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Theater

Wie tanzt man ein Vorurteil?

Kultursprünge zu Meeresgrundgeräuschen im Ballhaus Naunynstraße – Eine optimistisch stimmende Augenweide von Modjgan Hashemian

VONJamal Tuschick

 Wie tanzt man ein Vorurteil?
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM31. Mai 2013

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Ausführlichkeit und Zuspitzung kann jeder, aber wie tanzt man ein Vorurteil? Das weiß ich nach einem Besuch der alten Dame „I love I“ im Berliner Ballhaus Naunynstraße. „I love I“ – dieser die Eigenliebe anzeigende Titel eines Tanzstücks von Modjgan Hashemian führt in die Irre. Die deutsch-iranische Choreografin rückt „I“ an die Stelle einer Identität, die sich in Frage gestellt sieht von einer anderen. Einem anderen „I“ – wie Israel. Sie wirft die Motoren der Feinschaft im Verhältnis der Staaten Iran und Israel an und gibt im Leerlauf der Gegnerschaft Gas.

Getanzt wird das von einem israelischen und einem iranischen Paar zu Meeresgrundgeräuschen und vielen Anspielungen auf entweichende Luft. Auf der Ballhausbühne sind Shiran Eliaserov & Kaveh Ghaemi so wie Michael Shapira & Maryam Zaree zu bewundern. Sie äußern sich in einem apokalyptischen Aufbau zu einer mitspielenden Lichtchoreografie. (Auch das Licht tanzt.)

Tickets für den vorerst letzten Auftritt im Ballhaus Naunynstraße gibt es hier. Weitere Infos zum Stück finden Sie hier.

Man denkt bei abstrakter Artistik zuerst immer an in der Schwebe gelassenem Sinn und einer Ambiguitätsproduktion. Doch hier gelingt eine Verwandlung von Bewegung in Zeichen, die konkret ist. Die Sprache der Körper wird vernehmbar wie im Vortrag. Die Verständigung bleibt Störungen ausgesetzt, die Tänzer stutzen und verwahren sich zum Schutz ihrer Identität – und gehen dann doch ins Offene der Verständigung als einer Möglichkeit, die im Tanz „gedacht“ wird. Ein Witz findet Verbreitung, er geht so: „Die Zeit der Bomben ist perdu, wir leben in Zeiten des kulturellen Austauschs“.

Zur Konzept der Inszenierung gehört die Dokumentation lebensfeindlicher Wirklichkeit: „The holder of this passport is not entitled to travel to the occupied Palestine.“ – Die Reise in das besetzte Palästina ist dem Halter dieses Passes verboten. So sieht staatsbürgerliche Realität für Iraner seit der islamischen Revolution von 1979 aus. „Landen Sie trotzdem in Tel Aviv können Sie sich nur auf Schikanen verlassen“, sagt die Choreografin in ihrem sehr sehenswerten Stück.

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