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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Die Verteilung liberaler Werte

Elite und Bevölkerung denken unterschiedlich über Migration

Deutschland ist gespalten, wenn es um Migration geht. Die Elite ist dafür, die allgemeine Bevölkerung dagegen. Woran das liegt, haben Céline Teney und Marc Helbling untersucht – mit überraschenden Ergebnissen.

VONTeney, Helbling

Céline Teney ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung und im Brückenprojekt „Die politische Soziologie des Kosmopolitismus und Kommunitarismus“. Im März 2014 wird sie die Leitung einer kooperativen Nachwuchsgruppe Transnationalization of Society, Politics, and the Economy an der Universität Bremen übernehmen.

Marc Helbling leitet seit 2011 die Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe Einwanderungspolitik im Vergleich. Der Politikwissenschaftler forscht zu Immigrations- und Staatsbürgerschaftspolitik, zu Islamophobie und Nationalismus.

DATUM20. Februar 2014

KOMMENTARE15

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

QUELLE Erstveröffentlichung: WZB Mitteilungen

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Die Kluft zwischen den Meinungen von Elite und Bürgern und ihre Auswirkungen auf die Demokratie sind seit Langem ein Kernthema in den Sozialwissenschaften. Aufgrund des wachsenden ökonomischen, politischen und kulturellen Globalisierungsdrucks scheint die Spaltung zwischen den politischen Eliten und der allgemeinen Bevölkerung sogar noch größer zu werden. Diese wachsende Kluft, die in mehreren Ländern nachweisbar ist, gilt als eine der Ursachen für die steigende Politikverdrossenheit und den zunehmenden Erfolg rechtspopulistischer Parteien in Europa.

Einstellungen der Elite zu Themen wie Umweltschutz, Geschlechtergleichheit oder Verbrechensbekämpfung scheinen wesentlich liberaler als die der allgemeinen Bevölkerung. Seit den gescheiterten EU-Referenden in Frankreich und den Niederlanden erhalten insbesondere die unterschiedlichen Einstellungen zur europäischen Integration die Aufmerksamkeit der scientific community in Europa. So wurde beispielsweise argumentiert, dass die politischen Eliten den europäischen Integrationsprozess ohne öffentliche Unterstützung vorantreiben. Das Projekt Europäische Union, so die Kritik, spiegle allein die Interessen der proeuropäischen politischen Eliten wider.

Was allerdings, wenn die Meinungskluft zwischen Eliten und Bürgern zur europäischen Integration nur Teil einer weitergehenden Spaltung ist, wenn die europäische Integration nur eines von vielen umstrittenen Themen im Kontext der Denationalisierung ist? Die Eliten wären dann nicht nur starke Befürworter des europäischen Integrationsprojekts, sondern befürworteten außerdem die Öffnung der nationalen Grenzen für den Austausch von Waren, Menschen und Normen, während die allgemeine Bevölkerung in solchen Denationalisierungsfragen viel stärker gespalten wäre. Um diese Hypothese zu prüfen, wollen wir mit unserer Studie die Einstellungen der Eliten und der allgemeinen Bevölkerung in Deutschland zu einem anderen hochgradig politisierten Thema im Kontext der Denationalisierung vergleichen: die Einstellungen zur Immigration.

Die Kluft zwischen Elite und Bevölkerung ist bislang im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückgeführt worden. Erstens haben Eliten im Durchschnitt eine höhere Bildung als die allgemeine Bevölkerung. Da Bildung bei der Ausformung liberaler und progressiver politischer Meinungen eine entscheidende Rolle spielt, könnten solche Bildungsunterschiede die Kluft zwischen Elitenmeinung und Mehrheitsmeinung erklären. Allerdings gibt es Belege dafür, dass die Eliten sich hinsichtlich ihrer allgemeinen politischen Positionen auch deutlich von denen der höher gebildeten Bürger unterscheiden: Die Einstellungen der Elite sind sehr viel liberaler als die der höher gebildeten Bürger. Der Faktor Bildung allein kann also die Meinungsdifferenzen zwischen der politischen Führung und der allgemeinen Bevölkerung nicht vollständig erklären.

