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Neues Forschungsfeld

Vorläufer, Aufgaben und Ziele der interkulturellen Philosophie

Interkulturelle Philosophie ist eine Denkrichtung innerhalb der herkömmlichen Philosophie. Sie betont seit dem Beginn der Globalisierung die Notwendigkeit eines gewaltfreien kulturellen Austausches und weist einen metaphilosophischen Charakter auf – von Michael Lausberg.

VONMichael Lausberg

Der Verfasser, Politikwissenschaftler und freier Publizist, Dr. phil, studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Er promovierte an der RWTH Aachen mit einer Arbeit mit dem Titel „Die extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Regelmäßige Veröffentlichungen im Migazin, DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM9. Mai 2014

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Philosophie wurde (…) von je her – in allen Weltkulturen – zum mediatisierenden Organ der Selbst- und Weltauslegungen der Kulturen. Zur Zeit vollzieht sich dieser Prozess mit -weltweit – atemberaubender Geschwindigkeit. (…) Interkulturelle Philosophie nimmt sich dieser Herausforderung an, indem sie deutend, fragend, suchend, lernend – vom jeweiligen Orte aus – eine grenzüberschreitende Perspektive ins Auge fasst. (…) So hat Interkulturelle Philosophie nicht nur eine theoretische (eine sprachkritische, religions- und kulturphilosophische, eine ästhetische und anthropologische, eine logische und metaphysische) Dimension, sondern sie greift weit hinaus in den Raum einer praktischen Philosophie und Institutionentheorie, in dem es ihr auch immer um neue Wege und Weisen einer ethisch-moralphilosophischen, staats- und recht- und sozialphilosophischen Annäherung geht.“ – Prof. Dr. Claudia Bickmann

Seit dem Ende des Kalten Krieges begann die Ausbildung des Forschungsfeldes der interkulturellen Philosophie als neue Impulsgeber innerhalb der herkömmlichen Philosophie. Interkulturelle Philosophie sieht sich als eine kritische Philosophie der Philosophie und weist metaphilosophischen Charakter auf. Sie erhebt nicht den Anspruch, eine neue philosophische Disziplin darstellen zu wollen. Stattdessen will sie alle philosophischen Disziplinen und Beschäftigungen durchdringen; die idealtypisch jeweils die Dimension des Interkulturellen in sich aufnehmen sollten.

Der sich immer stärker durchsetzende Globalisierungsprozess ist für die weltweite Vernetzung von Nationen in allen Bereichen (z. B. Politik, Wirtschaft, Kommunikation und Kultur) verantwortlich. Die Globalisierung wurde vor allem durch die Fortschritte in den Kommunikations- und Transporttechniken angetrieben und fördert zugleich die Berührungspunkte zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen. Auf den kulturellen Sektor bezogen kommt es noch stärker als in den bisherigen Epochen der Geschichte zu zunehmenden wechselseitigen Verflechtungen und Beeinflussungen. Homi Bhabha, Vertreter des Postkolonialismus, bringt in diesem Zusammenhang die in seinen Essays entwickelten Begriffe Hybridität und Mimikry ins Spiel.1 Hybridität beschreibt das Entstehen neuer, transkultureller Formationen in Kontaktzonen, die durch Kolonisation entstanden sind bzw. geprägt wurden. Identität entsteht für Bhabha stets in diesem ambivalenten „in-between”-Raum der kulturellen Hybridität, der keine hierarchische Ordnung der Kulturen oder Exotismus mehr zulässt.2

In der interkulturellen Philosophie wird von der Prämisse ausgegangen, dass im Vergleich der Kulturen keine Werthierarchie angelegt wird.3 Die Denkstruktur von „höherwertigen“ und „minderwertigen“ Kulturen wird als kultureller Rassismus eingestuft, der entschieden bekämpft werden muss. Kulturen werden als heterogene, dynamische Entitäten betrachtet, was auch auf die in ihr vertretenen Religionen und Philosophien gilt.4 Sie können widersprüchlich, innerlich differenziert und umkämpft sein und somit Revisionen und Transformationen durchmachen.5 Ein einheitlicher und statischer Kulturbegriff sowie die Konservierung des jeweiligen gegenwärtigen kulturellen Zustandes werden dagegen abgelehnt. Zu allen Zeiten fand trotz mancher spannungsreicher Kulturbegegnungen ein interkultureller Austausch statt, der bis heute andauert und auch die Zukunft prägen wird.

