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Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Sprachstand

Tourismus, Wellen und Behälter unter Druck

Mit dem Wort „Sozialtourismus“ wurde von Politikern und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer gemacht. So jedenfalls die Jurybegründung zum Unwort des Jahres. Aber kann man mit einem Wort tatsächlich „Stimmung machen“?

VONStefanowitsch / Goschler

 Tourismus, Wellen und Behälter unter Druck
Anatol Stefanowitsch ist Professor für englische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Autor des Sprachlog. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Struktur der englischen und deutschen Sprache. In seinem Blog befasst er sich außerdem mit sprach- und kulturpolitischen Themen.

Juliana Goschler ist Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Oldenburg und Autorin des Blogs Dr. Mutti. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Struktur und Variation des Deutschen und seinem Erwerb als Zweit- und Fremdsprache. In ihrem Blog geht es um Fragen von Bildung, Erziehung und Familienpolitik.

DATUM12. Februar 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Vor einigen Wochen wurde das Wort Sozialtourismus zum Unwort des Jahres gewählt. Die Jury begründete ihre Wahl damit, dass durch diese Wortwahl „von einigen Politikern und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht“ wurde. Aber kann man mit einem Wort tatsächlich „Stimmung machen“? Es komme doch nicht auf Wörter an, ist ein häufiger Einwand in solchen Diskussionen, sondern auf die innere Einstellung. Nach dieser Sichtweise können Wörter selbst nicht gut oder schlecht sein, sondern nur die Gedanken, die man mit ihnen verknüpft.

Nun sind Wörter aber nicht unabhängig von Gedanken. Selbst einzelne Wörter können schon bestimmte Denkmuster – und damit potenziell diskriminierende Bewertungen – mit sich bringen. Das ist vor allem dort der Fall, wo Wörter Teil einer sogenannten konzeptuellen Metapher (also einer systematischen Übertragung sprachlicher Ausdrücke von konkreten in abstrakte Bereiche) sind. Indem wir mit den sprachlichen Ausdrücken auch die Logik direkt erfahrbarer und erfassbarer Situationen und Vorgänge auf abstrakte Phänomene übertragen, ermöglichen konzeptuelle Metaphern es uns, diese Phänomene überhaupt erst zu verstehen und über sie nachzudenken. So werden zum Beispiel zeitliche Abläufe in (fast) allen Sprachen als Bewegung durch den Raum ausgedrückt: Wir sprechen von weit zurückliegenden Ereignissen und davon, dass der Sommer noch in weiter Ferne liegt, während die Europawahl schnell auf uns zukommt. Solche konzeptuellen Metaphern sind also keine sprachlichen Ornamente, sondern ein selbstverständlicher und kaum bewusst wahrgenommener Teil unserer Alltagssprache, der bestimmte Bedeutungsbereiche so stark prägen kann, dass wir ganz selbstverständlich annehmen, die Dinge seien tatsächlich so, wie eine Metapher es uns nahelegt.

Darin steckt auch eine Gefahr, denn die Logik konkreter Erfahrungsbereiche kann, wenn wir sie auf abstrakte Bereiche übertragen, falsche Sichtweisen nahelegen, die dann ideologisch ausgenutzt werden können. Eine prägende Metapher, mit der wir über Länder reden, ist die des Landes als Behälter. Wir sprechen davon in einem Land zu leben oder außer Landes zu sein, von Inländern und Ausländern, von Innenpolitik und Außenpolitik usw. Diese Metapher legt verschiedene unhinterfragte Denkweisen nahe, z.B., dass für Einwanderer kein Platz ist („das Boot ist voll“) oder dass wir straffällige Ausländer einfach ausweisen können.

Eine weitere prägende Metapher ist die von Migrationsbewegungen als Bewegung von Flüssigkeiten. Wir sprechen von einem Zustrom von Gastarbeitern oder Übersiedlern, von einer Asylbewerberwelle oder von eingeschleusten Flüchtlingen usw. Diese Metapher legt eine Denkweise nahe, in der aus Migrationsbewegungen schnell Naturkatastrophen werden – plötzlich ist es eine Flut von Asylbewerbern oder eine Schwemme von Flüchtlingen, die über uns hereinbricht und eingedämmt oder zum Versiegen gebracht werden muss.

Besonders problematisch wird es, wenn wir beide Metaphern kombinieren. Unsere Alltagserfahrung sagt uns, dass man in einen Behälter nicht mehr Flüssigkeit hineinpumpen sollte, als eben hineinpasst, weil der Druck sonst zu groß wird und der Behälter platzt oder sogar explodiert. Auf Migrationsbewegungen übertragen ergibt diese Logik eine Sprache und ein Denken, indem Einwanderung automatisch den gesellschaftlichen Druck erhöht und zu Spannungen oder sogar Gewaltausbrüchen führt. Diese Gefahr scheint der Sprachgemeinschaft dann schon unbewusst real und fast unvermeidlich, und sie kann mit entsprechender politischer Stoßrichtung aufgegriffen und zur Stimmungsmache verwendet werden.

Und so ist es auch im Fall von Sozialtourismus. Zwar ist die Tourismus-Metapher nicht ganz so allgegenwärtig wie die Behälter- oder Flutmetapher. Aber das Wort Sozialtourismus steht nicht allein – auch scheinbar wertneutrale Begriffe wie Einwanderer, Einreise oder das schon deutlich programmatischere Heimreise oder nach Hause schicken für die Abschiebung von Flüchtlingen und Asylbewerbern beruht auf einer Metapher von Migrations- und Flüchtlingsbewegungen als Urlaubsreise. Die Metapher vom Sozialtourismus legt gleichzeitig nahe, dass die so als Touristen bezeichneten nur hier sind, um das bequeme Sozialsystem zu genießen, und dass ihr Aufenthalt nur vorübergehend ist.

Konzeptuelle Metaphern helfen uns nicht nur beim Nachdenken über abstrakte Phänomene, sie bringen auch eine bestimmte Perspektive mit. Und solange wir diese Perspektive nicht hinterfragen, kann sie fast unbemerkt unser Denken in bestimmte Bahnen lenken – und schnell auch auf Abwege.

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  1. […] MIGAZIN (12.2.14) unter dem Titel “Tourismus, Wellen und Behälter unter Druck” nach [Link zum Beitrag]. (2) Die “Neusprech-Top-Ten des Jahres 2013″ hat Kai Biermann im Neusprechblog […]



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