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Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Rattenschwänze und frittierte Hühnchen

Eine vietnamesische Mutter, ein Student und das Abenteuer mit den Ämtern

Unzählige Anträge wurden ausgefüllt und Dokumente eingereicht, die es eigentlich gar nicht gab. Eine Odyssee eines Studenten mit einer alleinerziehenden vietnamesische Mutter durch den berliner Behörden-Jungle – Sándor Namesnik erinnert sich.

VONSándor Namesnik

 Eine vietnamesische Mutter, ein Student und das Abenteuer mit den Ämtern
Der Verfasser (24) ist in Eberswalde (Brandenburg) in einer Patchwork-Familie mit ungarischem Vater und deutscher Mutter aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es ihn nach Berlin, wo er Südostasienwissenschaften mit Fokus auf Vietnam und der vietnamesischen Sprache an der Humboldt-Universität studierte. Im Rahmen eines Auslandssemesters lebte er 2011 ein gut halbes Jahr in Hanoi. Derzeit studiert er an der Humboldt-Universität Geografie der Großstadt im Master.

DATUM17. April 2014

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Linh und Tina wollten umziehen. Bis dahin hatten sie sich ein Zimmer in der Wohnung eines Freundes geteilt. Der wollte nun heiraten und deswegen mussten sie raus. Vom Jobcenter erfuhren wir, wie hoch die Miete maximal sein dürfe. Die Miete für eine Wohnung, in der Mutter mit Tochter wohnt. So kam es dazu, dass ich wieder regelmäßige Anrufe und SMS von Linh erhielt. Wie gehabt, bat sie mich, nach Spandau zu fahren und sie auf Wohnungsbesichtigungen zu begleiten. Vermieter hatten sogar stets die Formulare dabei, die für Sozialgeldempfänger gedacht sind. Nach den ersten drei, vier Besichtigungen nahm jedoch die frustrierende Erkenntnis überhand, dass es keine Rückmeldung geben würde. Nicht nur der soziale Status, auch die Sprachbarriere wurde merklich negativ aufgenommen.

Alle fanden es großartig
Langsam wuchs mir die Sache über den Kopf. Ich gab Linh die Nummer für den Verein der Vietnamesen in Berlin und Brandenburg. Ich weiß nicht, ob sie dort anrief oder nicht. Und als ich es tat, schlug man mir vor, sie solle in die Sprechstunden kommen. Ich fühlte mich allein gelassen, verantwortlich für Linh und Tina und das, obwohl ich doch selbst keine Ahnung hatte. Ich hatte keinen Schimmer, wie dieses allmächtige Uhrwerk funktioniert, wie man am besten all diese Zahnräder ölt, damit die Maschine läuft. Warum tat ich mir das alles nur an? Ich geriet immer öfter in Gespräche mit Freunden, mit Kommilitonen. Alle fanden es großartig, was ich da tat. Manche fragten mich – wie ich mich selbst – warum ich das überhaupt auf mich nahm. Einige wenige schlugen vor, auch mal einzuspringen, wenn ich mal nicht die Zeit hätte. Mit diesen, aber auch allein, besuchte ich an Sonntagen Linh und Tina in ihrem Untermietzimmer. Wir genossen leckere Mahlzeiten. Dazu gab es Bier und Wodka. Wie schön waren diese Abende. Und wie verschieden von den grauen Episoden an den Werktagen, wo ich zwischen Frustration, billigem Geflügelfleisch, Wohngesellschaften und Besichtigungen nur das lachende Gesicht Tinas aus dem Kinderwagen hatte, um Hoffnung und Motivation zu schöpfen. Bald erzählte mir Linh von einer Freundin, die andernorts einen Job aufnehmen würde und umziehen müsse und dass sie sich einigten. Die Freundin werde Linh zu Liebe die Wohnung behalten und sie zur Untermiete aufnehmen. Somit hatten wir einen Vermieter, der auf unserer Seite war. Aufatmen. Formelles regeln. Einen Mietvertrag erstellen. Und wieder zum Jobcenter. Natürlich ist die Wohnung zu groß, natürlich ist die Miete viel zu hoch, aber bis das Jobcenter sich beschweren und sie zum Umzug bewegen wird, haben wir einige Monate gewonnen.