Eine Erklärung liefert eventuell der zweite Faktor: Sozialisierungseffekte innerhalb der Elite. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung müssen sich die Eliten einer political correctness anpassen. Sie sehen sich gezwungen, sich die in Westeuropa vorherrschende Ideologie, also liberale Werte und Normen, zu eigen zu machen (Schimmelfennig 2001). Im Zeitalter der Globalisierung gehören zu dieser vom westeuropäischen Führungspersonal getragenen Ideologie auch Fragen der Denationalisierung wie die europäische Erweiterung oder über den Nationalstaat hinausgehende moralische Verpflichtungen (zum Beispiel Kosmopolitismus). Dementsprechend gehen wir davon aus, dass die Eliten sich stärker dafür einsetzen, die nationalen Grenzen für Migranten zu öffnen, als der Durchschnitt aller höher gebildeten Bürger.

Dass sich Eliten in solch starkem Maße mit einer vorherrschenden Ideologie identifizieren, ist über ihre Sozialisation zu verstehen. Robert Putnam zufolge können die Interaktionen innerhalb der Elite die Einheitlichkeit ihrer Werte erklären. Persönliche Kommunikationsnetzwerke und Freundschaften tragen dazu bei, einen Konsens hinsichtlich der Werte und Meinungen zu erzeugen. Diese Interaktionen beschränken sich in der Regel nicht auf einflussreiche Personen innerhalb derselben Institutionen, sondern umfassen auch Eliten aus anderen Bereichen. Dieses auf gegenseitigem Vertrauen und Solidarität beruhende Netzwerk entsteht umso leichter, als die Eliten im Hinblick auf Bildungshintergrund, sozialen Status, Rekrutierungsmuster oder ideologische Affinitäten sehr homogen sind.

Unsere Studie basiert auf dem Vergleich von Fragen zu Einstellungen und Werten aus einer neueren Umfrage unter Eliten mit entsprechenden Daten aus Befragungen der allgemeinen Bevölkerung. Die Studie „Entscheidungsträger in Deutschland: Werte und Einstellungen“ wurde vom WZB 2011/2012 deutschlandweit unter Inhabern von Spitzenpositionen durchgeführt. Diese WZB-Elitestudie umfasst lediglich die Kerneliten: Die ursprüngliche Stichprobe bestand aus 956 obersten Führungskräften in elf Sektoren. Der Rücklauf war angesichts der Schwierigkeit, diese höchst privilegierte Zielgruppe zu befragen, mit 37 Prozent relativ hoch. Der Datensatz besteht aus Daten von 354 Inhabern von Spitzenpositionen in den folgenden Sektoren: Wirtschaft, organisierte Interessensvertretung, Politik, Verwaltung, Justiz, Militär, Wissenschaft, Medien, Gewerkschaft, Kirche und Zivilgesellschaft.

Ziel der Elitestudie war es, präzise Informationen über die soziodemografischen Eigenschaften der Befragten zu gewinnen und die Einstellungen der Führungskräfte zu wichtigen innen- und außenpolitischen Themen zu erfassen. Der Fragebogen enthielt drei geschlossene Fragen zum Thema Immigration, die in früheren Befragungen bereits der allgemeinen Bevölkerung gestellt worden waren. Bei den allgemeinen Studien, in denen die entsprechenden Fragen enthalten waren, handelt es sich um den World Values Survey von 2006 und den European Social Survey von 2010. Je nach Fragestellung beträgt der zeitliche Abstand zwischen der Elitestudie und den allgemeinen Studien also zwischen zwei und sechs Jahren.

