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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Syrien

Innenminister will 5.000 Flüchtlinge aufnehmen – vor allem christliche

Der Krieg in Syrien tobt, Millionen Menschen sind auf der Flucht, kämpfen ums Überleben. 5.000 von ihnen möchte Innenminister Friedrich in Deutschland aufnehmen – vor allem Christen. Das stößt auf Kritik: „Ganz schön unchristlich.“

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) wird 5.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen. Das kündigte er am Mittwoch in Berlin an. „Hauptkriterium für eine Aufnahme ist die Schutzbedürftigkeit. In erster Linie sollen Familien mit Kindern, Kinder ohne Eltern, aber auch Schutzbedürftige, die in Deutschland bereits Verwandte haben, aufgenommen werden“, erklärte Friedrich und betonte: „Auch auf Christen lastet ein besonderer Verfolgungsdruck, auch sie gehören zu diesen besonders schutzbedürftigen Menschen.“

Ganz schön unchristlich
Die Ankündigung wurde allgemein begrüßt. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) bezeichnete die Initiative als ein „starkes Zeichen der Solidarität und Anteilnahme“. Auch Oppositionspolitiker lobten den Vorstoß. Der Christoph Strässer (SPD) etwa meinte, dass das eine „überfällige Entscheidung“ ist.

Die SPD-Fraktion sei jedoch irritiert darüber, „dass nicht die Schutzbedürftigkeit der Personen das Hauptkriterium für die Auswahl sein soll“. Schwarz-Gelb gehe es scheinbar vor allem „um Flüchtlinge christlichen Glaubens“. Auch SPD-Chef Siegmar Gabriel äußerte Unverständnis per twitter: „Ganz schön unchristlich, Flüchtlinge nach Religion zu sortieren!“ Sein Parteikollege Gernot Erler mahnte ebenfalls: „Die Aufnahmebereitschaft darf sich nicht nach dem Gebetbuch richten.“

An der Notlage orientieren
Auch die Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, Cornelia Füllkrug-Weitzel, erklärte, Deutschland müsse „sich bei der Aufnahme ohne Ansehen der ethnischen oder religiösen Herkunft an der konkreten Notlage der Flüchtlinge orientieren“. Bei den Aufnahmekriterien sollten vor allem Schutzbedürftige und Angehörige von in Deutschland lebenden Menschen mit syrischen Wurzeln berücksichtigt werden.

Über eine Million Menschen sind nach UNO-Angaben mittlerweile in Nachbarländer geflüchtet, weitere rund 3,6 Millionen Menschen seien innerhalb des Landes auf der Flucht. Sie versuchten, unter extrem schwierigen Umständen zu überleben.

5.000 nur ein Anfang!
Angesichts dieser Notsituation könne die Aufnahme von 5.000 Personen „daher nur ein erster Schritt sein“, erklärte SPD-Politiker Rüdiger Veit. Für ein „großzügig ausgestaltetes“ Kontingent spricht sich auch Füllkrug-Weizel aus. „Denn nur dann werden die Nachbarstaaten Syriens die Aufnahme als tatsächliche Entlastung erfahren“.

Beobachter gehen davon aus, dass die Kämpfe zwischen Armee und Rebellen sich noch verschärfen und immer mehr Menschen das Land verlassen werden. In Deutschland sollen die ersten der 5.000 Flüchtlinge voraussichtlich Anfang Juni ankommen.(hs)

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8 Kommentare
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  1. Kolcek sagt:

    Ich finde die Kritik an dem Vorgehen von Herrn Friedrich für unberechtigt. Jeder, auch die aus der SPD, wissen dass die Muslime nach dem Bürgerkrieg ohne ihr Leben aufs Spiel zu setzen zurück kehren können. Die Christen mit Sicherheit nicht! Außerdem kann der Krieg nicht mehr so lange andauern.

    Oder hat beim Migazin andere Informationen. Soweit ich weiß sind die Christen die am meisten verfolgte Minderheit im Nahen und Mittleren Osten. In diesem Fall keinen Unterschied in der Religionszugehörigkeit zu machen, wäre absolut unmenschlich und töricht. Erst hilft man denen die die grössten Probleme haben und man verteilt nicht die gesamte Hilfe mit der Gießkanne auf alle, wie das hier im Artikel und von manchen Politikern gefordert wird. Und selbstverständlich sollten christlich geprägte Länder vermehrt Christen aufnehmen und muslimische Länder vermehrt Muslime. Das ist für mich eine logische, effektive und menschliche Flüchtlingspolitik. Alles andere ist wischi-waschi-multikulti.

    Aber nun gut Hauptsache alle Politiker konnten nochmal kurz ihre Wahlkampf-verzerrte Floskeln zu dem Thema zum besten geben und das Migazin konnte sich daran reiben.

  2. Marie sagt:

    Ich finde die Kritik an dem Vorgehen des Herrn Friedrich sehr berechtigt und selbstverständlich darf sich humanitäre Hilfe nicht nach der Religion richten, sondern nach der konkreten Notlage ohne Ansehen der Religion oder der ethnischen Herkunft. So sind sie halt, die ganz besonders christlichen Christen vom Schlage des Herrn Friedrich – richtig barmherzig und voller Güte und Nächstenliebe, aber möglichst vorrangig nur für verfolgte Christen.

