte und Frauen in Gaza umgebracht, weil sich die ehrenwerte Hamas hinter diesen versteckt! DAS ist mal ehrenwert…. da werden Schulen, Kindergärten, Wohnsiedlungen und Krankenhäuser zu militärischen Zwecken umgewandelt.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-gaza-ban-ki-moon-empoert-ueber-raketen-fund-in-uno-schulen-a-982624.html

    http://www.ingenieur.de/Branchen/Luft-Raumfahrt/Hamas-baut-40-Prozent-palaestinensischen-Raketen-im-Gaza-Streifen

  7. Marianne sagt:

    Um es ganz klar zu sagen, Herr Lionel: Wenn sich der Zentralrat auf seiten der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung stellt, und das tut er, ist er zwar kein direkter Repräsentant des Staates Israel, aber ein Verteidiger der menschenrechtswidrigen Politik des Staates Israel. Demzufolge ist es absolut legitim, den Zentralrat scharf zu kritisieren. Dass bei den Demonstrationen Juden in Person körperlich bedroht oder körperlich attackiert wurden, ist mir neu. Sicher können Sie Ihre diesbezüglichen Behauptungen belegen, oder? Und selbstverständlich spielt die Moral für das friedliche Zusammenleben eine Rolle, die entscheidende Rolle sogar, um das klar auszudrücken. Und da Deutschland die Verteidigung der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung seit Jahrzehnten zur Staatsräson erjklärt hat und exakt nach dieser Maxime handelt, ist es bei Demonstartionen in Deutschland selbstverständlich von geradezu entscheidender Bedeutung, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht. Von entscheidender Bedeutung ist es außerdem, dass in Gaza unschuldige Menschen nicht nur bedroht, sondern zu Hunderten getötet wurden und weiter werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Antisemitismusgeschrei einer Regierung, die sich nicht dazu aufraffen kann, die Menschenrechtsverletzungen und die Tötung unschuldiger Zivilisten aufs Allerschärfste zu verurteilen, als geradezu makaberes Ablenkungsmanöver.



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