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Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Demografie

„Den Status Quo zu halten, ist eine riesige Herausforderung“

Im Interview erklärt der renommierte Demograf Prof. Thomas Büttner, warum das Bevölkerungswachstum nach den jüngsten Prognosen der UN höher ausfällt als bisher angenommen, warum Frauen in Industrieländern bald schon wieder etwas mehr Kinder bekommen könnten und warum die Prognosen trotz robuster Rechenverfahren keine sicheren Vorhersagen darstellen.

VONReiner Klingholz, Ruth Müller

DATUM16. Juli 2013

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RESSORTAktuell, Interview

QUELLE Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

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Viele der Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum finden sich zurzeit in Afrika. Würde die Fertilitätsrate dort schneller sinken, wenn der Kontinent auf denselben Entwicklungspfad wie Asien oder Lateinamerika käme?

Büttner: Da bin ich relativ sicher. Modernisierung beschleunigt diesen Prozess. Die Reduzierung der Kinderzahl wird nicht nur durch ökonomische Faktoren oder Bildung beeinflusst. Zeitverläufe und Massenmedien spielen eine Rolle. Besonders aber geht sie mit einer veränderten Lebensweise einher, die durch eine bezahlte Erwerbstätigkeit befördert wird. Das zeigen alle Länder, die den Übergang schon hinter sich haben und das zeigt sich bereits in den großen Städten Afrikas. Sicher bin ich mir allerdings nicht darüber, wie ein solcher Modernisierungsprozess in Afrika erfolgreich zustande kommen kann. Das ist eine große Herausforderung.

Gibt es ein Beispiel für ein afrikanisches Land, das den demografischen Übergang begonnen hat und auf geradem Wege durchzumarschieren scheint?

Büttner: Mir ist kein Beispiel bekannt. Das hat auch ein wenig damit zu tun, dass die politischen Eliten der afrikanischen Länder zunächst gar nicht begeistert von der Idee waren, das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Bei einigen Entscheidungsträgern herrschte die Meinung vor, dass Afrikas demografische Antwort auf AIDS im großen Bevölkerungswachstum liege. Angeblich ist jetzt der Ernst der Lage aber in einzelnen Ländern angekommen.

Während die UN einen Rückgang der Fertilitätsraten für die afrikanischen Länder prognostizieren, gehen sie davon aus, dass die Kinderzahl pro Frau in den hoch entwickelten Ländern wieder steigt. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür?

Büttner: Es gibt drei Gründe für diese Prognose. Der erste ist theoretisch: Untersuchungen zeigen, dass ein demografisches Regime, das eine Fertilitätsrate zwischen 1,85 und 2,2 Kindern pro Frau aufweist, von einer Gesellschaft am leichtesten zu handhaben ist. Solch ein Land befindet sich in einem Gleichgewichtsbereich, in dem es sich auf andere Dinge konzentrieren kann. Deshalb wird ein solches Idealmaß am Ende des demografischen Übergangs erwartet. Aber bisher ist das Gleichgewicht noch nicht eingetreten. Trotzdem gibt es zunehmend empirische Beweise dafür, dass dieses Idealmaß erreicht wird: Immerhin wurden in 25 Ländern, nachdem sie einen Tiefpunkt ihrer Fruchtbarkeit erreicht hatten, Anstiege beobachtet. Der zweite Grund für die prognostizierte Steigerung der Fertilitätsrate ist also empirischer Art. Es gibt auch keine vernünftigen Gründe für eine sehr niedrige Fertilitätsrate. In Niedrigfertilitätsländern können viele Menschen das Idealmaß durchaus leben. Manche können es aber gar nicht. In Deutschland etwa ist die Kinderlosigkeit das große Problem und nicht so sehr die Kinderzahl. Die Ursachen sind nicht per se biologisch. Die Kinderlosigkeit hierzulande hat damit zu tun, wie das Leben eingerichtet wird. Der dritte Grund für die Prognose ist ein technischer. Die UN gehen davon aus, dass ein Verschiebungsprozess zu den niedrigen Fertilitätsraten geführt hat. Die Geburt von Kindern verlagerte sich also nach hinten. Wenn dieser Effekt aufhört, führt das zu einer Erholung der Fertilitätsrate.

Das ist bislang aber Theorie. Die abgeschlossenen Fertilitätsraten gehen alle nach unten. Und wenn die Frauen die Geburt nach hinten verschieben, kommen die Kinder später. Spätere Kinder haben den gleichen Effekt wie eine niedrige Fertilität. Zwei Kinder pro Frau im Alter von 40 Jahren haben den gleichen Effekt wie ein Kind pro Frau mit 20 Jahren.

Büttner: Ja, das stimmt. Die Generationen liegen weiter auseinander. Das Beste für Deutschland wäre es, wenn man die Bevölkerung stabil halten würde. Dafür müssten die Kinder möglichst früh kommen. Dann holt man auf. In Deutschland sind wir aber im Moment bei einem Durchschnittsalter bei der Geburt von über 30 Jahren angelangt. Das ist nah an der natürlichen Grenze. Der von den UN prognostizierte Verschiebungsprozess ins höhere Alter hat also seine Grenzen. Wir haben vor zehn Jahren eine Kohortenanalyse gemacht. Da konnte man zeigen, dass die 1,8 Kinder eigentlich die gelebte Lebenswirklichkeit der Frauen in den 1980er Jahren war – also gar nicht so unmodern. Die 1,8 Kinder pro Frau, zu denen die hoch entwickelten Länder laut Prognose tendieren, sind nichts Verrücktes. Der Unterschied zwischen 1,6 und 1,8 ist verschwindend gering für die Menschen.

