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Deutsch-Türkische Akademiker

Ach Deutschland, ich bin dann mal weg

Erstklassig ausgebildet und trotzdem keinen Job: Deutsch-Türkische Akademiker finden nur schwer Arbeit in Deutschland. Notgedrungen gehen viele von ihnen in das Land ihrer Eltern zurück. Für Deutschland ein verheerender Braindrain.

VONPatricio Farrell

 Ach Deutschland, ich bin dann mal weg
Der Verfasser arbeitet als freier Journalist für verschiedene Medien und promoviert in numerischer Mathematik.

DATUM5. April 2013

KOMMENTARE53

RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Müge Yücel hat es getan. Irgendwann nach hundert Absagen war Schluss. Sie packte ihre Koffer und zog von Deutschland in die Türkei, das Land ihrer Eltern. Diesen Schritt hatte sie so nie für sich gewollt. Im Gegenteil: Gerne wäre sie geblieben, um in dem Land, in dem sie sich heimisch fühlt, zu arbeiten, eine Familie zu gründen, alt zu werden.

Die besten Voraussetzungen dafür bringt Yücel eigentlich mit. Gleich zwei Master-Titel aus den USA in „International Management“ und „International Finance“ schmücken ihren Namen, gefragte Ausbildungen in der Finanzbranche. Mühelos findet sie sich in drei Kulturen zurecht – der deutschen, der türkischen und der amerikanischen. Und trotzdem: Auf weit über hundert Bewerbungen erhielt sie nicht eine einzige Zusage.

Das Future-Org Institut in Krefeld warnt schon seit mehreren Jahren, dass Deutschland gut ausgebildete und dringend benötigte Talente verprellt. Knapp die Hälfte der deutsch-türkischen Akademiker denkt darüber nach, Deutschland in Richtung Türkei zu verlassen.

Keine freiwillige Auswanderung
Nach ihrer Ausbildung in den USA folgten für Yücel in Deutschland Jahre der erzwungenen Selbstständigkeit und immer wieder unverhohlener Rassismus. „Mein schlimmstes Erlebnis war, als ein Personaler mir ins Gesicht sagte, dass ich als türkische Frau eigentlich gebären müsse“, sagt Yücel ohne große Gefühlsregung heute. Frau und Türkin, das heißt doppelt diskriminiert zu werden.

Volkan Callar ist zwar ein Mann, hat aber ähnliches durchlebt. Der studierte Betriebswirt aus Hagen arbeitet heute als Marketing-Manager in Istanbul. Auch er wäre gern in Deutschland geblieben. Er vermisst seine Freunde, die Ruhe, die sauberen Straßen. Doch Arbeit fand er in Deutschland auch nicht. Durch die Blume erhielt er Absagen, die sich nicht mit seinen akademischen Leistungen erklären ließen. In Istanbul eröffnen sich ihm zwar als Vermittler zwischen zwei Kulturen ganz neue Karrieremöglichkeiten. Und trotzdem sagt er: „Freiwillig bin ich nicht ausgewandert“.

Hier berichten Müge Yücel und Volkan Callar von ihren Erlebnissen:

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53 Kommentare
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  1. Christine sagt:

    Ich arbeite direkt unter der Geschäftsleitung (>200 Mitarbeiter) und wir bekommen oft Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund. Nebst türk. Herkunft bekommen wir auch Bewerbungen von Menschen mit Hintergrund aus Afrika, Russland und China. Meine allgemeine Erfahrung: Die Russen haben oft die schlechtesten Bewerbungsfotos (meist mit eigener Digitalkamera zu Hause aufgenommen) – sofort eine Absage. Die Afrikaner schicken meist bis zu 10 Seiten zusammengepresste englische CVs (Times New Romain, 10pt, kein Zeilenabstand). Bei über 100 Bewerbungen, fliegen diese Bewerbungsunterlagen zuerst raus (egal welche Herkunft). Bei den Chinesen fällt mir auf, dass die Lebensläufe 0 Design haben (einfach nur s/w, meist mit Tabulatoren und Word gearbeitet) – auch schlecht gestaltete CVs fliegen bei uns raus – das ist für uns ein Signal, dass jemand kein Gefühl für Präsentationen hat (auch hier: Herkunft ist egal).

