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Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Bundestagswahl 2013

So haben Deutsch-Türken gewählt

Nach dem Willen der türkeistämmigen Wähler hätte die SPD bei den Bundestagswahlen 2013 die absolute Mehrheit und die Unionsparteien würden um den Einzug in den Bundestag kämpfen. Das zeigt eine repräsentative Post-Wahl-Analyse.

Würden in Deutschland nur Türkeistämmige an die Wahlurne gehen, hätten die Sozialdemokraten die absolute Mehrheit und keinen Koalitionspartner nötig. Die Unionsparteien hingegen müssten um den Einzug in den Bundestag zittern. Verkehrte Welt? Nicht ganz: Die FDP würde auch nach dem Willen der Türkeistämmigen die 5-Prozenthürde verpassen – deutlich. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von Data-4U im Auftrag der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) und des Zentrums für Migration und politische Wissenschaften der Hacettepe Universität in Ankara (HUGO).

Danach haben bei der Bundestagswahl 2013 rund 64 % der türkeistämmigen Wähler die SPD gewählt. Dies entspricht rund 425.000 Stimmen für die Sozialdemokraten oder rund 1 Prozentpunkt am Gesamtergebnis der SPD (25,7 %). An zweiter Stelle folgen die Grünen und die Linkspartei mit jeweils 12 % und die CDU/CSU mit etwa 7 %. Die BIG Partei haben 3 % der wahlberechtigten Türkeistämmigen gewählt. Die FDP ist unter den Sonstigen (2 %) zu finden. Ein Vergleich mit Umfrageergebnissen aus früheren Wahlen zeigt, dass die Grünen mit einem Minus von 17 Prozentpunkten die größten Verluste verzeichnen – zugunsten der SPD.

Große Unterschieden in den Ländern
Die Studie wurde als Post-Wahl-Analyse im Zeitraum 24. bis 30. September 2013 durchgeführt. Befragt wurden 2.244 Deutsch-Türken über 18 Jahre, von denen 1.002 über eine deutsche Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht in Deutschland verfügten. Gemäß der regionalen Verteilung türkischer Migranten wurde die Telefonbefragung primär in den alten Bundesländern durchgeführt.

Danach schwankt das Wahlverhalten der Türkeistämmigen in den einzelnen Bundesländern mitunter sehr stark. Der Stimmanteil der SPD schwankt zwischen 40 % (Saarland) bis 70 % (Bremen), die Grünen 4 % (Hamburg) bis 23 % (Bayern), die Linke 9 % (NRW) bis 27 % (SH), BIG Partei 0 % (Bremen) bis 40 % (Saarland).

Deutschland bestimmt Wahlverhalten
Die Wahlbeteiligung der Türkeistämmigen lag mit 70 % fast exakt auf dem Niveau des bundesweiten Durchschnitts. Allerdings gab es auch hier große Unterschiede in den Bundesländern. Die höchste Wahlbeteiligung wurde mit 79 % in Schleswig-Holstein erzielt, die niedrigste mit 65 % in Bayern.

Ausschlaggebend für das Wahlverhalten der Türkeistämmigen sind der Erhebung zufolge Entwicklungen in Deutschland. Einflüsse aus der Türkei spielen bestenfalls untergeordnete Rollen. Entsprechend haben die Unruhen rund um den „Gezi Park“ am Istanbuler Taksim Platz kaum Auswirkungen auf das Wahlverhalten gehabt.

Türken zu Hause in Deutschland
Ungeachtet dessen fühlen sich 70 % der Befragten als „Türkische-Muslime“, „Türkisch“, „Deutsch-Türkische-Muslime“ oder als „Türkisch-Deutsche“. Nicht einmal 1 % bezeichnet sich als „Deutscher“. Wie aus der Erhebung allerdings auch hervorgeht, fühlen sich 90 % der Befragten in Deutschland „zuhause“ und „integriert“, ohne „Deutsche“ zu sein – unabhängig von der Staatsbürgerschaft.

Würden in der Türkei Wahlen stattfinden, hätten der Umfrage zufolge 58 % der Türkeistämmigen in Deutschland die Partei von Premierminister Recep Tayyip Erdoğan (AKP) gewählt. Die Republikanische Volkspartei (CHP) käme auf 26 %, die kurdische BDP auf 5 % und die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) auf 4 %.

Deutschland rational, Türkei emotional
Wie aus der Erhebung weiter hervorgeht, verhalten sich Türkeistämmige bei ihrer politischen Wahlentscheidung in Bezug auf Deutschland eher „rational“, während die Wahlentscheidung in Bezug auf die Türkei primär von der Ideologie, dem Glauben und von Emotionen beherrscht wird. Das zeigt der folgende Vergleich: Die eher linken Parteien SPD, Grüne und die Linkspartei erhielten von den Türkeistämmigen bei der letzten Bundestagswahl insgesamt 85 % der Stimmen. Würden sie in der Türkei wählen, würden sie mit Mehrheit die AKP und damit eine konservative Partei wählen.

In Deutschland leben knapp über 3 Millionen türkischstämmige deutsche Bürger. Rund die Hälfte von Ihnen ist deutscher Staatsbürger und knapp 10 % haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Damit sind etwa 980.000 Türkeistämmige wahlberechtigt. Das entspricht einem Wählerpotenzial von ca. 1,5% der insgesamt 61,8 Millionen deutschen Wahlberechtigten. (es)

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2 Kommentare
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  1. Sebastian Wenz sagt:

    Eine Frage, die in der Diskussion mit Bekannten aufkam: Heißt der folgende Abschnitt, dass die berichteten Ergebnisse sich nur auf die 1002 mit Wahlrecht beziehen, oder auf alle? „Befragt wurden 2.244 Deutsch-Türken über 18 Jahre, von denen 1.002 über eine deutsche Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht in Deutschland verfügten.“

  2. Han Yen sagt:

    Die Studie ist mit Vorsicht zu interpretieren. Statisch weiß man nicht viel über Diversität in der türkische Diaspora, weil es verboten ist Daten zusammen zu führen in der amtlichen Statistik.

    D.h. man müsste für eine repräsentative Umfrage geschichtete Stichproben nach Gemeinden und Straßenzügen ziehen und Gewichten. Denn die türkische Migranten sind überwiegend Städter.

    Die Haushaltsstudie der Bundesbank ist gescheitert damit, valide Haushaltsdaten über die türkische Diaspora zu liefern – und dass obwohl diese Riesen-Studie im Rahmen der anderen EU Studien zur Haushaltssituation der Europäer orchestriert wurde. Daher existiert keine amtliche Statistik als Grundlage für die Berechnung der Gewichtungsfaktoren, um die Einflüsse des Einkommens, Geschlechtes, Alter, Bildungsstand, Einwanderungsalter, Migrationshintergrund etc. zu berücksichtigen. Daher würde ich sehr vorsichtig sein mit der Zuschreibung rationales Wahlverhalten der Deutschländer im deutschen parlamentarischen Betrieb.

    Das Auslandswahlverhalten der Deutschländer mit „emotional“ zu beschreiben klingt sehr seltsam. Zunächst sollte man die Einflüsse des Konsums türkischer Presse einberechnen, die Nutzungshäufigkeit der Dienste des türkischen Konsulates, Moschee-Besuch, Häufigkeit des Familienurlaubs in der Türkei etc. Es kann dann sein, dass durch die AKP die Interaktions-Erfahrung der Deutschländer mit den türkischen Staatsdiensten als positiv wahrgenommen werden. Dann wäre aber das Wahlverhalten rational.



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