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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

40 Jahre

Von den Anfängen des Nürnberger Ausländerbeirats

Die Erkenntnis, dass dringend etwas getan werden musste, vertiefte sich in Nürnberg. Vor 40 Jahren machten sich die „Gastarbeiter“ an die Arbeit und gründeten den ersten Ausländerbeirat – eine Erfolgsgeschichte, die bundesweit Schule machte.

VONMenzel, Suzan

Jochen Menzel: Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Frankfurt und Berlin, Turkologie in Bamberg und Ankara; 1993 Gründung von transfers-film; Auftrags-Produktionen mit Schwerpunkt Migration und Interkultur für BR, ZDF, Goethe-Institut, Bundeszentrale für politische Bildung. Produktion zahlreicher Bildungs-Medien. Regelmäßige Teilnahme mit eigenen Filmen an Filmfestivals (Dokfilmfest München, Feminale Köln, Ankara, Alanya, Nürnberg, Boston usw.) Gülseren Suzan: geb. in Diyarbakir/Türkei, Abitur in Istanbul. Lebt seit 1970 in München/Nürnberg. Fachberaterin für die 8-teilige TV -Serie "Korkmazlar - Deutsch für türkische Familien." Seit 1993 zusammen mit Jochen Menzel Co-Autorin von über 30 Dokumentarfilmen und TV-Features; eigene Regiearbeiten für BR und ZDF. Für die langjährige Filmarbeit mit Jochen Menzel ausgezeichnet mit dem Interkulturellen Preis der Stadt Nürnberg 2011.

DATUM31. Oktober 2013

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Bürgerschaftliches Engagement – erste interkulturelle Initiativen
Ein breites Feld für zivilgesellschaftliches Engagement und nachbarschaftliche Hilfe tat sich auf, das in Nürnberg anfangs von den Jugendverbänden der Kirchen und der christlich motivierten „aktion 365“ aufgegriffen wurde.

Ein wichtiger Chronist dieser Jahre und Mitglied der „aktion 365“ ist Ottmar Jäger, ehemaliger MAN-Ingenieur und Mitbegründer des Nürnberger Arbeitskreises „Gastarbeiter-Mitbürger“. Als leidenschaftlicher Hobbyfilmer und Dokumentarist, -ihm verdanken wir wichtige Hinweise sowie wertvolles Film- und Tonmaterial- erinnert sich der heute 83-Jährige, dass bereits 1969 die katholische und evangelische Jugend in der Nürnberger Egidienkirche einen Gottesdienst veranstaltete unter dem provokant fragenden Titel „Gäste arbeiten!?“

Im Arbeitskreis „Gastarbeiter-Mitbürger“, der bald gegründet wurde, bündelten sich ab dann erste Initiativen, die Beispiele gaben für weitere.

Bei seinen Treffen im CPH (Caritas Pirckheimer Haus, Nürberg) wurden Aktivitäten und praktische Hilfestellungen besprochen: Zu den wichtigsten gehörte die Organisation einer schulischen Hausaufgabenbetreuung für ausländische Kinder; aber es wurden auch spanische und türkische Krankenhauspatienten mit Zeitungen aus ihrer Heimat versorgt. In Archivaufnahmen sehen wir bei den Sitzungen des Arbeitskreises Vertreter der Bundesanstalt für Arbeit, der Parteien, des Elternverbandes und immer wieder die Sozialberater der Wohlfahrtsverbände, darunter Alpay Şakar und Cahit Turan von der AWO, Georgios Pappas für die Stadtmission.

Die Erkenntnis, dass dringend etwas getan werden musste, vertiefte sich auf zwei Tagungen, die der Arbeitskreis 1970 und 1972 im Nürnberger Kolpinghaus veranstaltete. Beide Male nahm die Kasseler Stadtverordnete Else Görgl als Referentin teil, die mit großem Engagement und Kenntnissen über die Situation in anderen Städten ein breites Fundament für die Diskussion legte. Und es wurde ein Forum geschaffen, in dem sich die damaligen „Gastarbeiter“ frei über ihre Erfahrungen und Erwartungen verständigen konnten.

Die Tonbandmitschnitte von Ottmar Jäger hören sich heute an wie seismographische Ausschläge bevorstehender Veränderungen.

Zu Recht betont Ottmar Jäger heute, wie wichtig bei allem die Sozialberater waren (die Wohlfahrtsverbände hatten seit 1956 entlang religiöser und nationaler Kriterien eine muttersprachliche „Ausländersozialberatung“ aufgebaut), die diesen Arbeitskreis von Anfang an begleiteten und bei beiden Tagungen ausführlich zu Wort kamen. Mit ihren guten Sprachkenntnissen, die dringend für Übersetzungen gebraucht wurden, und ihren Erfahrungen aus den Beratungsstellen verliehen sie diesen Versammlungen Gewicht und Autorität.

Öffentlichkeit – ein Fundament wird gelegt
Auch ist bemerkenswert, wie erfolgreich der Arbeitskreis die Öffentlichkeit miteinbezog. Das ZDF berichtete, der BR mit Rundfunk und Fernsehen waren oft zur Stelle, ebenso die örtliche und überregionale Presse. Und Ottmar Jäger pflegte im Namen des Arbeitskreises einen regen Briefverkehr mit dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Urschlechter, den Vertretern der Nürnberger Stadtratsparteien, den Schulämtern bis Ansbach, der Arbeitsverwaltung, die er allesamt – nicht nur auf diesen Tagungen – direkt in die Pflicht nahm. Vielleicht liegt hier sogar eine Nürnberger Tradition begründet, die der aus Griechenland stammende Costas Charissis, einer der aktiven Gründungsväter des Ausländerbeirats (auch bekannt als Besitzer der Gostenhofener „Planungskneipe“) als sein späterer Pressesprecher zusammen mit anderen leidenschaftlich fortsetzte.

