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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Deutschlands erster Talentscout

Ich will wissen, warum die Drei eine Drei ist

Jeder fünfte Bewohner Deutschlands hat einen Migrationshintergrund, nur jeder zehnte Student hat demgegenüber ausländische Wurzeln. Herkunft entscheidet noch immer über Zukunft, aber Talent ist herkunftsfrei. Und genau danach schaut Talentscout Suat Yılmaz.

VONStephanie Höppner

DATUM16. Juli 2014

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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„Willst du überhaupt studieren?“, fragt Suat Yılmaz eindringlich. „Ja, schon“, sagt Lisa (Name geändert) etwas zögerlich. Die 20-jährige Schülerin eines Berufskollegs sitzt auf Wunsch ihrer Mutter in Yılmaz‘ Büro. Die hatte in einem Zeitungsartikel über Deutschlands einzigen Talentscout gelesen.

Wie es für Lisa nach ihrem Schulabschluss weiter gehen soll, weiß sie nicht so recht. Berufsschullehramt vielleicht. „Was würdest du denn gerne machen? Stell dir vor, ich wäre eine gute Fee und könnte zaubern“, versucht Yılmaz sie aus der Reserve zu locken. Und hakt weiter nach: „Und wer wird die Entscheidung treffen, was du studieren wirst?“

Das Mädchen fängt an zu erzählen: Von ihrer Lernmüdigkeit, der Geldknappheit daheim, der Mutter, die ihr immer neue Vorschläge unterbreitet – und der eigenen Orientierungslosigkeit. Irgendwann nehmen die Emotionen so überhand, dass sie anfängt zu weinen. „Wir sind hier nicht in der Unfallchirurgie, wir können Fehler machen“, versucht Yılmaz sie zu trösten. Ob er Lisa auf ihrem Weg weiter begleiten wird, weiß er noch nicht – es kommt auf sie an. „Alles beginnt mit einer Mail von dir“, verabschiedet er das Mädchen nach diesem ersten Gespräch.

An der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen versucht der 38-Jährige, junge Erwachsene in ihrer Berufswahl zu unterstützen. Dabei geht es ihm und seinem Team vor allem um Jugendliche, die unter Umständen aus dem Hochschul-System fallen würden – zum Beispiel, weil ihre Eltern aus dem Arbeitermilieu stammen oder sie die deutsche Sprache und das Bildungssystem nicht verstehen.

Trotz guter Noten: Im Vergleich zu Akademikerkindern nehmen noch immer deutlich weniger junge Leute aus Arbeiterfamilien ein Studium auf. Nach der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks entscheiden sich etwa 70 Prozent der jungen Leute, deren Eltern studiert hatten, für den Hochschulweg. Von den Kindern aus nichtakademischen Haushalten finden lediglich 24 Prozent an die Uni. An der Qualifikation mangelt es nicht – denn immerhin hatten 45 Prozent von ihnen Abitur. „Der prägende Faktor für die individuelle Zukunft ist in Deutschland noch häufig genug die soziale Herkunft“, schreibt die Initiative Arbeiterkind.de.

Aktuell leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Das sind rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Studium liegt der Anteil von Migrantenkindern allerdings nur bei elf Prozent, heißt es beim Deutschen Studentenwerk.

„Herkunft entscheidet noch immer über Zukunft, aber Talent ist herkunftsfrei“, kritisiert Yılmaz. Für ihn ist diese Selektion nicht nur bildungs-, sondern auch wirtschaftspolitisch ein Skandal. Denn Deutschland braucht gut ausgebildete Fachkräfte, in der Zukunft sogar noch stärker als jetzt: „Wir müssen die Schulen und Hochschulen so gestalten, dass sie der Realität unseres Landes gerecht werden.“

Das Problem: Das System mit seinen zahlreichen Schul- und Hochschulformen erscheint vielen einfach zu komplex. „Was ist BAföG, was bedeutet es, mich zu verschulden, wie komme ich ins Ausland, was kostet mich das Studium?“, zählt Yılmaz die wichtigsten Fragen auf. Hier hilft die Hochschule in Gelsenkirchen. Seit 2010 besteht die Abteilung für Talentförderung – neben den Einzelgesprächen bietet sie auch Sprachkurse an oder hilft bei der Stipendien-Suche. Yılmaz steht dabei mit zehn weiterführenden Schulen in Kontakt, ab der zehnten Klasse bietet er Beratungen an.

Dass sich einige Schüler anschließend für eine andere Hochschule entscheiden, nimmt Yılmaz in Kauf. „Das ist kein Headhunting, was wir hier machen. Wir tragen als staatliche Fachhochschule generell Verantwortung.“ Gemeinsam mit den Schülern werden individuelle Förderprogramme erstellt – biografischer Ansatz nennt Yılmaz das: „Ich will wirklich wissen, warum die Drei eine Drei ist – nicht fachlich sondern auch menschlich, emotional gesehen.“ (epd/mig)

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Ein Kommentar
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  1. Realist sagt:

    Wenn Herr Papa mit Kühen handelt, wird Herr Sohn Viehhändler. Das ist z.B. so im Allgäu. Wenn Herr Papa sich mit Altassyrisch beschäftigt, wird Herr Sohn sich vielleicht mit dem altindischen beschäftigen. Er wird aller Wahrscheinlichkeit weniger verdienen als der Pizzeriabesitzer nebenan.

    Im Ernst: Sind denn eigentlich akademische Berufe rentabel genug, um für Migranten attraktiv zu sein? Wer eine akademische Karriere absolvieren will, muss 15 Jahre warten, um überhaupt eine Anstellung zu finden, er muss mindestens noch weitere 5 Jahre warten, um eine Festanstellung zu erringen. Da sind massive persönliche Opfer (Kosten bis zu 150.000 -200.000 Euro) nötig, Verzicht auf Kinder, Freundin, Auto usw., um wirklich erfolgreich sein zu können. Am Ende winken hohe Steuern, Demotivation usw. Akademische Karrieren sind hart und steinig, das schreckt ab.

    Eine Karriere als Angestellter, Arbeiter oder Handwerker ist weniger komplex, nervenschonender und weniger kopfaufreibend, vielleicht auch rentabler. Wer bei VW arbeitet lacht die allermeisten Professoren aus. Typisch Deutschland halt.



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