MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Todenhöfer zum Syrienkonflikt

Obama müsste John Kerry nach Damaskus schicken statt Marschflugkörper

Assad sei – entgegen den Behauptungen der USA – zu Verhandlungen bereit, so Jürgen Todenhöfer im MiGAZIN Interview. Daran habe die US-Regierung aber kein Interesse. Dass es den Amerikanern im Mittleren Osten um Demokratie und Menschenrechte ginge, hält Todenhöfer für einen Mythos.

VONSaid Rezek

 Obama müsste John Kerry nach Damaskus schicken statt Marschflugkörper
Der Verfasser studiert Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Kassel und beschäftigt sich inhaltlich mit Fragen der Einwanderungsgesellschaft, speziell mit der Medienberichterstattung über Muslime.

DATUM10. September 2013

KOMMENTARE11

RESSORTAusland, Interview, Leitartikel

SCHLAGWÖRTER , , , , , , , , ,

Seite 1 2 3

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Und was kann der Westen in Ägypten tun, damit sich die Lage beruhigt?

Todenhöfer: Die Frage ist absurd weil sie eine Unterwürfigkeit gegenüber dem Westen zeigt, wie man den Mittleren Osten sieht, die nicht akzeptabel ist. Wir haben uns im Nahen Osten schon genug eingemischt. In dem Buch: „A Peace to end all Peace“ von David Fromkin wird gezeigt, wie das Osmanische Reich in kleine Stücke geschnitten und aufgeteilt wurde. Da sind künstliche Grenzen gezogen worden. Darunter leidet heute der gesamte Mittlere Osten. Da sind die Konflikte zwischen den verschiedenen Religionsgruppen im Libanon, Syrien und Irak begründet worden – aus ausschließlich machtpolitischen Gesichtspunkten.

Der Westen sollte sich also komplett heraushalten?

Todenhöfer: Der Westen hat immer zwei Möglichkeiten. Das eine ist, dass man Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vorlebt und nicht mit Füßen tritt. Die USA können Menschen fast weltweit, wenn Terrorverdacht gegen sie besteht, für Jahrzehnte verschwinden lassen, ohne dass sie jemals einem Richter vorgeführt werden. In Amerika gab es ein ganz hohes Prinzip, dass man nur töten durfte, wenn ein Richter das entschieden hat. Inzwischen sitzt Obama in seinem Sessel und notiert, welche Personen durch Drohnenangriffe im Jemen, Pakistan, Somalia, Afghanistan mit Drohnen getötet werden. Und wenn man Rechtsstaatlichkeit selbst nicht einhält, kann man Rechtsstaatlichkeit in anderen Ländern schwer durchsetzen. Die zweite Möglichkeit, die wir haben ist, dass wir versuchen, Verhandlungslösungen zu favorisieren, und da nimmt Amerika eine Sonderrolle ein.

Es geht in Syrien also nicht um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte?

Todenhöfer: Der Syrien-Konflikt findet auf mehreren Ebenen statt. Menschenrechte sind der letzte Grund.

Auf der Ersten führen die USA, Saudi-Arabien und Qatar in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran. Mit Assad soll Irans wichtigster Verbündeter in der Region ausgeschaltet werden. Auf der zweiten Ebene kämpfen extremistische Sunniten einen Konfessionskrieg gegen Alawiten und Schiiten. Auf der dritten Ebene gibt es eine Fortsetzung des Ost-West-Konfliktes. Auf der vierten Ebene – und das ist am wichtigsten – geht es um Macht.

Ich vertrete die These, dass die Amerikaner im ölreichen Nahen Osten überhaupt keine Demokratie wollen. Das wäre ja schrecklich, wenn es in Saudi-Arabien und Qatar und überall dort, wo es Erdöl gibt, alle vier Jahre eine neue Regierung geben könnte, die dann mit den Amerikanern neu verhandeln wollen würden. Das wäre wirtschaftlich gesehen eine Horrorvorstellung für die USA. Amerika will doch im Mittleren Osten keine Demokratie. Nein, sie wollen Kontrolle.

