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Liga der Verdammten

Der Fußballplatz als gesellschaftliches Minenfeld – und so auch Mienenspiel

Imran Ayata und Neco Çelik pfeifen ihre „Liga der Verdammten“ auf der Bühne des Kreuzberger Ballhauses Naunynstraße – Die Uraufführung an diesem Freitag, 10. Mai 2013, 20 Uhr

VONJamal Tuschick

 Der Fußballplatz als gesellschaftliches Minenfeld – und so auch Mienenspiel
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM8. Mai 2013

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„Die Großen Krieger zogen in den Krieg/ eroberten unser Herz, mit ihrem stolzen Sieg/ Wir wussten nicht wie sie kämpften/ begnügten uns mit den Ergebnissen“. Aus „Die Ballade von der Liga der Verdammten“

Ein Feuer in den Farben des Smaragds droht im Drama um Türkiyemspor, das an diesem Freitag auf der Bühne des Ballhauses Naunynstraße Premiere haben wird. Der Verein begann 1978 spielerisch als „Kreuzberg Gençler Birliği“. Nach seiner ersten Umbenennung hieß er BFC İzmirspor. In der Saison 1983/84 trat BFC İzmirspor in der C-Klasse der Berliner Amateurliga an und wurde gleich Meister. 1987 erhielt der Verein als Landesligist seinen gültigen Namen – „Türkiyemspor Berlin e. V. – und qualifizierte sich für die Oberliga. Er spielte um den DFB-Pokal. – Wahrgenommen von seinen Anhängern als més que un club-Barca à la Berlin. Der Club schrammte an der Insolvenz vorbei und rettete die Wale. Er sprach sich gegen Homophobie im Fußball aus. So grün und quer.

„Liga der Verdammten“ nennen Imran Ayata und Neco Çelik ihr surreales Spiel zwischen Vereinswirklichkeit und einem Zukunftsvokabular der Migration und ihrer Verzweigungen. Sie entwickeln das Stück auf einer Basis von Interviews mit Türkiyemspor – Aktivisten in monologischer Verdichtung – gemeinsam mit Nora Haakh. Die Zeit der Proben nutzten sie, die Ballhaus-Dramaturgin für Fußball zu fanatisieren. Während die Herrn Autor und Regisseur ihre Modulationen vor jedem kanakischen Anlaut behüten, schlägt bei Nora Haakh die sprachliche Mimikry mitunter durch.

Wir sitzen im Ballhaus-Garten, das ist so ein avancierter Hinterhof. Typisch Kreuzberg. – Und dann doch schon wieder ein bisschen zu schön für wahr.

„Wir steigen mit dem hymnischen Moment ein“, verkündet Nora Haakh. Soll heißen: zwischen Foul und Freistoß. In der Spärlichkeit des Frühsommers nennt Nora Haakh, ihre Hände schöpfen grandios aus der Luft, „Ballsport auf der Bühne eine Möglichkeit“, die volle Breitseite des Basalen abzufeiern. Doch sei „der Bums drumherum die eigentliche Sensation“.

Fußballer sind dem Vernehmen nach „auch die schnelleren Schauspieler, siehe Schwalben.“ In der „Liga der Verdammten“ wiederhole sich die Theatralik auf dem Platz mit den Mitteln des Theaters. Neun Schauspieler und ein Musiker werden über die volle Distanz von neunzig Minuten gehen, auch wenn der Ballhaus-Elf ein Mann fehlt. Mit Friederike Harmsen spielt zum Ausgleich eine Opernsängerin mit. Ansonsten sind Leute dabei, denen „das weiße Theater“, so sagt es Nora Haakh, die rote Karte schon gezeigt hat, bevor sie erst gar nicht auf den Platz gelassen wurden. Schließlich kann man nicht vorsichtig genug sein.

„Vorsichtig sind wir nicht“, verspricht Neco Çelik. „Es sind schon Drohungen eingegangen.“

Man erwartet hübsche Abbilder der Realität und fürchtet längst, enttäuscht zu werden.

„Das ist doch alles Wahnsinn“, diktiert Neco Çelik. „Wir machen Anti-Dokumentationstheater.“

Tickets: Liga der Verdammten, Eine Stückentwicklung von İmran Ayata und Neco Çelik, Uraufführung 10. Mai 2013, 20 Uhr; Vorstellungen 12.–15., 17.–19., 23. und 24. Mai 2013, 20 Uhr. Weitere Infos gibt es hier.

„Es geht um Kreuzberg“, beschwört der Frankfurter Imran Ayata den von Kondensstreifen geteilten Himmel über Berlin. – „Um die Droge des Leidens, um Ruhm, Ruin“ und Raki ohne Punkt auf dem i. – Um die Geschichte der Einwanderung am Beispiel des Clubs – für den der Deutsche Fußballbund einst den Sondermann „Fußball-Deutscher“ erfand. – Zu einer Zeit als nicht mehr als zwei Ausländer in einer Profi-Mannschaft spielen durften.

Es geht um soziale Mutationen, die noch keiner auf den Begriff bringen kann, obwohl alle sie auf dem Schirm haben. Vor der Soziologie kommt das Theater als ein Format der Annäherung an Verhältnisse, die noch nicht Wort für Wort kodifiziert sind. Ja, sämtliche Erwartungen sollen unterlaufen werden in dieser „Liga der Verdammten“. Darauf muss man unbedingt gespannt sein. Das kann nur unheimlich gut werden.

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