    Und nun zu den mit türk. Herkunft: Da sehe ich zufällig, fast 80% der Lebensläufe kann man nach dem ersten Blick ebenfalls vergessen. Die machen oft viele Rechtschreibfehler (meist Flüchtigkeitsfehler), obwohl viele eigentlich gebürtige Deutsche sind. Wenn ein CV Fehler hat, fliegt es auch raus. Fehlerfreier Lebenslauf wird erwartet.

    Wir haben trotzdem einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigt, denn es gibt auch Menschen, die wissen, wie man sich richtig bewirbt.

    Um es auf den Punkt zu bringen: Nationalität und Herkunft spielen gar keine Rolle. Die Bewerbungsunterlagen sind oft einfach super schlecht. Übrigens: Ich habe hier Bewerber mit Dr.-Titel, Auslandsstudium und 5 Sprachen und perfekten Voraussetzungen, die aufgrund der schlechten Bewerbung direkt wieder aussortiert werden. Ich denke dabei folgendes: Ziemliche Selbstüberschätzung nach dem Motto: „Ich bin gut ausgebildet und klug, ich brauche keine Beratung, wie man eine gute Bewerbung schreibt“.

    Wenn ich das hier lese, denke ich nur an eins: Was für eine schlechte Bewerbung muss diese „Yücel“ doch haben. Ich kann mir doch schon genau vorstellen, wie das aussieht. Von wegen „beste Voraussetzungen“. Bei 100 Bewerbungen kann mir keiner erzählen, dass da alles in Ordnung sein soll. Mit Herkunft hat das doch nichts zu tun.

  2. Nayla sagt:

    @ Christine, sie schreiben in ihrem Beitrag: „Nationalität und Herkunft spielen gar keine Rolle“, komisch kategoriesieren sie doch in ihrem Kommentar wo es geht. Nun ja, sie sehen es mir nach, dass ich ihren Beitrag zu der Debatte nicht wirklich ernst nehmen kann. Wie bewerben sich den die Bio-Deutschen?:-)

  3. Alfred B. sagt:

    Habe auf Google folgende Internetseite von Müge Yücel gefunden:
    mugeyucel.com
    Von der Biographie her müsste es passen!

    Nun gut, das Design ist jetzt nicht das allerbeste, aber die Skills sind doch eigentlich außerordentlich gut. Für mich eigentlich unverständlich, dass so jemand keinen Arbeitsplatz in Deutschland findet!?

    Ich glaube das liegt hauptsächlich daran, dass man in Deutschland den Menschentypus Arbeitssklave sucht. Yücel (falls sie es ist) sieht nicht aus, wie eine die sich für ein Hungerlohn abspeisen lässt und das war wohl das Problem.

  4. Jo sagt:

    Wie auch Nayla schon schreibt, kategorisiert Christine nach Herkunftsländern um im nächsten Satz dann zu schreiben, dass Herkunft ja keine primäre Rolle spielen würde! Wie passt das zusammen?
    Christine, die nach eigenen Aussagen direkt unter der Geschäftsleitung arbeitet, beweist mit ihrem Geschriebenen nur einmal wieder wie stark formalisiert doch der deutsche Arbeitsmarkt ist! Nicht der Mensch mit seinen Kompetenzen steht im Vordergrund, sondern Bewerbungsfotos, Schriftarten oder sonstige unwichtige Dinge. Das ist traurig und somit kein Wunder, dass immer mehr hochqualifizierte Menschen das Land verlassen!