So wie wir sehen können, wird mit diesen Aktivitäten, Tagungen und Forderungen das konzeptionelle Fundament für den Ausländerbeirat gelegt, dessen Satzung der Nürnberger Stadtrat am 9. Mai 1973 einstimmig beschließt.

Sicherlich stand auch das Vorbild des Wiesbadener Ausländerbeirats Pate, des ersten in der Bundesrepublik, auf den sich die Nürnberger Jungsozialisten, wie Gebhard Schönfelder berichtet, bezogen.

Für das Nürnberger Modell aber legte man schon zu Beginn das Prinzip der Urwahl fest, während in einigen anderen Städten die Mitglieder des Ausländerbeirates vom Stadtrat ernannt wurden.

Da sich der Nürnberger Aufbruch zu einer gestaltenden kommunalen „Ausländerpolitik“ in einem breiten Konsens vollzog, titelte die Nürnberger Zeitung am 10. Mai 1973 euphorisch: „Nürnberg ist auf dem besten Weg zur ausländerfreundlichsten Stadt der Bundesrepublik zu avancieren.“ Und der Spiegel vom 4.6.1973 legte noch eins drauf, indem er unter der Überschrift „Gastarbeiter gegen die Leine“ sogar von einem „revolutionären Gremium“ sprach, was da aus der Taufe gehoben wurde.

Als erster Wahltermin wurde der 11. November 1973 festgelegt, bei dessen Vorbereitungen der Arbeitskreis seine Hilfe anbot. Unser Chronist Ottmar Jäger, damals noch Ingenieur bei MAN, sammelte Unterschriften in den Werkshallen und warb für Kandidaten. Dabei begegnete er dem Betriebselektriker und späteren Gründungsmitglied Ljubomir Dabovic, den er für die Liste der Jugoslawen gewinnen konnte.

Wie sehr der Arbeitskreis „Gastarbeiter-Mitbürger“ von einem bürgerschaftlichem Engagement ohne parteipolitisches Kalkül getragen war, zeigte sich in seiner stillen, unspektakulären Auflösung, nachdem der erste Ausländerbeirat gewählt war.

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3 Kommentare
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  1. Han Yen sagt:

    Lassen Sie es lieber mit den Begriffen „multikulturelle Stadtgesellschaft“. Der Diskursstar Multikulturalismus ist eine politische Strategie, die sehr gut als repressive Toleranz bezeichnet werden kann. Hegemonie wird im Multikulturalismus so organisiert, als ob es einen neutralen Staat gibt. Multikulturalismus ist eine polizeiliche Funktion des Staates nach kulturellen Identitäten zu fahnden, und sie dann mit Sozialarbeit, Förderschulen und sonstigen Befriedigungsstrategien zu narkotisieren.

    Die türkische Diaspora führt ein transnationales Leben, wo Grenzen durch die Familien und Communities gezogen wurden. Es ist besser sich zu fragen, warum sich diese transnationale Orientierung, sich nicht auch in der politischen Beteiligung umschlägt.

    An der Bildung transnationaler Öffentlichkeiten wie dem Weltsozialforum, attac, transnationaler NGO’s sind die Deutschländer kaum beteiligt. Deswegen können Deutschländer auch nicht aus der „Politik als Polizei“ Beziehung heraus treten. Die Politik der Nationalstaaten lässt sich nur mit einer transnationalen Öffentlichkeit sinnvoll kritisieren. Ausländerbeiräte & Integrationsräte erfüllen administrative Funktionen für den Verwaltungsapparat als Informationsbeschaffer.

  2. Danke Han Yen für Ihre kritischen Anmerkungen zum Begriff “multikulturelle Stadtgesellschaft”.
    Vorab: der von Ihnen verwendete Begriff „transnationale Öffentlichkeiten“ gefällt mir sehr gut, er muss sich aber nicht widersprechen mit unserem Verständnis von multikulturellen Gesellschaften, die dazu einen Ausgangspunkt bilden können (beyond belonging) – notwendig ist allerdings, dass diese vielen in den Städten beheimateten Kulturen (in Nürnberg werden ca. 150 Sprachen gesprochen) der immer wieder versuchten nationalen Umklammerung/Eingemeindung widerstehen (s. d. jeweilige muttersprachliche Presse, die politische und kulturelle Instrumentalisierung von Herkunft/Kultur durch Parteien, diplomatische Vertretungen/Konsulate etc. etc. etc.) – einige der Gründungsvater des Nürnberger Ausländerbeirats schildern uns eindrucksvoll, wie schwer dies – – die Herstellung einer „transnationalen Öffentlichkeit“ – gerade am Anfang war (u. letztlich noch heute ist) — es gäbe noch so viel anzumerken,…..

  3. Pirner Marina sagt:

    Ich habe eine persönliche Frage, denn ich habe früher in Alanya gewohnt und möchte später wieder in Alanya wohnen.

    Können Sie mir sagen wie viele deutsche Aussieder in Alanya leben und wie hoch die Einwohnerzahl der Stadt Alanya ist? (ohne Umkreis)

    Mit freundlichen Grüßen

    M. Pirner



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