Einstellungen von Eliten und allgemeiner Bevölkerung gegenüber Migranten © WZB

Einstellungen von Eliten und allgemeiner Bevölkerung gegenüber Migranten © WZB

Der besseren Vergleichbarkeit halber zeigt die Grafik alle Fragen auf einer Skala von 0 bis 1, wobei 1 für die stärkste Befürwortung der Öffnung nationaler Grenzen für Migranten steht. Die roten Balken im Schaubild repräsentieren die durchschnittliche Meinung zu den drei Immigrationsfragen unter der allgemeinen Bevölkerung in Deutschland. Die schwarzen Balken zeigen die durchschnittliche Meinung der allgemeinen Bevölkerung mit einem tertiären Bildungsabschluss. Die weißen Balken schließlich zeigen die durchschnittliche Meinung der deutschen Eliten. Da 88,4 Prozent der deutschen Eliten über einen tertiären Bildungsabschluss verfügen, ähnelt die durchschnittliche Meinung der Eliten mit tertiärem Bildungsabschluss stark der Meinung der Elitestichprobe insgesamt, so dass diese Werte nicht separat ausgewiesen sind.

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15 Kommentare
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  1. Soli sagt:

    @burak – lassen sie bitte das „christlich“ einfach weg. Religion hat nicht im GERINGSTEN etwas mit Menschlichkeit zu tun. Wenn man sich anschaut wie viel Verbrechen jeden Tag im Namen der verschiedenen Religionen begangen werden fällt es mir schwer an eine gerechte Welt zu denken in dem auch nur eine einzige Religion vorkommt.

    Richtig hingegen ist – unser Reichtum hier (Wohnung, zu Essen, Gesundheit, Luxus etc.) ist sicher ungerecht wenn man sich die Lage in anderen Ländern anschaut, wo Menschen verhungern, während wir Esen in den Müll werfen und mehr für einen Starbicks-Kaffee ausgeben als eine Familie da für den ganzen Tag zum Leben hat.
    Das gilt aber nicht nur für den Westen, davon mal abgesehen (mit dem Geld das Dubai alleine für die Bewässerung von Gärten in den Wüsten ausgibt könnte man sicher ganze Städte ernähren!) . Auch dort wird Luxus „gelebt“ und der sogar noch von einer viel kleineren Elite während der Großteil der Menschen wenig bis gar nichts hat. Es geht also nicht nur um Konzerne auf der Welt, auch ganze „Regierungen“ arbeiten so.
    Sagen sie den Petro-Königen mal – verzichte auf den 5. Maserati – der wird sie auslachen…

    DAs ist bedauerlich, und insofern ist die Welt noch weit… sehr weit vom „Star Trek Feeling“ entfernt. Aber Hoffnung darf man ja haben.

  2. aloo masala sagt:

    @Soli

    Hat zwar nicht mit dem Thema zu tun, möchte aber auf eine fatale Denkweise aufmerksam machen. Sie schreiben:

    —–
    lassen sie bitte das “christlich” einfach weg. Religion hat nicht im GERINGSTEN etwas mit Menschlichkeit zu tun. Wenn man sich anschaut wie viel Verbrechen jeden Tag im Namen der verschiedenen Religionen begangen werden fällt es mir schwer an eine gerechte Welt zu denken in dem auch nur eine einzige Religion vorkommt.
    —–

    Ohne Frage, im Namen der Religion werden schwere Verbrechen begangen. Doch deswegen sollte man nicht gleich die Religion in Frage stellen oder verurteilen, sondern vielmehr die Täter, die die Religion missbrauchen und für ihre Zwecke instrumentalisieren.

    Schließlich stellen wir auch nicht demokratische, freiheitliche und zivilisierte Werte in Frage, wenn sich die USA und ihrer Vasallen diese auf ihre Fahnen schreiben und in deren Namen andere Länder wie beispielsweise den Irak in Schutt und Asche legen.

