Kısmet - Nichts als Ruhe - MiGAZIN

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat. Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966 Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Kısmet

Nichts als Ruhe

Mein Kopf brummt. Meine Augen glänzen. Meine Nebenhöhlen sind dicht. Eine Grippe hat mich voll erwischt. Ich komme kaum dazu, diese Zeilen zu schreiben. Nicht nur weil sie vor meinen Augen flimmern, sondern auch wegen des kontinuerlichen Summens meines Handys.

VONFlorian Schrodt

 Nichts als Ruhe
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM6. Februar 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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In aller Einigkeit hat die Familie entschieden, dass ich Ruhe brauche. In regelmäßigen Abständen wird jedoch via Anruf oder mittels Textnachricht nachgefragt, ob ich denn auch nichts anderes brauche. Selbst Baba ist in der Leitung: „Junge“, wie er mich fast immer nennt, „ich hole dir Vitamine aus der Apotheke“. Nett gemeint, dabei haben wir ihm selbst erst vor zwei Tagen seine Medikamente holen müssen, weil er sich strikt weigert, bei Winterwetter das Haus zu verlassen. Das ist bei seinem Gesundheitszustand auch besser so.

Auch ich bin erleichtert, das Haus nicht verlassen zu müssen. Kaum hat Baba seinen Versuch aufgegeben, mir wider jede Vernunft helfen zu wollen, klingelt es. Nein, diesmal nicht das Telefon, sondern an der Tür. Meine Schwägerin steht mit einem Topf im Eingang. Sie will mir nur Tavuk Çorbası (Hühnersuppe) vorbeibringen, die sie schnell gekocht hat. Und zwar frisch. Wirklich unglaublich, wie sehr ich gehegt und gepflegt werde.

Das Telefon klingelt wieder: „Junge!“ Baba ist wieder am Apparat, Anne wolle mir eine Suppe kochen, will er mir lediglich mitteilen. Und das hat etwas zu heißen. In der Küche konzentriert sich Anne eigentlich nur noch auf das Wesentliche. 50 Jahre hat sie tagtäglich gekocht, mittlerweile hat sie die Nase voll. Zumal Baba mit der Zeit immer nörgelnder wurde und sonst eigentlich auch keine regelmäßigen Esser mehr im Haus sind. Anne scheint im Hintergrund fast schon etwas beleidigt, dass ihr ihre Tochter zuvorgekommen ist. Baba lässt sich davon nicht beirren, er empfiehlt mir stattdessen seine Hausrezepte. Schmackhaft klingt anders. Zum Glück gibt’s leckere Suppe.

Wobei mein Schwiegervater schon immer ein Faible für Wundermittelchen aus der Natur hatte. In der Hoffnung auf ein paar Zentimeter mehr Körpergröße für seine Kinder, hatte er seinerzeit in der Türkei Zutaten für eine Rezeptur gekauft, mit der er die Kinder einrieb. Statt eines Wachstumsschubs hatten die Mädchen jedoch nur einen Ausschlag. Baba ist so ein gutgläubiger Mann, der nur das beste will, aber eine solche Erfahrung möchte ich nicht teilen, so dass ich seine Wundermittel dankend ablehne.

Im Hintergrund scharrt Anne merklich mit den Hufen, weil auch sie mit ihrem Schwiegersohn sprechen möchte. Nachdem ihr Suppenplan über den Haufen geworfen wurde, will sie lediglich wissen, ob sie mir was anderes kochen könne, so eine Suppe sei eine gute Grundlage, aber ich müsste mehr zu Kräften kommen. Ihre Fürsorge ist herrlich. Aber auch das schlage ich dankend aus. Sie hat sich lange genug um ihren Mann kümmern und ihn pflegen müssen.