Der Umzug vollzog sich, während ich mich einige Wochen zurückzog, um an meiner Bachelorarbeit zu schreiben. Ich dachte, dass die letzte große Hürde, der Kitaplatz, kein Problem sein würde. Immerhin war ihr Kitagutschein noch gültig und ich müsste doch nur einige Einrichtungen anrufen, wovon ein nicht kleiner Teil auch „Integrationskindergärten“ waren. Weit gefehlt. „Wissen Sie, deutsche Mütter melden einen Platz an, wenn sie noch schwanger sind. Das Kind, worum es hier geht, ist schon ein Jahr alt. Wir nehmen Sie gern in die Warteliste auf, aber ich muss ihnen sagen, dass diese sehr lang ist. Es dauert Monate.“ Diese Worte hörte ich überall. Wir änderten unsere Taktik und riefen auch bei Tagesmüttern an. Einige nahmen uns auch in ihre Warteliste auf, andere fingen an zu schlucken, als sie hörten es handele sich um ein vietnamesisches Kleinkind, wiederum andere wurden richtig böse, als ich den Umstand am Telefon zu erklären versuchte. Man meinte zu mir, Tagesmütter seien für Familien, die das Format des Kindergartens nicht geeignet, nicht dienlich für die Erziehung fänden und nicht für Mütter, die ihre Kinder nur irgendwo unterzubringen versuchten.

Kitagutschein ohne Gut
Zusammen mit den Frauen im Rathaus Spandau, von denen wir auch den Kitagutschein erhielten, fanden wir eine Lösung. Eine Tagesmutter hatte noch einen Platz frei. Wochenlanges Bangen schien beendet, der Deutschkurs konnte doch noch pünktlich begonnen werden. Doch Linh erschrak, als die den Namen der Tagesmutter hörte. Sie meinte zu mir, es müsse eine Alternative geben. Im Jahr zuvor hatte eine Bekannte ihr Kind dort betreuen lassen und Linh berichtete, dass man ihr Kind anschrie und so grob war, dass es beim Anblick der Tagesmutter Angst hatte. Auch gab es Gerüchte, sie sei ausländerfeindlich. Diese Frau war die einzige Möglichkeit, aber wenn Linh das nicht wollte, was sollte man machen? Also gingen wir zur Volkshochschule, um den Start des Integrationskurses zu verschieben. Der Lehrer war sichtlich traurig, fragte woran es liege. Es müsse doch möglich sein, Tina bei Freunden oder Bekannten zu lassen, während Linh den Kurs besucht, so kenne er das von seiner Ehefrau. Das sei doch alltäglich bei den Vietnamesen. Anscheinend nicht. An diesem Abend aßen wir bei Burger King. Ich war müde, entnervt und fuhr nach Hause.

Wie eigentlich jedes Mal, wenn ich in Spandau in die S-Bahn einstieg, um den 60-minütigen Heimweg auf mich nahm, hatte ich auch an diesem Abend Kopfschmerzen. Vietnamesische Vokabeln drehten sich in meinem Kopf. Ich fühlte allgemeine Enttäuschung und Ohnmacht. Ähnliche Gefühlslagen trieben mich und meine Kommilitonen allzu oft in ergebnislose Café- und Biergespräche über Faulheit im Alltag und ungewisse Zukunft. Sekundenbruchteile, bevor ich anfing, mich selbst zu bemitleiden, ob dieser Ohnmacht, ob der Verständigungsschwierigkeiten Linh gegenüber, ob der Kopfschmerzen, fragte ich mich, wie sie sich fühlt. Die mitschwingende, aber nie zu Ende gedachte Angst, eine noch immer drohende Abschiebung letzten Endes durch mein Unvermögen nicht verhindern zu können, schwand schnell, als ich mich in der Bahn auf dem Weg nach Hause fragte, ob nicht vielleicht an diesem Abend ein Champions League Spiel liefe.

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