  3. europäer sagt:

    sehr interessant. es ist schön sich mit dem Thema Zuwanderung so schön akademisch auseinander zu setzen. eben typisch deutsch. egal on von rechts oder von links bei zuwanderung hört der spass auf – mal ganz praktisch: ob elite oder prolet – alles müssen sterben – alle – und hier liegt das grundsätzliche Problem – leider kann man den tod weder gesetzlich noch von einem parlamentsauschuss verbieten lassen – auch das BVG kann diesen „Fall“ nicht lösen – deutschland ist als eines der wenigen noch umfassend industriell produzierenden EU Länder auf Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen angewissen – da diese im Land statt maschinen offenkundig nicht produziert werden MÜSSEN sie zuwandern – so wie die Polen im 18 Jahrhundert – sonst ist ende mit dem schönen „neuen deutschland“ – deutschland ist immer schneller auf dem weg in eine rentner republik – nicht mehr und nicht weniger – in Ost Deutschlands kann man dies schon heute „bewundern“ – wenn man die augen aufmacht – Wer wird in zwanzig jahren den dann sicherlich zu 20 % dementen deutschen aufgrund guter ernährung und konsum den “ A…..“ abwischen? Das thema zuwanderung wird viel zuwenig offensiv auf diese gesellschaftliche gesamtperspektive zugespitzt – jendseits von akademischen diskussionen über angeblichen neoliberalismus und ausbeutung – der demografische wandel ist ganz praktisch und kommt todsicher – dies sollte man dem Opportnismus der eliten aber auch und im besonderen den ach so „armen“ proletariern entgengenstellen – es geht hier letzendlich nun aber demografisch um den Standort Deutschland

  4. aloo masala sagt:

    @europäer

    Sie schreiben:

    —–
    der demografische wandel ist ganz praktisch und kommt todsicher – dies sollte man dem Opportnismus der eliten aber auch und im besonderen den ach so “armen” proletariern entgengenstellen – es geht hier letzendlich nun aber demografisch um den Standort Deutschland
    —–

    Der letzte Teil ist sehr aufschlussreich. Es geht letztlich wieder nur um ökonomische Nützlichkeitserwägungen für den „Standort Deutschland“.
    Damit sind Sie mitten im Diskurs um den für Deutschland „nützlichen Ausländer“ und teilen die sogenannten „liberalen“ Einstellungen der Elite.

  5. TaiFei sagt:

    europäer sagt: 2. März 2014 um 23:57
    „…deutschland ist immer schneller auf dem weg in eine rentner republik – nicht mehr und nicht weniger – in Ost Deutschlands kann man dies schon heute “bewundern” – wenn man die augen aufmacht – Wer wird in zwanzig jahren den dann sicherlich zu 20 % dementen deutschen aufgrund guter ernährung und konsum den ” A…..” abwischen? …der demografische wandel ist ganz praktisch und kommt todsicher – „

    Der demographische Wandel ist propagandistischer Mist. Wer kann schon eine gesicherte Zukunft für die nächsten 50 Jahre vorhersagen?

    Der Pflegenotstand hat auch nichts mit fehlenden Fachkräften zu tun, sondern nur mit der besch… Bezahlung für eine Tätigkeit, die keiner bis 67/69 ausführen kann um dann abzugsfrei in Rente zu gehen. Weder wird sich die Lebenserwartung der Menschheit deutlich über 90 Jahre erhöhen noch ist es wahr, dass die Kosten hier erheblich steigen würden (wohlgemerkt pozentual und nicht absolut, was der ENTSCHEIDENDE Punkt ist)

    Grundsätzlich verschwiegen in dieser Diskussion wird nämlich, dass erhöhte Kosten allenfalls im direkten Zusammenhang mit dem Zeitraum zum Tod liegen. Es fallen nämlich nur hohe Pflegekosten im letzten Jahr bis zum Tod an. Die liegt bei alten Menschen jedoch immer noch deutlich UNTER denen von Neugeborenen. Komischerweise wird das aber nirgends problematisiert. Das die ärztlichen und pflegerischen Kosten für Frühgeborene ständig steigen, was trotz allem zum Tod dieser führen kann, wird berechtigter Weise nirgends in Frage gestellt. Bei alten Menschen unterliegt das aber neustem einem Wirtschaftlichkeitsdenken.


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