Welche Verantwortung tragen Deutschland und Europa für die Menschen in Syrien und den umliegenden Ländern, die aufgrund der Unruhen flüchten? Sollte Deutschland beispielsweise mehr Flüchtlinge aus diesen Ländern aufnehmen als nur 5.000?

Todenhöfer: Tendenz ja, aber das ist nicht die Lösung des Problems. Wir brauchen eine Friedenslösung, damit die Menschen nicht mehr fliehen müssen. Nach den Raketenabwürfen der Amerikaner werden aber noch mehr Syrer fliehen.

Worauf führen Sie die Proteste in Deutschland zurück, die gegen Flüchtlinge aus Syrien und anderen arabischen Ländern gerichtet sind?

Todenhöfer: Die, die protestieren, haben keine Ahnung, was diese Flüchtlinge durchmachen mussten. Die Flüchtlinge aus Syrien zum Beispiel sind wirklich in Not. In ihrem Land herrscht ein grauenvoller Krieg. Und das Recht auf politisches Asyl ist in unserem Grundgesetz festgeschrieben.

Zwei Fragen zum Abschluss: Was empfinden Sie, wenn Sie NSU Morde hören und welche Konsequenzen hätten Ihrer Meinung nach daraus gezogen werden müssen?

Todenhöfer: Schon der Name dieser Mordserie zeigt, dass man sich dieser grauenvollen Katastrophe nicht wirklich stellen wollte. Warum heißen die sogenannten NSU Morde, eigentlich nicht Immigrantenmorde, Türkenmorde oder Muslimmorde? Wir sollten die Dinge beim Namen nennen – auch die Verbrechen unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft.

Eine der Konsequenzen hätte sein sollen, dass man Hassreden jeder Art, gegen Ausländer, Minderheiten und Andersgläubige konsequenter ächtet, rassistische Bücher wie Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ zum Beispiel. Stattdessen wurde er damit zum Multimillionär. Viele halten sich für fortschrittlich, weil sie ihren Judenhass abgelegt haben. Aber sie haben ihn durch Antiislamismus ersetzt. Das ist genauso schlimm.

Herr Todenhöfer, vielen Dank für das Gespräch.

Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

11 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. aloo masala sagt:

    Gutes Interview. Danke.

  2. Amadeus sagt:

    Ein sehr aufschlussreiches Interview. Es sollte tatsächlich jede Gelegenheit genutzt werden, die seit 2 Jahren andauernde Katastrophe zu beenden ohne dabei den Verursacher von der Verantwortung der 200.000 ermordeten Menschen freizusprechen. Bei dem Interviewten den rational handelnden Menschen zu betonen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er bereit ist Millionen für seine Macht und seine Clique zu opfern. Nennen wir es beim Namen. Den Opfern dieser Katastrophe sind wir es schuldig. Er ist und bleibt ein mörderischer Tyrann.

  3. Lynx sagt:

    Wirklich schade, daß Jürgen Todenhöfer nicht Bundeskanzler oder -Präsident ist!
    Es scheint tatsächlich so, daß den meisten Syrern ein Basschar al-Assad, der Schritte in Richtung Demokratie zuläßt, gegenüber einer Diktatur der Extremisten der Nusra-Front das kleinere Übel ist. Die Mehrzahl der sunnitischen Syrer ist nicht sehr streng religiös und folgt der traditionellen Ausrichtung des Islams. Sie möchten nicht, daß – wie unter den Taliban in Afghanistan – Musikhören verboten ist, die Frauen gezwungen werden, sich ganz zu verhüllen usw. Viele der traditionell Religiösen neigen der mystischen Richtung des Islams (Sufismus) zu, die von den Salafiten als „Irrweg“ angesehen wird, und in Saudi Arabien sind und unter den Taliban in Afghanistan waren Versammlungen der Sufis verboten.
    Das Problem sind nicht nur Präsident Assad, seine Familie und die Sekte oder Volksgruppe der Alawiten allein, sondern die nationalsozialistische säkularistische Baath-Partei, durch die sie an die Macht gekommen sind und die den ganzen Staatsapparat korrumpiert hat. Nach dem islamischen Erwachen in den meisten Ländern der Islamischen Welt vermögen der arabische Nationalismus und dessen leere, abgedroschene Parolen kaum noch jemanden zu begeistern. Bei einer wirklichen Demokratisierung und freien Wahlen würde die derzeitig regierende, einzig zugelassene Partei vermutlich keine Mehrheit bekommen, sondern in der Versenkung verschwinden.

