MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

40 Jahre

Von den Anfängen des Nürnberger Ausländerbeirats

Die Erkenntnis, dass dringend etwas getan werden musste, vertiefte sich in Nürnberg. Vor 40 Jahren machten sich die „Gastarbeiter“ an die Arbeit und gründeten den ersten Ausländerbeirat – eine Erfolgsgeschichte, die bundesweit Schule machte.

VONMenzel, Suzan

Jochen Menzel: Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt und Berlin, Turkologie in Bamberg und Ankara; 1993 Gründung von transfers-film; Auftrags-Produktionen mit Schwerpunkt Migration und Interkultur für BR, ZDF, Goethe-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung. Produktion zahlreicher Bildungs-Medien. Regelmäßige Teilnahme mit eigenen Filmen an Filmfestivals (Dokfilmfest München, Feminale Köln, Ankara, Alanya, Nürnberg, Boston usw.) Gülseren Suzan: geb. in Diyarbakir/Türkei, Abitur in Istanbul. Lebt seit 1970 in München/Nürnberg. Fachberaterin für die 8-teilige TV -Serie "Korkmazlar - Deutsch für türkische Familien." Seit 1993 zusammen mit Jochen Menzel Co-Autorin von über 30 Dokumentarfilmen und TV-Features; eigene Regiearbeiten für BR und ZDF. Für die langjährige Filmarbeit mit Jochen Menzel ausgezeichnet mit dem Interkulturellen Preis der Stadt Nürnberg 2011.

DATUM31. Oktober 2013

KOMMENTARE3

RESSORTFeuilleton, Leitartikel

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

Seite 1 2 3

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Wir bleiben! – die Protestversammlung in einer Nürnberger Turnhalle
Sicherlich wurde der Konsens des Stadtrates auch von der ersten großen Protestmanifestation der damaligen „Gastarbeiter“ befördert. Cahit Turan, damals Sozialberater der AWO und Wegbegleiter des Ausländerbeirates von Anfang an, berichtet uns von einer Versammlung, die in der Turnhalle des Sportclubs Maxvorstadt 04, in der Rollnerstraße 99 stattfand. In einem Saal, in dem sonst die türkische Gemeinde zweimal im Jahr ihre Feiertagsgebete verrichtete, und auch türkische Ringer trainieren konnten – protestierten am 14. Januar 1973 über 5000 Menschen gegen die bayerischen Versuche, die Rotation per Ausweisungsbescheid durchzusetzen.

Erste große Protestversammlung gegen Rotation in Nürnberg Turnhalle Sportclub Maxvorstadt, 14.1.1973

Erste große Protestversammlung gegen Rotation in Nürnberg Turnhalle Sportclub Maxvorstadt, 14.1.1973

Erste große Protestversammlung gegen Rotation in Nürnberg Turnhalle Sportclub Maxvorstadt, 14.1.1973

Erste große Protestversammlung gegen Rotation in Nürnberg Turnhalle Sportclub Maxvorstadt, 14.1.1973

Die Bilder zeigen einen übervollen Saal, eine improvisierte Bühne für die Redner, auch viele Frauen sind zu erkennen. Auf Transparenten in der Halle ist zu lesen. „Wir sind Menschen“ und „Warum werden wir rausgeschmissen“.

Cahit Turan, der diese Versammlung leitete (wir erkennen ihn an seiner Fliege!), erinnert sich an ein Großaufgebot örtlicher und überregionaler Presse, die Parteien schickten ihre Vertreter, selbst Bundestagsabgeordnete waren gekommen.

Für Unruhe und Empörung hatte die wachsende Zahl an Bescheiden des Ausländeramtes gesorgt, in denen allen die Aufenthaltsverlängerung versagt wurde, die länger als 5 Jahre in Deutschland waren. Es wurde die Ausreise binnen dreier Monate verlangt, mit der Begründung, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei und daher der gewünschte „Daueraufenthalt die Beeinträchtigung staatlicher Belange“ (!!!) bedeuten würde, was zu bestrafen sei!

Das Ende des „Rotationskonzepts“ und der Anfang des Ausländerbeirats
Von den deutschen Teilnehmern machten sich für die Forderungen nach Rücknahme der Bescheide der Vizepräsident des bayerischen Landtags und Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Bayern Bertold Kamm stark. Arno Hamburger, damals Pfleger des Einwohneramtes, verbürgte sich vor den Versammelten dafür, dass die Ausweisungen zurückgenommen werden. Cahit Turan, der als Sozialberater und Dolmetscher der AWO 45 Klagen gegen die Ausweisungen in Ansbach zu vertreten hatte, berichtet uns, dass nach dem überwältigenden Echo, das diese denkwürdige Versammlung ausgelöst hatte, alle Bescheide ohne Verfahren zurückgenommen wurden.