Kultureller Rassismus tritt auch dort auf, wo andere Kulturen aus eurozentrischer Sicht vermeintlich positiv beurteilt werden. Dazu zählt die idealisierte Figur des edlen Wilden, also eines von der (europäischen) Zivilisation unverdorbenen „Naturmenschens“.6 Trotz dieser positiv gedeuteten Verharrung im „Naturzustand“ wird dieser Mensch weiterhin als „wild“ betrachtet, der im Gegensatz zu dem europäischen „Kulturmenschen“ auf einer „minderwertigen“ Kulturstufe steht. Für dieses die europäischen Geistesgeschichte prägende Bild ist vor allem Jean-Jacques Rousseau mit seinem Werk Discours sur l’inégalité über den Naturzustand des Menschens verantwortlich. Louis Antoine de Bougainvilles Reisebericht seiner Weltumsegelung, wo er die Einwohner_innen Tahitis als positiven Gegenpart zur europäischen Kultur darstellte, führte Rousseaus Motiv weiter aus und gab ihm einen praktischen Anknüpfungspunkt.7

Die interkulturelle Philosophie spielt ebenso wie die interkulturelle Pädagogik bei der Lösung interkultureller Schwierigkeiten eine Schlüsselrolle. Sie soll sowohl bei der argumentativen „Entwicklung ethischer Universalien“ als auch der „gerechtfertigten Toleranz kultureller Besonderheiten“ helfen.8 Außerdem hat sie die Aufgabe, transkulturelle Entwürfe der Kulturalität sowie des kulturellen Verständnisses und der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Interkulturelle Philosophie wendet sich gegen alle Kulturen, Philosophien und Religionen, die glauben, allein im Besitz der einen einzigen Wahrheit zu sein. Stattdessen besteht die Notwendigkeit einer kulturübergreifende Kommunikation, die die Ebene zivilisatorischer Koexistenz überschreitet und zur gewaltfreien interkulturellen Verständigung führt: „Interkulturelle Philosophie soll dem friedlichen Miteinander in einer allumfassenden menschlichen Kultur dienen, die gleichwohl kulturelle Spezifika bewahrt und gelten lässt. Sie soll helfen, eine Kultur zu etablieren, die die ganze Menschheit umfasst, Frieden schafft und erhält und den Menschenrechten genügt, ohne die berechtigten Ansprüche einzelner Kulturen auf Erhalt ihrer Besonderheiten zu vernachlässigen.“9

Es gibt mannigfache ideologische Vorläufer der interkulturellen Philosophie; interkulturelle Lesarten einer bestimmten Philosophierichtung oder eines/r Philosophen/in aus der Vergangenheit gibt es mehr als genug. Im Folgenden werden fünf dieser Vorläufer angesprochen, die der Autor für wesentlich hält. (Clifford Geertz, Georg Simmel, William James, Ernst Cassirer, Paul Tillich).

Der Ethnologe Clifford Geertz möchte gestützt auf seinen Verstehensbegriff der interpretativen Anthropologie andere Kulturen „from the native’s point of view“ untersuchen und an andere Lebensformen keine kontextfremden Kategorien herantragen.10 Das Ziel von Geertz‘ interpretativer Anthropologie besteht darin, den Standpunkt der zu untersuchenden Menschen, ihren Bezug zum Leben zu verstehen, und sich idealtypischerweise ihre Sicht seiner Welt vor Augen zu führen. Geertz kommt es demnach in der Auseinandersetzung mit anderen Lebensformen und Weltbildern ganz entscheidend darauf an, die eigenen Vorstellungen zurückzunehmen, um die Erfahrungen anderer Kulturen im Kontext ihrer eigenen Ideen zu betrachten. Im Eigenen sollte nicht länger das einzig Mögliche, das schlechthin Wahre und Notwendige gesehen werden. Er möchte andere Möglichkeiten der Welterschließung in einem gleichberechtigtem Sinne erfahrbar machen, um zu einer Erweiterung des menschlichen Diskursuniversums beizutragen.

  1. Siehe dazu Bhabha, H.K.: The Location of Culture, London 1994, S. 36-38  []
  2. Conrad, J.:/Randeria, S. (Hrsg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektive in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/Main/New York 2002, S. 231  []
  3. Yousefi, H.R.: Interkulturalität und Geschichte. Perspektiven für eine globale Philosophie, Reinbek 2010, S. 13  []
  4. Breidbach, S.: Bildung. Kultur. Wissenschaft. Reflexive Didaktik für den bilingualen Sachfachunterricht, Münster 2007, S. 128  []
  5. Benhabib, S.: Kulturelle Vielfalt und demokratische Grundrechte. Politische Partizipation im Zeitalter der Globalisierung, Frankfurt/Main 1999, S. 52  []
  6. Ellingson, T.: The Myth of the Noble Savage, Berkeley u. a. 2001, S. 14  []
  7. Kohl, K.-H.: Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden und die Erfahrung der Zivilisation, Berlin 1981, S. 22f.  []
  8. Paul, G.: Einführung in die interkulturelle Philosophie, Darmstadt 2008, S. 21  []
  9. Ebd., S. 7  []
  10. Vgl. dazu Gottowik, V.: Konstruktionen des anderen. Clifford Geertz und die Krise der ethnografischen Repräsentation, Berlin 1997  []
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Ein Kommentar
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  1. Noname sagt:

    Nicht zu vergessen ist auch Karen Gloy in Deutschland:
    GLOY, Karen.: Kulturüberschreitende Philosophie, München, 2012

    Ein im gesamten angenehmes Buch, in dem neben „ordentlichen“ sachlichen Überlegungen auch persönliche Erfahrungsberichte eingearbeitet sind.
    Gibt einen guten Überblick über Fragen der interkulturellen Philosophie, da verschiedenste Themenbereiche abgearbeitet wurden.



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