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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Debatte

Rassismus (nicht) beim Namen nennen

In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein Gefühl dafür, dass es Rassismus auch im eigenen Umfeld gibt. Iman Attia definiert mit Bezug zur Fachdebatte, was Rassismus ist, auf welchen Ebenen und in welchen Formen er wirksam wird.

VONIman Attia

Die Verfasserin, Dr. phil., Erziehungswissenschaftlerin, ist Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie lehrt und forscht zu Rassismus und Migration.

DATUM18. Juni 2014

KOMMENTARE7

RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Iman Attia für "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APuZ); bpb.de

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Der deutsche Kolonialismus – die Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen, die Vertreibung und Tötung von Afrikanerinnen und Afrikanern, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen – und seine aktuelle Bedeutung rücken erst allmählich ins kollektive Bewusstsein und die nationale Geschichtsschreibung.1 Der Verweis auf die im Vergleich zu anderen europäischen Kolonialmächten kurze koloniale Herrschaft des Deutschen Kaiserreichs täuscht über die Brutalität und Systematik der Diskriminierung, Ausbeutung und Vernichtung sowie ihre Verankerung in rassistischen Diskursen hinweg. Entschädigungen unterschiedlicher Art, die von den Kolonisierten und ihren Nachfahren gefordert werden, bleiben bis heute weitgehend unberücksichtigt oder die Verhandlungen gestalten sich zäh (etwa die materielle Entschädigung für die Aneignung und Ausbeutung von Rohstoffen und Land; die Rückgabe der Schädel von Herero und Nama; die Rückführung kolonialen Kunstraubs, der in deutschen Museen ausgestellt wird; die Umbenennung von Straßen und Plätzen, die nach Akteuren der deutschen Kolonialpolitik benannt sind).

Diese Beispiele machen deutlich, dass es verkürzt ist, mörderischen Rassismus im deutschen Kontext ausschließlich im Zusammenhang mit der systematischen Verfolgung und Ermordung von Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus zu thematisieren. Auch die Verfolgung und Ermordung anderer Gruppen wurde durch Rassismus legitimiert und systematisch vorangetrieben. In allen Fällen liegt ein Otheringprozess vor, der Menschen zu Juden, Roma, Schwarzen und damit zu „den Anderen“ macht. Der Otheringprozess dient dazu, eine eigene Identität herauszubilden und Privilegien zu legitimieren. Insofern ist der mörderische Rassismus gegen Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma sowie Afrikanerinnen und Afrikaner eingebettet in ein allgemeines Wissen über „uns“ und „die Anderen“ sowie ihr Verhältnis zueinander.

Bedeutung des Otheringprozesses

Die Anderen werden benötigt, um in ihrem Gegenbild eine eigene Nation, Kultur oder Religion zu konstruieren. Dabei handelt es sich nicht um (biologische, kulturelle oder religiöse) Differenzen zwischen Gruppen, die so bedeutsam wären, dass sie eine Gruppe von einer anderen unterscheiden würden. Vielmehr werden jene Merkmale aus der Eigengruppe heraus definiert, die der Vorstellung darüber, wie das Eigene sein soll, nicht entsprechen, und in das Andere projiziert. Diese Vorstellungen können sich im Laufe der Zeit und in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten verändern, sie können aber auch über die Jahrhunderte gleich bleiben. Historische Kultur- und Diskursanalysen zur Entwicklung des kolonialen Blicks,2 der antijüdischen3 und antiroma4 Stereotype sowie des Orientalismus5 zeigen, dass es sowohl Kontinuitäten als auch Transformationen und Verschiebungen in der Konstruktion des Anderen gibt.

