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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Kino

La Pirogue – ein Film von Moussa Touré

Siebzehn Uhr. Kino in den Hackeschen Höfen von Berlin. Moussa Touré erhebt sich. Er hat die Sonntagsreden abgesessen, nun ist es an ihm, etwas zu seinem Film zu sagen. Er hat Schneid, das sieht man sofort, und Ausdauer hat er auch.

VONJamal Tuschick

 La Pirogue – ein Film von Moussa Touré
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM5. Juni 2013

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Fünf Jahre gingen in den Senegal, bis „La Pirogue“ in Berlin ins Kino kommen konnte. Touré erinnert daran, dass in den letzten Jahren fünftausend Westafrikaner beim Versuch, der Armut über den Atlantik zu entkommen, den Tod fanden. Im Kern ist das die Geschichte, die „La Pirogue“ erzählt.

Junge Leute aus dem Senegal und aus Guinea vertrauen ihr Leben den nautischen Fähigkeiten eines „Kapitäns“ und dem technischen Standard einer Piroge an – und geraten bald in Seenot. Doch bis dahin sieht man Dakar im Spiegel des Alltags einer Familie. Der Mann betreut Ringer, die zum Verlieren tendieren, er selbst erscheint zwischen muskulös und melancholisch und auch sonst hin- und hergerissen. Die Mutter aller afrikanischen Fragen lautet dem Vernehmen nach: Should I stay or should I go? – Devrais-je rester ou bien devrais-je partir? Wie gesagt, seine Ringer bringen es nicht, der jüngere Bruder raucht Gras zu musischen Flausen, zu ernähren sind ferner Frau und Kind.

Unser Held geht schließlich zu dem Mann, der in Dakar die Fäden der Flucht zieht. Man hat nur auf ihn gewartet, so groß ist das Vertrauen in eine Verbindung von Nachdenklichkeit und Kraft. Ein denkendes Kraftwerk: das ist Leye Beye, um seinem Gesicht auch einen Namen zu geben. Sein Vater war Fischer und das Meer seine Heimat wie in der alte Mann und das Meer und so wie bei B. Traven. Eine blinde Passagierin schmuggelt sich an Bord, ein Huhn ist mit von der Partie, einem Verrückter ergeht es wie Troubadix. Stämme treffen aufeinander und essen getrennt. Die Frau unter Männer hat Aussicht auf Arbeit in Paris, der Verrückte hat das Huhn als Haustier, jemand fehlt eine Prothese für kein Bein. Unser Held hält Tag und Nacht Kurs, sein kleiner Bruder Abou wird immer mehr verlässlicher Gefährte, der Roman dieses Films kennt keine Überraschungen und packt trotzdem.

Die Reisenden nach Europa passieren ein treibendes Boot, auf dem gestorben wird. Sie fahren an ihrem Schicksal vorbei. Sie überlassen die Verdurstenden dem Durst und sich der Depression. Ein großer Fisch bringt als Fang Freude, Spanisch lernen bringt übrigens Unglück. Ein Motor fällt aus, ein Sturm fällt ein. Das Boot läuft voll, Europa winkt mit dem Roten Kreuz. Am Ende ist alles vergeblich, da hilft kein Voodoo. Man sieht in leere Gesichter der Überlebenden und man sieht Dakar bei Nacht.

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