  3. krause sagt:

    @Marie
    „darf sich humanitäre Hilfe nicht nach der Religion richten, sondern nach der konkreten Notlage “
    Das tut er doch. Christen sind im Nahen Osten in einer größeren Notlage als Muslime, da sie in Syrien wie auch in anderen muslimischen Länder verfolgt werden bzw nicht besonders gut gelitten sind. Sunnitische Flüchtlinge können ohne größere Probleme in anderen muslimische Länder ausweichen; da ist es zwar nicht so nett wie in Deutschland, dies ist jedoch ein anderes Thema.

  4. Lionel sagt:

    Interessant, dass Leute wie Sigmar Gabriel, die bisher noch nicht als praktizierende Christen aufgefallen sind, nassforsch meinen, richtiges christliches Verhalten definieren zu können.
    Innenminister Friedrich hat auch nicht , wie es die Überschrift suggeriert, gefordert vor allem christliche Flüchtlinge aufzunehmen.
    Hauptkriterium für die Aufnahme soll ja die Schutzbedürftigkeit sein, und es entspricht doch der Realität, wenn er feststellt, dass sie auch bei Christen wegen des auf sie ausgeübten Verfolgungsdrucks gegeben ist.
    Deren Notlage wird ja gerade wegen ihrer Zugehörigkeit zum christlichen Glauben verschärft.

  5. Es ist für mich völlig legitim, dass Herr Friedrich auf die schwierige Situation von Christen in Syrien aufmerksam macht, die als Minderheit zwischen den regierenden Alawiten und den opponierenden Sunniten stehen. Leider ist der Bürgerkrieg zu einem ethischen, religiösen Konflikt ausgeartet – in Syrien wird nun einmal leider ein Unterschied zwischen den Konfessionen gemacht, nach dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in viel stärkerem Maße als vorher.

    Ich habe nirgendwo gelesen, dass die Bundesregierung aus diesem Kontingent von 5.000 zunächst nur christliche Syrer aufnehmen möchte – auch wenn dies auf der Website „Islam.de“ bzw. von der Opposition so dargestellt wird. Nach Herrn Friedrichs Aussage ist die Schutzbedürftigkeit demnach das Hauptkriterium der Aufnahme.
    Herr Mayzek (Chefkorrespondent von Islam.de und Vorsitzender des „Zentralrates der Muslime“) hat schon mehrfach von einer „angenommenen Christenverfolgung“ in Ägypten gesprochen. In den Artikeln auf Islam.de wurden nach Mordanschlägen auf Kopten deren Situation verleugnet, in dem unter anderem von ausgeübter „Rache“ an den Christen geschrieben wurde.
    Auch sonst wird die Lage der Christen im Nahen Osten und der Türkei von den Islamverbänden leider häufiger verleugnet bzw. verharmlost. Meines Erachtens scheinen die Islamverbände einen Wettbewerb ausgeschrieben zu haben unter dem Motto: „Die Muslime werden weltweit am stärksten verfolgt“ (störende Nachrichten aus islamisch geprägten Ländern über den Umgang mit ethischen und religiösen Minderheiten, die dies relativieren könnten, werden nach diesem Verständnis möglichst unter den Teppich gekehrt).

    Für mich sollte es – neben der begrenzten Aufnahme von Flüchtlingen – darum gehen, die Türkei finanziell und planerisch bei Aufnahme und Versorgung der syrischen Flüchtlinge noch viel stärker zu unterstützen. Nicht nur Zeltlager, sondern Wohncontainer (wie dies bei Flüchtlingen in Asylbewerberunterkünften in Deutschland der Fall ist) könnten von Deutschland an die Türkei geliefert werden sowie Unterstützung bei der Schulbildung der syrischen Kinder geleistet werden.
    Es ist nicht ausgeschlossen, dass der schreckliche Bürgerkrieg in den nächsten Jahren beendet ist und die Rückkehr der geflüchteten Syrer damit im Rahmen eines internationen Aufbauprogrammes begonnen werden kann.

  6. Aloha sagt:

    Meinetwegen könnten wir auch 100.000 Menschen aufnehmen. Und das meine ich ganz ernst!

    WENN die Menschen denn nach der Beendigung der Fluchtgründe auch wieder alle in ihre Heimat zurückkehren.

    Und das ist der Knackpunkt, weswegen es meines Erachtens einen immer größer werdenden Widerstand in der Bevölkerung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen gibt: Viel zuviele bleiben uns auf ewig erhalten.

    Das derzeitige Asylrecht wird zur Masseneinwanderung mißbraucht. Und das sollte so nicht sein.

  7. aloo masala sagt:

    @Lionel

    Interessant ist, dass Sie einem Protestanten faktisch den Mund verbieten wollen, weil er nicht öffentllchkeitswirksam den Christen raushängen lässt. Ich denke, solche Art von Ermahnungen sind besser bei den Deutschen angebracht, die zwar keine Ahnung von der eigenen christlichen Tradition haben aber fortlaufend den Muslimen erklären wollen, wie der Islam wirklich funktioniert, z.B. ob man ein Kopftuch zu tragen hat, ob Beschneidung sinnvoll ist und so weiter und so fort.

  8. mika sagt:

    Eine ganz typische Reaktion für Herrn Friedrich!



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