Im Laufe der Geschichte und in unterschiedlichen Kontexten wurden verschiedene „Andere“ konstruiert, um jeweils spezifische Funktionen zu erfüllen und von unterschiedlichen Punkten aus das Eigene zu rahmen. Gleichzeitig tauchen einzelne Konstruktionen in unterschiedlichen Kontexten wiederholt auf. Sie sind verwoben mit Diskursen und Praktiken zum Geschlechterverhältnis, zur Sexualität, zur Produktionsweise, zum Umgang mit Minderheiten und zur Rolle in der Weltgesellschaft. So gehen etwa Rassialisierungen regelmäßig mit Sexualisierungen einher, etwa zur vermeintlichen Potenz, ausschweifenden Sexualität oder Geschlechterungerechtigkeit „der Anderen“ im Vergleich zu „unserem“ fortschrittlichen, emanzipierten Geschlechterverhältnis.

Die Verknüpfungen können immer wieder neu aktualisiert werden, etwa in Diskursen über die Sexualität von Afrikanern und Afrikanerinnen. Sie können auch im Laufe der Zeit verändert werden, wie etwa Diskurse über die erotischen Haremsschleier des europäischen ausgehenden Mittelalters, die heute ansatzweise in der Exotisierung des Bauchtanzes wiederzufinden sind und gleichzeitig an koloniale Deutungen zur muslimischen Kopfbedeckung als Symbol für Frauenunterdrückung anknüpfen. Auch können Diskurse derart miteinander verwoben sein, dass sie „springen“. Verschwörungstheorien gegen Juden etwa werden heute in einigen Kontexten gegen Muslime gewendet.

Hieran zeigt sich auch die Verwobenheit von Religion, Ethnie/“Rasse“ und Politik in beiden Diskursen sowie der Machtaspekt: Die eigene Rolle im Weltgeschehen wird als legitimer Machtanspruch gedeutet (militärische Interventionen als Friedens- und Zivilisierungsmissionen), während die (vermeintliche) Führungsposition „der Anderen“ skandalisiert wird. Insofern ist Rassismus stets mit anderen gesellschaftlichen Differenzierungen und Machtverhältnissen in historisch spezifischen Weisen verbunden.

In rassistischen Diskursen werden biologische, kulturelle und religiöse Aspekte in einer Weise aufeinander bezogen, die Menschen entlang der Zuordnung in Gruppen einteilt und zu „Rassen“ macht, auch dann, wenn der Begriff „Rasse“ durch Ethnie, Kultur oder Religion ersetzt wird. Dies geschah vor, während und nach dem Nationalsozialismus und reicht bis in die heutige Zeit hinein – durch fehlende Aufarbeitung und Wiedergutmachung, aber auch durch erneute rassistische Praktiken sowie die Kontinuität und Transformation rassistischer Diskurse.

Aktueller gewalttätiger Rassismus

Rassismus begegnet uns heute in vielfältigen Formen und gegen Menschen, die unterschiedlichen Gruppen zugeordnet werden. Nur selten ist dabei in Deutschland von Rassismus die Rede. Es werden entweder andere Begriffe benutzt – wie etwa Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit – oder aber Diskriminierung wird nicht in Betracht gezogen oder aktiv geleugnet.

Die Brandanschläge von Mölln, Solingen, Rostock und Hoyerswerda Anfang der 1990er Jahre richteten sich gegen Eingewanderte und Geflüchtete. Sie wurden in Öffentlichkeit, Medien, Justiz und Politik als „rechtsextrem“, „fremdenfeindlich“ oder „ausländerfeindlich“ bezeichnet. Studien des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) haben nachvollzogen, wie politische Debatten, Medienberichterstattung und alltägliche Diskurse ein rassistisches Netz geschaffen haben, an das die Brandanschläge anknüpften:6 Die Täterinnen und Täter fühlten sich durch die politischen Debatten zur Verschärfung des Asylrechts und die allgemeine Stimmung gegen Eingewanderte berechtigt oder gar beauftragt, die Worte in Taten umzusetzen.