Wenn der Höhepunkt am Ende des Jahrhunderts mal erreicht ist und alle Länder im Schnitt auf das Ideal von 1,8 kämen, was würde dann langfristig passieren?

Büttner: Dann wird nicht nur die Weltbevölkerung, sondern auch die Bevölkerung in diesen Ländern zurückgehen. Und das hat Folgen. Wir haben im Jahr 2002 mit der damaligen durchschnittlichen Kinderzahl von rund 1,4 Kindern pro Frau berechnet, was passieren würde. Entsprechend dieser Prognose hätte die Bundesrepublik im Jahr 2300 noch drei Millionen Einwohner. Der Bevölkerungsrückgang wird auf lange Sicht nicht billig werden. Wir sehen das schon jetzt bei der Rente, die nicht mehr gesichert ist. Der Rückgang ist nicht nur eine Einsparung. Es ist auch eine Menge Aufwand notwendig, um mit weniger Menschen auszukommen.

Im Moment beschränkt sich die Methodik ausschließlich auf Annahmen zur Fertilität, Mortalität und Wanderung. Gibt es Überlegungen, andere Indikatoren einzubeziehen? Das International Institute for Applied Systems Analysis in Wien macht das, indem es Bildung zugrunde legt. Man könnte etwa annehmen, die Nutzung moderner Medien ginge einher mit dem Rückgang der Fertilität. Gibt es Überlegungen, die das einzubeziehen?

Büttner: Die gibt es immer wieder, doch sie werden regelmäßig verworfen. Die bekannten praktischen Beispiele haben bisher nicht zu besseren Prognosen geführt. Denn den erklärenden Prozess, die unabhängige Variable, muss man auch projizieren: Dazu muss man ebenfalls Annahmen treffen – und im Falle der Vereinten Nationen für jedes Land. In manchen Ländern müsste man erst einmal bestimmen, wann bestimmte Technologien überhaupt eingeführt werden. Die gibt es dort noch gar nicht. Insofern ist das schwierig.

Die Prognosen wurden im Laufe der Zeit immer wieder methodisch erneuert. Was hat sich getan und warum?

Büttner: Man hat bei der Formulierung der Projektionsannahmen der UN bereits versucht, die Formulierung robuster zu machen, indem man nicht die Zahl der Geburten projiziert oder die Fruchtbarkeit selbst, sondern die Rate der Veränderung. Je weiter man in die Differenzen kommt, desto stabiler können Prozesse werden. Für Fruchtbarkeit und Sterblichkeit werden heute außerdem in einer Vorstufe probabilistische Projektionen berechnet, die eigene Erfahrungen und die anderer Länder mit einbeziehen. Durch diese Methode sind Verfälschungen seltener geworden. Auch die mittlere Variante wurde früher deterministisch mit einem Modell berechnet. Heute rechnet man 60.000 Mal die Projektion für jedes Land und verwendet schließlich den Medianwert daraus. Und, man glaubt es nicht, doch es ist so: In 90 Prozent der Fälle stimmt das relativ gut mit den Dingen überein, die vorher mechanisch gemacht wurden.

Wie verfahren die UN denn mit ihren Daten? Machen sie manchmal Stichproben oder vertrauen sie blind auf das, was aus den Ländern gelieferten wird?

Büttner: Nein. Grundsätzlich gibt es kein blindes Vertrauen. Wir nehmen zwar alles, was wir kriegen können. Aber wir versuchen, alle Informationen durch das Hirn eines Demografen zu drehen. Die Demografie ist damit begnadet, dass sie nur wenige Faktoren hat: Geburten, Sterbefälle und Migration. Das heißt, man kann recht schnell feststellen, ob die Daten stimmen. Wir haben erlebt, dass ein arabischer Staat einen Zensus erhoben und eine neue Bevölkerungszahl herausgegeben hat. Aber die bereitgestellten Daten wiesen die exakt gleiche Altersstruktur wie vor zehn Jahren auf. Das heißt, dort hat sich irgendjemand eine Totalzahl ausgedacht und multipliziert mit der prozentualen Altersverteilung beim letzten Zensus. Man kann aber nicht die gleiche Altersstruktur sehen, da die Leute alle zehn Jahre älter geworden sind. Solche Dinge kriegen wir raus. Für die Datenprüfung wenden wir die meiste Zeit auf.

Das Interview führten Dr. Reiner Klingholz und Ruth Müller

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Ein Kommentar
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  1. Lynx sagt:

    Was hier überhaupt nicht erwähnt wird, ist der Einfluß der Religion auf die Kinderzahl. Nach einer Untersuchung neigen Familien mit größerer Bindung an ihre jeweilige Religion (in die Unterschung einbezogen wurden die drei großen Offenbarungsreligionen: Islam, Christentum und Judentum) eher zu einer größeren Kinderzahl, da sie es von ihrer Religion her als verdienstlich ansehen, möglichst viele Kinder zu bekommen und aufzuziehen, während überwiegend säkularistisch ausgerichtete Angehörige der Religionsgemeinschaften und Atheisten meistens ihr Ego in den Vordergrund und über religiöse Erwägungen stellen und Kinder als für das Ausleben ihrer eigenen Wünsche und Lebensvorstellungen als hinderlich ansehen. Diese die Kinderzahl beeinflussende Einstellung ist laut der Studie weitgehend unabhängig von sozialem Status und Bildungsgrad.



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