Zunächst hatte er vor 30 Jahren eine Rücken-OP, die ihn fast ein Jahr in eine Gipskorsage zwang, danach einen Herzinfarkt und noch heute seine Lungenprobleme. Schon längst ist sie die tatkräftige Instanz, die den Haushalt zusammenhält. Baba ist mittlerweile eher der stille Patriarch im Hintergrund. Mitunter zu seinem Leidwesen, da Anne auch die Kasse übernommen hat und Baba somit nicht mehr ohne weiteres Lotto spielen kann. Ich kann ihn im Hintergrund doch quengeln hören, dass er für morgen noch Lotto spielen will. Sie diskutieren, weshalb das Gespräch nun schnell beendet wird.

Nach dem Telefonat versuche ich für ein paar Minuten die Augen zu schließen. Der Tag ist schon fast vorüber. Es klingelt an der Tür. Es ist meine voll bepackte Freundin. Sie hat ein frisches Hühnchen in der Hand. Und will Suppe machen. „Was willst du essen?“, fragt sie mich freudestrahlend. „Ich habe extra ein frisches Hühnchen gekauft.“ Ich deute nur auf den Topf in der Küche. Sie greift zum Telefon, um ihre Schwester anzurufen. Ich lege mich auf die Couch und schmiege mich unter die Decke. Mein Kopf brummt, aber ich fühle mich schon besser. Kein Wunder. Bei so viel liebevoller Fürsorge. Maşallah.

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6 Kommentare
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  1. Feriah F. sagt:

    Hallo Herr Schrodt,
    Ihre tolle Kolumne zu lesen, brachte mir einen guten Start in den Tag. Sie haben wirklich eine fürsorgliche Familie :-)
    ich denke, sie fühlen sich wohl in ihrer türkischen Familie und das ist schön. Masallah!
    Ihnen eine gute Besserung.

  2. Metscher sagt:

    Ich finde Ihre Kolumne recht nett.

    Aber eines würde mich interessieren: Interessiert sich Ihre türkische Freundin eigentlich auch nur annähernd für Ihre deutsche Familie, wie Sie sich für die Familie Ihrer Frau interessieren?

  3. Florian Schrodt sagt:

    @Metscher vielen Dank. Meine Freundin interessiert sich in der Tat sehr für meine Familie. Durch sie habe ich eine wesentlich engere Beziehung zu meiner Familie als zuvor (zu ihrem Selbstverständnis gehört es eben, sich öfter mal zu melden und vorbeizuschauen). Zumal meine Familie meine Freundin sehr schätzt und eine enge Bindung pflegt. Man könnte auch sagen, sie ist ein belebendes Element ;-) Das versuche ich ab und an auch hier einfließen zu lassen, vielleicht sollte ich darüber mal ausgiebiger berichten.
    Wenn Sie noch Fragen haben, immer gerne.
    Grüße
    Florian

  4. Lothar Schmidt sagt:

    @Metscher

    Herr Schrodt hat ausgesprochen Glück mit seinen beiden Familien. Das ist tatsächlich gelebte integration von beiden Seiten. So, wie es das Ideal wäre, wie ich persönlich finde.

    @Herr Schrodt

    Gratulation zur gelungenen Kolumne, Herr Schrodt, und gute Besserung. Pfefferminztee hilft auch und naütrlich Ingwer. Tonnenweise.

    Gott zum Gruße

  5. Florian Schrodt sagt:

    @Feriah oh, ich habe ihren Kommentar ganz überlesen, das muss an den Medikamenten liegen ;-) freut mich, dass sich die Kolumne positiv auf Ihren Tag auswirkt. Vielen Dank für Ihre Genesungswünsche.
    Grüße
    Florian

  6. Florian Schrodt sagt:

    @Lothar Schmidt ich fühle mich unglaublich wohl und sehe es auch als Glück. :-) das Schöne ist, dass das Zwischenmenschliche im Vordergrund steht. Bei interkulturellen Fragen ist es eher eine gegenseitige Neugier. und viel Humor ;-)
    Freut mich, dass Ihnen die Kolumne gefällt.
    Habe übrigens tatsächlich gute Erfahrungen mit dem Ingwer gemacht, nur die Minze ist ausgegangen. Aber reichlich Hühnersuppe ist ja auch noch vorhanden. Vielen Dank für die besten Wünsche :-)
    Gott zum Grusse



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