  1. Vgl. ADB Köln/cyberNomads (Hrsg.), The Black Book. Deutsche Häutungen, Frankfurt/M. 2004; Ulrich van der Heyden/Joachim Zeller (Hrsg.), Kolonialmetropole Berlin, Berlin 2002; Winfried Speitkamp, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005. []
  2. Vgl. Birthe Kundrus (Hrsg.), Phantasiereiche, Frankfurt/M. 2003. []
  3. Vgl. Stefan Rohrbacher/Michael Schmidt, Judenbilder, Reinbek 1991. []
  4. Vgl. K.-M. Bogdal (Anm. 3). []
  5. Vgl. Iman Attia (Hrsg.), Orient- und IslamBilder, Münster 2007. []
  6. Vgl. DISS (Hrsg.), SchlagZeilen. Rostock: Rassismus in den Medien, Duisburg 1993; Siegfried Jäger, BrandSätze. Rassismus im Alltag, Duisburg 1992; Rolf Gössner, Menschenrechte in Zeiten des Terrors, Hamburg 2007. []
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7 Kommentare
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  1. Omowale sagt:

    Ein exzellenter Beitrag. Vielleicht der Beste überhaupt, den ich hier gelesen habe. Iman Attia herzlichen Dank!

  2. Wiebke sagt:

    Die Absicht der Autorin ist ja gut und schön, aber die Argumentation zur Frage von Gruppen etwas kurz gegriffen. Man darf nicht einfach das Kind mit dem Bade ausschütten. Gruppenidentität hat zwei Seiten, einerseits entsteht sie als Abgrenzung gegen Andere, was man als negative Gruppenidentität bezeichnen könnte. Andererseits aber aus einem ‚Wir-Verständnis‘ heraus, das als positive Gruppen-Identität den Mitgliedern Orientierung, Schutz und Geborgenheit vermittelt. Von Generation zu Generation wird in diesem Sinn zu Loyalität erzogen..

    Gerade das Beispie der Sinti und Roma verdeutlich dies. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Dialekte und Kulturausformungen, haben sie in Sprache, Herkunft und Kultur zweifellos Gemeinsamkeiten, was sich auch aus der Geschichte erklärt ( eine der Vrefolgung, was eine sehr starke Gruppenidentität schafft, siehe auch bei den Juden. Ich würde allerdings behaupten, dass zwischen den Einwohnern Israels, die sich alle als jüdisch verstehen, weit größere Diskrepanzen herrschen als zwischen Sinti und Roma)
    Territoriale Herkunft, Sprache und Geschichte sind starke Gruppen’marker‘ im positiven Sinn. So etwas zu leugnen würde nicht nur zu einem weiteren Zerfall von Gesellschaft beitragen (im Sinne einer neoliberalen M.Thatcher: there is no such thing as society) sondern z.B. auch dazu, dass Deutsche sich nicht mehr für den Holocaust der Nazis verantwortlich fühlen. Was haben wir mit denen zu schaffen???

    Ich habe mit Sinti zusammengearbeitet, die haben sich dagegen gewehrt, dass ich als ‚Gadsche‘ ihre Sprache lerne. .Soll das rassistisch sein? Wenn Deutsche in den Sechziger und Siebzigern die Gastarbeiter daran hinderten ordentlich deutsch zu lernen, war das natürlich, wenn nicht rassistisch, so jedenfalls fremdenfeindlich motviert (Der ehemalige CSU-Inneminister Zimmermann wollte seinerzeit Gastarbeiter an einer Integration hindern). Es kommt also immer auch auf den Zusammenhang an.

    Andererseits habe ich bei einer Romagruppe im europäischen Ausland erlebt: sobald sie mich als jemand akzeptierten, der ihnen positiv gegenüber steht, galt ich als einer der ihren und wurde beschützt.

  3. Lionel sagt:

    @Wiebke

    Es wäre nett, wenn Sie die Behauptung, Deutsche hätten Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren am Spracherwerb gehindert, näher belegen könnten.
    Mir ist in Erinnerung, dass bspw. die Volkshochschulen Kurse mit dem Titel Deutsch für Ausländer“ anboten, sogar im Fernsehen (3. Programme) und im Radio gab es regelmäßige Sendungen in denen Gastarbeiter die deutsche Sprache erlernen konnten.

