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Patchwork-Religiosität

Wenn Familien zweimal Weihnachten feiern

Mehr als ein Fünftel der Deutschen pflegen Patchwork-Religiosität. Und: Religiöse Vielfalt in Deutschland war noch nie so groß wie heute. Das sagt Religionssoziologin Dr. Christel Gärtner von der Uni-Münster.

Mehr als ein Fünftel der Deutschen pflegen Soziologen zufolge eine Patchwork-Religiosität. „Die spirituellen Sinnsucher kombinieren Elemente verschiedener Religionstraditionen, ohne sich einer Richtung verpflichtet zu fühlen“, sagte Religionssoziologin Dr. Christel Gärtner vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ am Dienstagabend in Münster. „Sie suchen nach Antworten, die sie in ihrer ursprünglichen Tradition nicht finden.“ Die Bindung an eine Religionsgemeinschaft wechsle oft durch Veränderungen im Lebensweg, etwa durch Krisen in der Familie. „Dafür lassen sich in qualitativen Studien mit biografischen Interviews viele Beispiele finden.“

Auch durch interreligiöse Ehen entstehen religiöse Mehrfachidentitäten, wie die Forscherin darlegte. „Die Kinder nehmen an den Riten beider Eltern teil. Sie feiern etwa das christliche und das orthodoxe Weihnachtsfest gleichermaßen.“ Das religiöse Spektrum sei so groß wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. „In deutschen Metropolen sind oft mehr als 200 Religionsgemeinschaften anzutreffen. Frankfurt am Main zählt neben New York und London zu den Städten mit der größten Religionsvielfalt.“ Das religiöse Feld werde nicht mehr von Monopolanbietern beherrscht. Aus dem breiten Religionsspektrum wählten viele Menschen frei aus und fügten Elemente zusammen.

Esoterik bis New Age
Die Bandbreite der Patchwork-Religiosität reicht demnach von Esoterik und New Age, die an keine Institution mehr gebunden sind, bis zu Mitgliedern einer christlichen Großkirche, die fernöstliche Elemente in die katholische oder evangelische Identität integrieren. „Solche Vermischungen von Glaubensinhalten und Praktiken sind selbstverständlich geworden.“ 22 Prozent aller Deutschen nähmen sie vor, wie der bislang einzige Religionsmonitor von 2008 zeige. „Heute weiß fast jeder, was Yin und Yang, Meditation oder Reiki bedeutet. Das wussten vor 50 Jahren nur wenige“, sagte Gärtner in der Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“ des Exzellenzclusters und des „Centrums für Religion und Moderne“ (CRM).

Die Soziologin untersucht die Religiosität verschiedener Bevölkerungsgruppen in qualitativen Studien. Sie befragte etwa muslimische und christliche Jugendliche, führende deutsche Journalisten oder Katholiken, die sich in Osteuropa engagieren, in Gruppen-und Einzelinterviews, die mit der Methode der „Objektiven Hermeneutik“ detailliert ausgewertet wurden. In ihrem Vortrag nahm sie eine Systematisierung der religiösen Identitäten in Deutschland vor, wo je 30 Prozent der Bevölkerung Katholiken, Protestanten und Religionslose sind. Zehn Prozent gehören anderen Religionsgemeinschaften an: der Orthodoxie, dem Judentum, dem Islam „als Einwanderungsreligion schlechthin“, dem Hinduismus und Buddhismus. Gärtner: „Außerdem nehmen neureligiöse und synkretistische Gemeinschaften nach soziologischer Einschätzung weit mehr Einfluss auf die religiöse Szenerie als ihre Mitgliederzahlen vermuten lassen.“

Keine Gruppe ist homogen
Keine dieser Gruppen sei in sich homogen, unterstrich die Forscherin. „Es ist auch keine davon eindeutig religiös oder säkular.“ So reiche die Spannweite innerhalb der großen Gruppe der Religiösen von der unverbindlichen Patchwork-Identität über recht eindeutige christliche, jüdische und islamische Identitäten bis zum Fundamentalismus, etwa islamischer oder evangelikaler Ausrichtung. Bei den christlichen Identitäten finde sich wiederum eine Abstufung von enger kirchlicher Bindung bis zur distanzierten, rein nominalen Kirchenzugehörigkeit.

Auch die Gruppe der Religionslosen stellt sich demnach nicht einheitlich dar. „Dazu gehören Menschen mit säkularen Identitäten, die ohne jede religiöse Sprache auskommen oder sich eine Offenheit zur Transzendenz bewahren“, so Gärtner. Diese Richtung sei unter Gebildeten stark vertreten. Hinzu kämen Religionslose, die aus der Kirche ausgetreten seien, „bis hin zu glühenden Atheisten, deren Identität von der Abgrenzung von der Kirche lebt.“ (pm/eb)

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Ein Kommentar
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  1. Klirrtext sagt:

    „bis hin zu glühenden Atheisten, deren Identität von der Abgrenzung von der Kirche lebt.“

    Wäre traurig, wenn meine Identität sich über das Nicht-Vorhanden-Sein eines menschengemachten, obsoleten Aberglaubens definiert. Mag sein, dass Gläubige mich auf diesen Aspekt reduzieren. Dann bin ich allerdings sehr facettenreich, denn ich bin außerdem Nichtraucher, Nichtsäufer, NichtBILDleser, nichtBMWAudiMercedesfahrer usw. usw.



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