  5. Rolf Kessler sagt:

    Wirklich traurig und schade, dass uns solche Leute wie Müge verlassen. Bitter…

  6. Sem sagt:

    Christine widerspricht sich und macht sich damit unglaubwürdig.
    Ich kann die Erfahrungen vieler Deutsch-Türken aus eigener Erfahrung teilen und plane meinen Abschied von diesem Land der Richter und Henker.
    Ich denke, daß Deutschland die gut ausgebildeten Türken nicht verdient :das ist wie Perlen vor die Säue geworfen. Die Personaler zeigen die typisch deutsche Arroganz und Weltfremdheit: Sie haben verschlafen und es nicht mitbekommen, aber die Unis und Abschlüsse vielerorts sind deutlich über dem Niveau deutscher Unis. Ich werde meiner Tochter sicherlich nicht empfehlen in Deutschland zu studieren, geschweige denn sich in Deutschland nieder zu lassen. Da lege ich Wert auf Qualität und das bieten Deutsche Unis und Betriebe bei Weitem nicht. Mir fällt bei bestem Willen kein Grund ein warum jemand mit einer guten Ausbildung ausgerechnet nach Deutschland wollte. Wer bleibt schon freiwillig auf einem sinkenden Schiff?

  7. Marie sagt:

    Die Behauptungen von Christine kann ich nach jahrelanger Sichtung von Bewerbungen in meinem derzeitigen Unternehmen in keiner Weise bestätigen. Schlechte Bewerbungen gibt es bei Bewerbern aller Nationalitäten. Die Einstellungschancen von Menschen mit türkischer Herkunft sind erheblich schlechter, als die von Deutschen – im Zweifelsfall wird selbst bei schlechteren Qualifikationen und schlechteren Bewerbungsunterlagen ein deutscher Bewerber bevorzugt. Frauen, die Kopftücher tragen, haben so gut wie keine Chance. In meinem Unternehmen mit mehreren Tausend Arbeitnehmern ist mir überhaupt nur ein einziger Fall bekannt, in welchen eine Frau mit Kopftuch eingestellt wurde – für ein Praktikum. In der Türkei habe ich bei mehreren Aufenthalten bestausgebildete Menschen kennen gelernt, die perfekte mehrsprachige Qualifikationen aufweisen und hohe Abschlüsse, die sie in Deutschland erworben haben. Die sind alle wieder zürück in die Türkei und haben dort tolle Karrieren gemacht, sehr gebildet, sehr leistungsorientiert, sehr fähig – in Deutschland hatten sie keine Chance.

  8. Mel sagt:

    Ich bin Pflegedienstleiterin und gute qualifizierte Fachkräfte in diesem Bereich zu finden ist schwierig.So,wie Christine hat auch die Geschäftsleitung die Bewerbungsunterlagen aussortiert.Das fand ich schon ganz schön oberflächlich,weil eine Bewerbung „nach DIN“ könnte jeder auch „machen“ lassen,sagt also nichts über den Menschen aus,der sie eingereicht hat.Also hab ich mir die Bewerbungen genommen und nach Qualifikation sortiert und vorgeladen,und siehe da,die Leute mit den schlechtesten Bewerbungen sind heute unsere besten Mitarbeiter:motiviert,engagiert,fachlich kompetent , freundlich und bei den Patienten sehr beliebt!Muß halt jeder selber wissen,welche Ansprüche er an seine Mitarbeiter stellt…