  4. Soli sagt:

    @Lynx – es war mit nichten ein „islamisches erwachen“ in der islamischen Welt. Viel mehr war es doch so das freie, und oftmals eher säkulare Kräfte, die Auslöser waren – und denen dann die „Revolution“ von den Islamisten „gestohlen“ wurde.

  5. Marie sagt:

    Ein ganz hervorragendes Interview, dass die Verlogenheit, moralische Verkommenheit und fehlende Rechtsstaalichkeit der westlichen Kriegstreiber auf den Punkt bringt.

  6. aloo masala sagt:

    @Amadeus

    Die Verantwortung an den 100.000 getöteten Menschen in Syrien trägt nicht Assad allein. Mitverantwortlich sind auch ausländischen Söldner und Jihadisten, die mit Waffen und Geld von Partnern der USA unterstützt werden. Den Terroristen geht es nicht um eine Demokratisierung Syriens und auch nicht um das Wohlbefinden der syrischen Bevölkerung, sondern sie verfolgen religiöse, ethnische und auch ausländische Interessen.

    Die Unterstützung der Aufständischen durch Katar, Saudi Arabien und die Türkei ist ein krimineller Völkerrechtsbruch. Diese Staaten, die auf diese Weise einen Bürgerkrieg befeuern, der 100.000 Tote erst möglich macht, sind allesamt Partner der USA. Das heißt, auch die USA hat nichts gegen das Abschlachten der syrischen Bevölkerung einzuwenden. Im Gegenteil, es kommt ihren strategischen Interessen entgegen.

    Denn was für Optionen hat die USA? Im Fokus der US-Interessen steht der Iran. Ein Sieg für Assad wäre ein Sieg für den Iran und auch ein Sieg für die schiitische Hisbollah in Libanon. Der Iran ist bereits als lachender Dritter als Sieger aus dem Irak-Krieg hervorgegangen. Er würde seine Position in der Region festigen. Das ist keine Option für die USA.

    Die andere Option wäre, dass Assad gestürzt wird. Das ist aber auch keine Option. Denn die kampftstärksten Truppen der Aufständischen sind islamistische Extremisten. Eine syrische Regierung, die von der Al Nusra oder/und Al Qaeda geführt wird, ist sowohl den USA als auch Israel feindselig eingestellt und zugleich eine ernsthafte Bedrohung für Israel.

    Die beste Option für die USA und auch für Israel ist, dass sich die Araber in Syrien möglichst lange gegenseitig abschlachten. Denn damit sind eine Reihe von Feinden Israels und der USA in einem Konflikt involviert und die Hände gebunden, der kaum Raum für andere Operationen lässt. Das sind u.a. Assad selbst, die Hisbollah und der Iran auf der einen Seite und die islamistischen Terroristen auf der anderen Seite. Das der Konflikt nun zwei Jahre dauert, scheint diese Einschätzung zu bestätigen.

    Unter diesem Lichte wissen wir, wer noch die syrischen Toten zu verantworten hat.

  7. Amadeus sagt:

    @alo Masala,

    Projektionsfläche: Syrien und der Internationaler Terrorismus in den letzten 50 Jahren.

  8. […] Konflikt finde auf mehreren Ebenen statt, sagte Todenhöfer dem “Migazin”. “Auf der Ersten führen die USA, Saudi-Arabien und Katar in Syrien einen Stellvertreterkrieg […]

  9. […] TL bis zum Ende des Jahres jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit stabil auf 2 Dollar. Sollte es aber in Syrien zu einer Intervention kommen, wäre die türkische Lira sogar über der 2,10-Dollar-Marke denkbar. Findet man hingegen bis […]

  10. Songül sagt:

    Immer wieder schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die fernab von medialer Vernebelung die klare Sicht behalten …

    Danke für das Interview.


Seite 1/212»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...