    Mir ist auch nicht klar, weshalb jetzt lebende Deutsche sich für den Holocaust der Nazis verantwortlich fühlen sollten.
    In der örtlichen jüdischen Gemeinde, zu der ich einen guten Kontakt pflege, hat das noch nie jemand verlangt.
    Allerdings besteht, wie ich meine, eine Verpflichtung aus der Geschichte zu lernen.
    Das gilt jedoch für alle hier Lebenden.
    Ein falsches (oder übertriebenes) Verständnis von Schuld und Verantwortung führt jedoch dazu:
    http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Deutsche-moegen-Fremde-mehr-als-sich-selbst/story/22081964

  4. Cengiz K sagt:

    Sehr guter Artikel.. Die werden immer rarer bei Migazin..

  5. CDUler sagt:

    Bevor man vom „Rassismus“ in Deutschland redet, sollte man lieber von den sehr hohen Steuern und Abgaben sprechen. Dieses Thema kommt meist viel zu kurz. Nur mal so ein Vorschlag an die Runde.

  6. aloo masala sagt:

    Ein anderes Problem, was ebenfalls nicht beim Namen genannt wird ist, dass der Rassismusdiskurs der Akademiker nicht nur Cargo-Kult Wissenschaft ist, sondern auch ein (unfreiwilliger) Teil des Klassenkampfes gegen die weiße Arbeiterklasse, die man heute politisch korrekt Mittelschicht nennt.

    Der Rassismus-Diskurs ist eine Cargo-Kult Wissenschaft, weil die Theorien der Rassismusforscher mehr vom Wunschdenken als von realen sozialen Begebenheiten geprägt sind. Wer den Begriff Cargo-Kult Wissenschaft nicht kennt, hier die Beschreibung des Nobelpresiträgers Richard Feynman: „Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.“

  7. Han Yen sagt:

    Kann ich nicht zustimmen. Rassismusforscher eignen sich nicht einfach aus Effekthascherei und imitieren formal Handlungsroutinen „richtiger“ Wissenschaftler, um ineffektive Ergebnisse zu produzieren.

    Rassismusforschung existiert in der Psychologie, Soziologie, Neurologie, Ökonomie, Geographie, Jura, Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Musikwissenschaft, Werbewissenschaft,…Unter ihnen sind die statistischen Methoden und experimentellen Methoden bei Psychologen, Neurologen und Verhaltensökonomen besonders weit entwickelt. Bei den Soziologen, Geographen und Geisteswissenschaften spielen naturgemäss andere Methoden als massiv skalierbare variablenzentrierte Forschungsmethodologien die Hauptrolle.

    Sie denken völlig verdreht. Rassismusforschung existiert auf Seiten der Arbeitgeberseite und Arbeitnehmerseite. Die Arbeitgeberseite nutzt traditionell Rassismus gegen die weiße Arbeiterklasse. Der akademische Rassismus Diskurs wird in Europa von weißen Mittelschichten getragen. Rassismus-Diskurse existieren aber auch bei den rassifizierten Bevölkerungsgruppen. Von einem Kampf der Akademiker gegen die weisse Arbeiterklasse kann überhaupt nicht gesprochen werden. Man kann sagen, dass weisse Akademiker typischerweise Rassismus-Diskurse der rassifizierten Gruppen als prä-theoretisches Gedöns abtut – aber weiße Rassismusforscher wenden sich sehr selten gegen die weiße Arbeiterklasse. Warum sollte sie das tun ? Meistens geht es weißen Rassismusforscher doch darum, dass die weiße Arbeiterklasse ihre wahren Interessen erkennen soll und sich mit den rassifizierten Gruppen gegen die Kapitalbesitzer vereinigen sollen. Der Rassismus der weissen Arbeiterklasse wird deswegen auch immer klein geredet – entgegen historischer Quellen.



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