Eine Nürnberger Aktion mit bundesweiten Folgen, denn damit war das Ende des Rotationskonzepts besiegelt. Gebhard Schönfelder (seit 1972 für die SPD im Stadtrat Nürnberg) der auch an dieser Versammlung teilgenommen hatte, bewertet heute dieses Datum als „Durchbruch“, der den Stadtrat drei Monate später zu seiner eher seltenen Einstimmigkeit hinsichtlich des Ausländerbeirates veranlasste. So hatte eine soziale, emanzipatorische Bewegung, die klug und autonom sich für die eigenen Rechte stark machte, Stadtgeschichte geschrieben, mit anhaltender bundesweiter Wirkung.

Info: Der ca. 40 minütige Film „Ein Fremder ist nicht immer ein Fremder“ hatte seine Premiere zur Eröffnung der diesjährigen interkulturellen Wochen Nürnbergs am 20.9.13. Die DVD des Filmes ist erhältlich zum Preis von 25 € menzel@tranfers-film.de

Wie es weitergeht – eine Nachbemerkung
Doch die Geschichte des Ausländerbeirats nahm mit diesem Datum erst ihren Anfang. Viel größere Aufgaben standen noch bevor: Die Arbeitsfähigkeit war sicherzustellen und ein Selbstverständnis musste gefunden werden, das unabhängig von der Einflussnahme der Konsulate, der Ideologisierung politischer oder nationaler Gruppen nur den Interessen der Zugewanderten verpflichtet war.

Ein Geschäftsführer wurde gebraucht, (die Reihe reichte ab 1979 von Brigitte Fischer-Brühl über Renato Mion bis Friedrich Popp heute) Räume und ein eigener Haushalt etc.

Eine spannende Geschichte, voller Bewegung und Dynamik, die mit der bemerkenswerten Verbindung des Ausländer- und Aussiedlerbeirats zum Integrationsrat im Jahr 2010 einen weiteren Markstein setzte – für die Gestaltung einer offenen, toleranten und multikulturellen Stadtgesellschaft.

Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Han Yen sagt:

    Lassen Sie es lieber mit den Begriffen „multikulturelle Stadtgesellschaft“. Der Diskursstar Multikulturalismus ist eine politische Strategie, die sehr gut als repressive Toleranz bezeichnet werden kann. Hegemonie wird im Multikulturalismus so organisiert, als ob es einen neutralen Staat gibt. Multikulturalismus ist eine polizeiliche Funktion des Staates nach kulturellen Identitäten zu fahnden, und sie dann mit Sozialarbeit, Förderschulen und sonstigen Befriedigungsstrategien zu narkotisieren.

    Die türkische Diaspora führt ein transnationales Leben, wo Grenzen durch die Familien und Communities gezogen wurden. Es ist besser sich zu fragen, warum sich diese transnationale Orientierung, sich nicht auch in der politischen Beteiligung umschlägt.

    An der Bildung transnationaler Öffentlichkeiten wie dem Weltsozialforum, attac, transnationaler NGO’s sind die Deutschländer kaum beteiligt. Deswegen können Deutschländer auch nicht aus der „Politik als Polizei“ Beziehung heraus treten. Die Politik der Nationalstaaten lässt sich nur mit einer transnationalen Öffentlichkeit sinnvoll kritisieren. Ausländerbeiräte & Integrationsräte erfüllen administrative Funktionen für den Verwaltungsapparat als Informationsbeschaffer.

  2. Danke Han Yen für Ihre kritischen Anmerkungen zum Begriff “multikulturelle Stadtgesellschaft”.
    Vorab: der von Ihnen verwendete Begriff „transnationale Öffentlichkeiten“ gefällt mir sehr gut, er muss sich aber nicht widersprechen mit unserem Verständnis von multikulturellen Gesellschaften, die dazu einen Ausgangspunkt bilden können (beyond belonging) – notwendig ist allerdings, dass diese vielen in den Städten beheimateten Kulturen (in Nürnberg werden ca. 150 Sprachen gesprochen) der immer wieder versuchten nationalen Umklammerung/Eingemeindung widerstehen (s. d. jeweilige muttersprachliche Presse, die politische und kulturelle Instrumentalisierung von Herkunft/Kultur durch Parteien, diplomatische Vertretungen/Konsulate etc. etc. etc.) – einige der Gründungsvater des Nürnberger Ausländerbeirats schildern uns eindrucksvoll, wie schwer dies – – die Herstellung einer „transnationalen Öffentlichkeit“ – gerade am Anfang war (u. letztlich noch heute ist) — es gäbe noch so viel anzumerken,…..

  3. Pirner Marina sagt:

    Ich habe eine persönliche Frage, denn ich habe früher in Alanya gewohnt und möchte später wieder in Alanya wohnen.

    Können Sie mir sagen wie viele deutsche Aussieder in Alanya leben und wie hoch die Einwohnerzahl der Stadt Alanya ist? (ohne Umkreis)

    Mit freundlichen Grüßen

    M. Pirner



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...