  9. Der Khan sagt:

    Kann ich nicht bestätigen. Ich bin Türke, ohne deutschen Pass und 31. Schwarzes Haar, dunkle Augen/Haut, typischen türkischen Namen und so. Während BWL-Studium habe ich mich fürs Praxissemster bei einem der Top-5 Consultings beworben, da hieß es vom Prof, da kommt man so super schwer rein. Mich haben sie am Ende genommen, die anderen Kommilitonen sind aufgelaufen. Hatte ja auch schon direkt nach dem Abi mal einen Job angenommen, damit sich das später gut auf dem Papier macht. Und nicht so Handyverkäuferjob, sondern was fürs Papier. Später wieder Praktikum freiwillig. Und beim Studium auch direkt guten Studijob. Wer als Studi das nicht macht ist selbst schuld halt. Weil als Studi kommst du fast überall rein. Später eben nicht mehr. Also direkt ausgenutzt. Aber auch hier auf jeden Fall Arbeitgeber strategisch fürs Papier gut gewählt! Nach dem Studium direkt beworben, von ca. 15 Bewerbungen habe ich fast die Hälfte an Einladungen bekommen und jetzt bis vor kurzem in Führungsposition gewesen. Wg. mehr Lohn mich mit Zwischenzeugnis nur 1x woanders beworben, Gespräche geführt und jetzt neuer noch besserer Job. Ok. fast nur deutsche Kollegen in der Abteilung. Die deutschen Kollegen sind halt nicht so lustig, die labern halt nicht so viel Spaßkram. Ja, also, und? Ich soll ja auch arbeiten, nicht Dügün feiern (türkische Hochzeit) und auf Davul Zurna tanzen (Rambazamba auf türkisch). Viele meiner Freunde, also auch viele Türken, jammern ständig herum. Auf Türkisch sagen wir „mirin kirin“ dazu. Deutsch würde ich mit „Wehwehchen“ übersetzen, halt so: der ist gemein zu mir, dies tut mir weh, Welt ist böse und so. Die erzählen dann was von kein Job und Wirtschaftskrise und so Kram. Ich denk mir immer so mein Teil dabei. Und wie ist Yücel denn drauf? In der Türkei hast du doch auch den gleichen Kram, oder glaubst du Unternehmen wie Ülker und Arcelik nehmen einfach jeden? Wenn Du Opfer in Deutschland bist, bist du auch Opfer in der Türkei , bist halt Opfer überall. Das ist meine Meinung. Ich komme hier super klar. Ich finde überall einen Job, egal welches Land. Wer halt sein Ding durchzieht, zieht halt sein Ding durch.

  10. Ercan sagt:

    Ich habe mir gerade das Audio-File angehört. Entschuldigen Sie Frau Yücel, aber 60 Bewerbungen am Tag? Bei einem 8-Stunden-Tag ohne Pause hätten Sie demnach 8 Minuten pro Unternehmen Zeit gehabt. Aber da kann doch nichts Anständiges bei rauskommen. Ich habe bei meiner ersten Bewerbungsphase höchstens 3 Bewerbungen pro Tag geschafft. Dazu muss man erst mal die passende Stelle durch aufwändige Recherchen finden, sich dann die Website des Unternehmens anschauen, Anforderungsprofil detailliert nachvollziehen, jedes Anschreiben individuell gestalten und auf dem Lebenslauf je nach Jobangebot andere Schwerpunkte setzen und dann das von Freunden gegenlesen lassen. Vor jedem Bewerbungsgespräch habe ich mich außerdem mind. einen halben Tag mit dem Unternehmen beschäftigt.

    Ich habe einen türkischen Namen sowie einen türkischen Geburtsort in meinem Lebenslauf, sehe südländisch aus und meine Quote der Einladungen zu Vorstellungsgesprächen lag bei mind. 40% – ich bin ebenfalls Akademiker, 38 Jahre alt und bin mittlerweile im Top-Management eines großen deutschen Marktforschungsunternehmens.

    Wir haben u. a. bei uns Türken, Chinesen, Ukrainer, Kroaten und Afrikaner. Bei uns zählt Arbeitsleistung, Erfahrung und Kompetenz. Ich bin ab und zu bei Vorstellungsgesprächen dabei. Wir schauen immer, ob die Person zur Stelle passt. KO-Kriterien gibt es viele bei uns. Aber türkischer Herkunft oder türkischer Name wäre mir neu. Wie die IT bei uns immer zu sagen pflegt: Das Problem liegt selten am System, sondern beim Anwender.


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